Attentat Breitscheidplatz

Anis Amri ließ sich nach Anschlag am Bahnhof Zoo filmen

Nach dem Anschlag hat sich der Täter Amri bewusst der Kamera im Bahnhof Zoo zugewendet. Der Lkw-Fahrer wurde in Moabit getötet.

Der Attentäter vom Breitscheidplatz, Anis Amri, ist nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt über den Bahnhof Zoo geflüchtet. Wie die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler, am Mittwoch sagte, gebe es vom 19. Dezember Aufzeichnungen einer Überwachungskamera am Bahnhof, auf denen Amri zu erkennen sei. Amri habe gewusst, dass er gefilmt worden sei, sagte die Sprecherin. Er habe sich sogar umgedreht und der Kamera den erhobenen Zeigefinger gezeigt. Der sogenannte Tauhid-Gruß ist vor allem unter IS-Anhängern bekannt.

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Wie die weiteren Ermittlungen ergeben hätten, sei der polnische Lkw-Fahrer bereits vor der Tat gegen 19.30 Uhr am Friedrich-Krause-Ufer in Moabit erschossen worden, rund eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Anschlag. Der Mann habe dabei in seiner Kabine auf dem Beifahrersitz gesessen. Das zeigten die Schmauchspuren am Lkw. Der Lastwagen habe, so Köhler weiter, entgegen der Fahrtrichtung am Spreeufer gestanden, sodass die Fahrerseite schlecht einsehbar gewesen sei. Eine dritte Person habe sich zum Tatzeitpunkt nicht im Fahrzeug befunden.

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Amri sei vor der Tat vom Friedrich-Krause-Ufer noch einmal zur Fussilet-Moschee an der Perleberger Straße gefahren. Laut Generalbundesanwaltschaft wurde er dort von einer Kamera aufgenommen. Die Gebetsstätte gilt als Treffpunkt der Dschihadisten-Szene. Die Berliner Innenverwaltung prüft, den Trägerverein zu verbieten. Wie lange Amri dort war und mit wem er sich möglicherweise getroffen hat, bleibt unklar.

In Fussilet-Moschee gesichtet

Die Mitteilung über die Aufnahme vor der Moschee sorgte zunächst für Verwirrung. Denn der Sender RBB hatte in einem Fernsehbericht vor wenigen Wochen ebenfalls eine Aufnahme aus einer polizeilichen Überwachungskamera von der Moschee gezeigt, die angeblich ebenfalls Anis Amri zeigte. Die Polizei hatte im Innenausschuss daraufhin allerdings mitgeteilt, dass es sich bei dem in dem Bericht gezeigten Mann nicht um Amri handele. Diese Aussage bleibe korrekt, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Das Foto, auf das sich nun der Generalbundesanwalt bezogen habe, sei mit den vom RBB gezeigten Bildern nicht identisch.

Nach dem Moschee-Besuch kehrte er wieder zum Lkw zurück. Vor dem Anschlag sei er mit dem Laster über die Budapester Straße und Hardenbergstraße zum Ernst-Reuter-Platz gefahren, dann wieder über die Hardenbergstraße und schließlich auf den Breitscheidplatz. Das hätten die GPS-Daten des Lkw ergeben. Bei dem Anschlag waren zwölf Menschen ums Leben gekommen, mehr als 50 weitere wurden verletzt.

Flucht über die Niederlande

Sein Fluchtweg führte ihn in die Niederlande, wo er am 21. Dezember gegen 11.30 Uhr am Bahnhof Nimwegen erfasst wurde, gegen 1.30 Uhr dann erfasste ihn eine Kamera am Bahnhof Amsterdam. Von dort reiste er weiter über Lyon und Chambery nach Turin und schließlich nach Mailand, wo es zu dem tödlichen Schusswechsel mit der Polizei kam, bei dem Amri erschossen wurde. Wo sich Amri am 20. Dezember, dem Tag nach der Tat, aufhielt, ist noch nicht endgültig geklärt. Es gebe Erkenntnisse, wonach er nach der Tat über Nordrhein-Westfalen reiste, sagte Köhler. Das müsse aber noch weiter untersucht werden.

Inzwischen steht fest, dass die Waffe, die Amri bei dem Anschlag benutzte, dieselbe ist, mit der er in Italien auf die Polizisten feuerte. Die Geschosshülse, die in dem Lkw in Berlin gefunden worden sei, passe ballistisch zu denen in Italien, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft weiter. Wie Amri an diese Waffe des Herstellers Emra gelangte, ist dagegen noch unklar. Der Hersteller hat laut dem Generalbundesanwalt Ende der 90er-Jahre Insolvenz angemeldet, was die Rückverfolgung der Pistole erschwere.

