Strafprozess

Angriff im Fernbus: Mit dem Messer ins Gesicht gestochen

Der 20-jährige Omar A. attackiert in einem Bus andere Reisende. Seit Dienstag steht er wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht.

Fahrgäste gehen am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Berlin zu den Fernbussen. Hier war im Dezember 2015 der Bus gestartet, in dem es zu der Gewalttat kam (Archivbild)

Fahrgäste gehen am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Berlin zu den Fernbussen. Hier war im Dezember 2015 der Bus gestartet, in dem es zu der Gewalttat kam (Archivbild)

Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Omar A. hofft, jetzt könne alles besser werden. Weil die Eltern und der jüngere Bruder jetzt auch in Berlin sind. Sein Blick schweift wehmütig zu den Zuschauerbänken im Saal 820 des Moabiter Kriminalgerichts, wo die Mutter und der Bruder sitzen.

Der 20-Jährige muss sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Am 21. Dezember 2015 schlug er in einem Fernreisebus nach Mailand zwei Passagiere. Wenig später attackierte er einen weiteren Fahrgast mit einem Cuttermesser. Die Schnittverletzung verlief 15 Zentimeter lang von der Schläfe über die linke Wange und musste im Krankenhaus genäht werden. Geblieben ist bei dem 54 Jahre alten Opfer eine deutlich sichtbare Narbe.

Fahrgast soll Angeklagten durch Telefonat gestört haben

Omar A. gibt das vor Gericht auch alles zu. In einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung wird seine Hilflosigkeit beschrieben. 2014 kam Omar A., geboren in Syrien, nach Berlin. Hier habe er, zumindest aus seiner Sicht, eine vergleichsweise schlechte Betreuung erfahren. So sei ihm erst sehr spät und auch nur durch Hilfe einer Sozialarbeiterin ein Deutschkurs angeboten worden. Auch habe er sich mit der Wohnung in der Moabiter Beusselstraße, die ihm zugewiesen wurde, überfordert gefühlt. Von Problemen bei Zahlen der Fixkosten ist die Rede, und dass es einschüchterne Mahnschreiben von Anwälten gegeben habe. Bei seinem jüngeren Bruder, der noch vor den Eltern allein nach Berlin kam und von der Behörden den Status eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings bekam, sei das alles sehr viel besser gelaufen.

Am 21. Dezember 2015 wollte Omar A. mit einem Freund zu dessen Quartier nach Leipzig fahren; es war eine Zwischenstation. Der Bus war gut gefüllt. Sie bekamen keine Plätze mehr nebeneinander. Er habe gekifft und Alkohol getrunken, und dann habe er schlafen wollen, heißt es in Omar A.s Erklärung. Aber in der Sitzreihe vor ihm habe ein anderer Fahrgast pausenlos laut telefoniert. Das habe ihn wütend gemacht. Er habe den Mitreisenden auf Arabisch angeschrien, habe an seiner Sitzlehne gerüttelt. Der andere, ein 40 Jahre alter Reisender aus Italien, soll zurückgeschimpft haben. Omar A. berichtet von einem lauten Streit, er und der Widersacher seien dann auch „handgreiflich“ geworden.

Als sich ein zweiter Italiener eingemischt und ihn geschlagen habe, sei er in „Panik“ geraten und zu seinem Freund gerannt. Dabei habe er „Hilf mir, bei Gott, sie bringen mich um“ geschrien. Anschließend habe er das Cuttermesser aus seinem Rucksack genommen. Da in der Nähe seines Freundes nach wie vor kein Platz frei war, sei er zurück zu seinem eigenen Platz gelaufen. Dort hätten aber noch die Italiener gestanden. Bedrohlich wirkend, so will es Omar A. zumindest empfunden haben. Und er weiß nur noch, dass er mit dem Messer weit ausgeholt habe. Dass er einen von ihnen im Gesicht traf, habe er erst später gemerkt.

Im Anklagesatz steht, Omar A. habe während der Auseinandersetzung mehrfach „Allah“ gerufen. Vor Ausbruch des Streites soll der Angeklagte Rum getrunken und sich auf seinem Handy „ein Video mit eingespielten Tötungs- und Hinrichtungsszenen mit islamischen Hintergrund angeschaut“ haben. In der Nähe des Rastplatzes Michendorf habe Omar A. dann mehrmals „mit der Faust auf den Kopf des vor ihm sitzenden“ Mitreisenden geschlagen. Den Ermittlungen zufolge offenbar ohne jeden Grund. Von einem lauten Telefonat ist nicht die Rede. Das Opfer soll geschlafen haben.

In der Wohnung von Omar A. wurde eine Patrone gefunden

In Polizeiberichten vom Dezember 2015 wird beschrieben, dass es dem Busfahrer gelungen sei, das Fahrzeug auf einen Rastplatz zu lenken. Dort sei der Täter von Beamten überwältigt worden.

Das klingt alles sehr dramatisch und erinnert an den Axt-Angriff eines minderjährigen afghanischen Flüchtlings, der im Juli 2016 fünf Fahrgäste eines bayerischen Regionalzugs verletzte. Der von einem Sonderkommando der Polizei erschossene junge Afghane bekannte sich vor seinem Anschlag zur Terrormiliz IS. Das Verfahren gegen Omar A. ist damit nicht vergleichbar. Ansonsten würde nicht vor einer Jugendkammer des Landgerichtes, sondern vor der Staatsschutzkammer des Kammergerichts verhandelt. Daran änderte auch nichts, als im August 2016 bei einer Durchsuchung seiner Wohnung eine scharfe Patrone gefunden wurde. Das soll ein Zufallsfund gewesen sein, nachdem Omar A. zuvor wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz aufgefallen und darum auch die Wohnung durchsucht worden war. Seitdem sitzt er jedenfalls in Untersuchungshaft.

Die Patrone will Omar A. gefunden haben. Und bei dem sichergestellten Video mit den Tötungs- und Hinrichtungsszenen handele es sich um ein Hip-Hop-Musikvideo. Das wird von der Kammer leicht zu überprüfen sein. Es ist eine Jugendsache, und es geht vorrangig um Erziehung. Die Richter werden nun einen Weg finden müssen für Omar A. Dabei könnte vielleicht helfen, dass auch die Eltern gekommen sind und er wieder eine richtige Familie hat.