Berlin

Staunen über Rad fahrende Frauen im Winter

Eine Frau fährt mit einem Fahrrad auf einem breiten, schneebedeckten Weg. Sie hält einen Hund an der Leine. Nicht nur Menschen, die mit ihren Hunden Gassi gehen, sind für einige der Flüchtlinge, die an diesem Sonntag in einem kleinen Vereinslokal im Berliner Bezirk Wedding zusammensitzen, ziemlich neu. In Afghanistan, dem Heimatland einiger Teilnehmerinnen dieses Kurses, sind auch Rad fahrende Frauen kein alltäglicher Anblick.

Doch um das Verständnis für die deutsche Kultur geht es hier gar nicht. Das läuft eher nebenbei. Die rund ein Dutzend Flüchtlinge und Asylbewerber, Kinder und Erwachsene, die hier im Kreis stehen, sind gekommen, um ihr Deutsch zu verbessern. Die Lehrerin Anne Peters und eine Gruppe von Sechstklässlern von der deutsch-türkischen Aziz-Nesin-Europaschule helfen ihnen dabei. Peters, energisch, 58 Jahre alt, hat eine neue „Sprachschleife“ mitgebracht. Sie teilt die Blätter mit dem Bild der Frau im Schnee und der schriftlichen Bildbeschreibung aus. Die Lehrerin zeigt mit den Händen, wie breit der Weg ist, auf dem die Frau fährt. Wenn sie von „Schnee“ spricht, „rieseln“ ihre Finger durch die Luft. Die Lernenden hören erst nur zu, dann ahmen sie die Gesten und die Wörter nach. Sie wiederholen sie in kleinen Gruppen, gehen im Kreis, freuen sich über die neuen Begriffe, die sie gelernt haben, auch wenn der Genitiv manchmal nervt.

Etwas geht noch, bevor der Lernnachmittag bei Waffeln und Früchtetee ausklingt. „Das ist die Jacke des Mannes, das ist die Jacke der Frau, das ist die Jacke des Kindes“, spricht Peters vor. Dabei zeigt sie abwechselnd auf drei kleine Puppen. Peters steckt viel Zeit in ihr Vereinsprojekt mit dem blumigen Namen „Yaylas Wiese“. Warum tut sie das? Sie will, dass engagierte Menschen in anderen deutschen Kommunen ihr Konzept vom „Gemeinsamen Aktivlernen“ übernehmen. Und sie freut sich über das teilweise beachtliche Lerntempo „ihrer“ Flüchtlinge, die alle seit etwa einem Jahr in Deutschland sind.

Der Syrer Fadi, der an dem Kurs teilnimmt, legt großen Wert darauf, schnell Hochdeutsch zu lernen. Mit dem „Kiezdeutsch“, das einige Sprachwissenschaftler als „neuen Dialekt der Multikulti-Generation“ ausgemacht haben wollen, kann er sich nicht anfreunden. Auch die sprachlichen Besonderheiten alteingesessener Berliner wolle er sich nicht aneignen, sagt der glatt rasierte junge Mann. Wie die klingen, weiß er schon: „So mit ,icke‘ und ,wat‘.“

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