Personalnotstand

Kita-Betreiber warnen in Protestbrief vor Erziehermangel

Senatorin Sandra Scheeres (SPD) will „Erzieher“ zum Mangelberuf erklären. Das reicht nicht, kritisieren Kita-Betreiber.

Viel Zeit für Kinder? In vielen Kitas gibt es zu wenige Erzieherinnen

Viel Zeit für Kinder? In vielen Kitas gibt es zu wenige Erzieherinnen

Foto: skynesher / Getty Images

Der Personalnotstand in den Kitas ist größer als bisher angenommen. Anders als von der Bildungsverwaltung verlautbart, fehlen schon jetzt in den Kitas Hunderte Erzieher. Zahlreiche Plätze können nicht belegt werden, weil kein Personal für die Betreuung der Kinder zu finden ist. Das geht aus einem Schreiben der AG Kindertagesbetreuung Pankow hervor, das der Berliner Morgenpost vorliegt.

Mit Erstaunen hätten das gemeinsame Gremium von offenen und freien Kita-Trägern die Aussage der Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zur Kenntnis genommen, es gebe gegenwärtig genügend Erzieher. Eine Abfrage an zehn Pankower Trägern mit 115 Kitas habe ergeben, dass auf 11.106 belegte Betreuungsplätze derzeit 118 offene Stellen kommen.

Hinzu komme: Man könnte mehr Kinder betreuen, nur fehle es dazu an Erziehern. „Wir könnten umgehend 76 weitere Kinder aufnehmen, wenn wir dafür Personal fänden. Das entspricht in etwa einer mittelgroßen Kita“, sagte Monika Pause, Vorstandsmitglied der AG und Geschäftsführerin des Kita-Trägers Vielfarb Social gGmbH. Gerade in Pankow sei das dramatisch, da in dem Bezirk die Zahl der Kinder unter sechs Jahren stark zunehme.

Berlin plant, wie berichtet, einen Ausbau von weiteren 30.000 Kitaplätzen bis zum Jahr 2020. Allein in diesem Jahr sollen 10.000 neue Plätze entstehen. Zudem soll der Personalschlüssel für Kinder unter drei Jahren verbessert werden. Die Senatorin will sich deshalb auf Bundesebene dafür einsetzen, dass der Erzieherberuf zum Mangelberuf erklärt wird. Die Pankower Träger begrüßen zwar diese Initiative, sind aber gleichzeitig skeptisch, wie der Ausbau angesichts des Fachkräftemangels gelingen soll. „Für uns sind ausgebildete Kita-Erzieher schon jetzt Goldstaub“, sagte Monika Pause.

Grüne fordern mehr Zuschüsse für Quereinsteiger

Die Senatsverwaltung für Bildung reagiert mit Verwunderung auf die Kritik der Pankower Kita-Träger. „Es gibt in Berlin rund 7.000 unbelegte Kitaplätze“, sagte ein Sprecher der Senatorin am Sonntag. Diese Betreuungsplätze hätten nicht ausgeschrieben werden können, gäbe es nicht genügend Personal zur Betreuung. „Richtig ist aber, dass wir einen Bedarf an Erziehern haben, sonst würden wir nicht von einem Mangelberuf sprechen“, heißt es aus der Senatsverwaltung.

Senatorin will Erzieher zum Mangelberuf erklären lassen

Man habe in der vergangenen Legislaturperiode die Ausbildungsplätze verdoppelt und werde auch in Zukunft die Fachschulen ausbauen. Etwas anders die Sicht beim Koalitionspartner von den Grünen. „Es reicht nicht mehr aus, wie in der Vergangenheit einfach die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen“, sagt Marianne Burkert-Eulitz, familienpolitische Sprecherin im Abgeordnetenhaus. Den Vorstoß der Bildungssenatorin hält sie allerdings für richtig. Zumal durch die Umwidmung zum Mangelberuf auch ein weiteres Pro­blem gelöst werden könnte. So würden Umschulungen in den Erzieherberuf durch die Jobcenter derzeit nur über zwei Jahre finanziert. An Fachschulen wird jedoch drei Jahre lang ausgebildet. Viele der Quereinsteiger, die durch das Jobcenter bezuschusst werden, würden wegen der kurzen Ausbildung letztendlich nicht als Erzieher zugelassen, da sie die entsprechende Prüfung nicht bestehen. Über die Ausrufung zum Mangelberuf, könnte laut Burkert-Eulitz auch eine länger Ausbildung für Quereinsteiger finanziert werden.

Kita-Betreiber: Die Situation wird sich zuspitzen

Personalnotstand gibt es nicht nur in Pankow. Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband bestätigte die prekäre Situation. Der Kita-Referent Torsten Wischnewski-Ruschin rechnet bis zum Sommer mit 1.500 unbesetzten Erzieherstellen. Derzeit werden die Kinder in den neu eingerichteten Gruppen nach und nach eingewöhnt, deshalb wird sich der Mangel in den kommenden Wochen weiter zuspitzen.

Ein Problem sei dabei auch, dass die Erzieher in Berlin etwa 350 Euro weniger verdienen als in anderen Bundesländern. Deshalb halte sich das Interesse von Bewerbern aus dem Bundesgebiet in Grenzen. Das Anheben der Tariflöhne hält auch der familienpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Roman Simon, für entscheidend: „Der Schritt zum Mangelberuf ist richtig, er wird aber nicht ausreichen.“

In diesem Jahr werden 1800 Erzieher in Berlin mit ihrer Ausbildung fertig. Doch versuchen viele weiter Sozialpädagogik zu studieren, etwa 25 Prozent der Absolventen bewerben sich als Erzieher an den Schulen.