Die Ermittler konzentrieren sich inzwischen auch auf die Zeit vor und nach dem Anschlag. Dabei gerieten am Dienstag zwei Kontaktmänner in das Visier von Polizei und Staatsanwaltschaft. Daraufhin wurde eine Flüchtlingsunterkunft an der Motardstraße in Spandau durchsucht, in der der 26-jähriger Tunesier Bilal B. lebt. Den Ermittlern zufolge besaß B. mindestens zwei Aliasnamen. So nannte er sich auch Bilel A. Er soll von April bis November 2015 in Leipzig (Sachsen), Berlin und Mettmann (NRW) zu Unrecht und wissentlich Leistungen in Höhe von 2500 Euro bezogen haben.

Kontaktmann sitzt in Untersuchungshaft

B. hatte sich am Abend vor dem Anschlag mit Amri in einem Restaurant in Gesundbrunnen getroffen. Die beiden hätten sich „sehr intensiv unterhalten“, so die Behördensprecherin. Die Beamten beschlagnahmten diverse Kommunikationsmittel, um diese auszwerten. Es bestand der Verdacht, dass der 26-Jährige von dem Anschlagsvorhaben Amris wusste. Diese Verdachtsmomente hätten jedoch nicht für eine Verhaftung ausgereicht, so die Sprecherin. Dennoch sitzt B. inzwischen wegen Fluchtgefahr im Fall des Sozialleistungsbetruges in Untersuchungshaft.

Tatsächlich ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Berlin gegen den Beschuldigten, der laut Staatsanwaltschaft Berlin auch unter mindestens zwei Alias-Personalien auftrat, seit Frühjahr 2016. Er soll von April 2015 bis November 2015 in Leipzig, Mettmann und Berlin Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz in Höhe von 2500 Euro wissentlich zu Unrecht bezogen haben.

Durch die aktuellen Ermittlungen des Generalbundesanwalts ergab sich eine Fluchtgefahr, deshalb wurde ein Haftbefehl gegen den 26-Jährigen wegen des Verdachts des gewerbsmäßligen Leistungsbetrugs erlassen.

Festnahme schon 2015

Die Ermittler dürften sich von den Vernehmungen von Bilal B. weitere Erkenntnisse zu Amri erhoffen. Denn die Männer standen offenbar in engem Kontakt. Hinweise darauf finden sich nach Informationen der Berliner Morgenpost in Ermittlungsakten. Demnach hatte die Generalstaatsanwaltschaft Berlin gegen Bilal B. bereits wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat ermittelt. Ende November 2015 gab es in Berlin deswegen eine Großrazzia. Der Verdacht damals: Sprengstoff sollte in einem Auto von München zur Zwischenlagerung in die Seituna-Moschee in Charlottenburg gebracht werden. Danach sollte die Lieferung nach Dortmund gehen. Bilal B. soll damals mit den Fahrern in Kontakt gestanden haben. Der Tatverdacht erhärtete sich aber nicht, sodass die drei Festgenommenen wieder freigelassen wurden.

Die Berliner Polizei hatte bereits am Dienstagabend die Spandauer Flüchtlingsunterkunft, in der Bilal B. untergebracht war, durchsucht. Seine Handys werden zurzeit ausgewertet.

Ebenfalls am Dienstagabend durchsuchten Beamte eine Wohnung in Mitte, in der Amri eine Zeit lang gelebt haben soll. Der frühere Mitbewohner wurde als Zeuge vernommen. Nach Angaben von Köhler hatte Amri noch am Tag des Anschlags mehrfach versucht, den Mann per Handy zu erreichen. Ob sie tatsächlich miteinander gesprochen haben, sei unklar. Die Daten des Telefons würden noch ausgewertet.

1550 Hinweise bei Polizei eingegangen

Zudem sei die Wohnung eines Mitbewohners von Amri durchsucht worden, so die Sprecherin der Bundesanwaltschaft weiter. Mit diesem habe sich der spätere Attentäter von Berlin ein Zimmer geteilt. Auch hier seien Kommunikationsmittel sichergestellt worden. Der Mann gelte allerdings als Zeuge. Auf ihn stießen die Ermittler, weil Amri am Tag des Anschlags sowohl vormittags wie auch nachmittags versucht habe, den ehemaligen Mitbewohner anzurufen. Das hätten die Daten aus Amris Handy ergeben. Ob ein Gespräch geführt worden sei, sei allerdings unklar, sagte die Sprecherin.

Nach dem Anschlag sind inzwischen 1550 Hinweise bei der Polizei eingegangen, wie die Behörde auf Twitter mitteiltte. Das Hinweistelefon wurde abgeschaltet.