Potsdam

Die Frau am Empfang des Potsdamer Landtagsschlosses

Heike Heiske ist die erste Ansprechpartnerin und kümmert sich um die unterschiedlichsten Anliegen der Besucher.

Heike Heiske, die Dame am Empfang des Landtags in Potsdam

Heike Heiske, die Dame am Empfang des Landtags in Potsdam

Foto: Massimo Rodari

Potsdam.  Hinter der barocken Fassade mit den hohen Fenstern und der imposanten Eingangstür das Unerwartete: unschuldiges Weiß. In seiner Intensität umschlingt es den Besucher und lässt ihn gleichzeitig für einen Moment verloren dastehen. Dann fällt der Blick auf die roten kubistischen Sitzmöbel in der Mitte des niedrigen, ganz in Weiß gehaltenen Foyers. Und irgendwann auch auf Heike Heiske. Sehr aufrecht steht sie hinter ihrem Info-Tresen. Das blond gesträhnte kurze Haar sitzt perfekt. Sie guckt freundlich und lächelt – wenn es sein muss – aufmunternd. Je nachdem, wie der Besucher sich fühlt, wenn er das erste Mal das wiederaufgebaute Stadtschloss am Alten Markt in Potsdam betritt.

Heike Heiske ist die Empfangsdame des brandenburgischen Landtags. Seit der Eröffnung des neuen Parlamentssitzes im Mai 2014 ist sie das. Etwa 130.000 Besucher kamen in diesem Jahr. „Manche sind sehr schüchtern“, sagt Heike Heiske. „Die trauen sich fast gar nicht zu uns herein.“ Um die kümmert sie sich ganz besonders. Sie kennt das, wie es ist, schüchtern zu sein. „Früher war ich ein Mauerblümchen“, sagt sie. Dass sie trotz dieser Selbsteinschätzung ausgerechnet am Empfang gelandet ist, war Zufall und doch keiner. Im alten Landtagsgebäude auf dem Brauhausberg servierte Heike Heiske den Abgeordneten in der Cafeteria noch Kaffee und Kuchen oder Schnitzel mit Kartoffelsalat. Und das mit viel Herzenswärme.

Zoff im Plenum, Eintracht in der Cafeteria

Als sie in der Abschieds-Landtagssitzung am 22. November 2013 das letzte Mal dem Landtagspräsidenten und den Schriftführern das Mineralwasser brachte, rollten ihr Tränen über das Gesicht. „Ich war so traurig“, sagt sie rückblickend, „mehr als 20 Jahre hatte ich den Service da oben gemacht.“ Sie wusste an diesem Tag auch noch nicht, wie es für sie weitergehen wird, in dem neuen Domizil unten in der Stadtmitte. Welche Aufgabe ihr die Landtagsverwaltung im Schloss anbieten wird. Im Kreml, so nannten die Potsdamer den heruntergekommenen Backsteinbau, war der Landtag seit 1991 untergebracht. Von da an war Heike Heiske mit dabei. Zu DDR-Zeiten saß darin die SED-Bezirksregierung.

„Die ersten Jahre waren unglaublich spannend“, erinnert sich die heute 51-Jährige. „Und die Stimmung zuweilen explosiv.“ Während sie Abgeordnete, Minister und Besucher mit Essen und Getränken versorgte, bekam sie jede Menge mit. Brandenburgs erster Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) musste sich vor einem Untersuchungsausschuss wegen seiner früheren Stasi-Kontakte als Kirchenmann verantworten. Seine Ampelregierung zerbrach. Die Brandenburger CDU zerlegte sich auf unchristliche Weise. 1999 zog die rechtsextreme DVU in den Landtag mit ein. Und blieb zwei Legislaturperioden. So sehr die Fetzen im Plenum flogen, in der Cafeteria saßen alle oft einträchtig zusammen. Heike Heiske erinnert sich: „Ich war glücklich, mittendrin zu sein. Als winziges Getrieberädchen.“

Wenn heute frühere Abgeordnete zu Besuch in das Landtagsschloss kommen, sind sie erleichtert, sobald sie Heike Heiske hinter ihrem Info-Tresen entdecken. Und von ihr gewohnt warmherzig begrüßt werden. Die Fragen der anderen Besucher ähneln sich. „Am häufigsten werde ich gefragt: „Was können wir hier anschauen?“ Heike Heiske antwortet dann: „Eigentlich alles.“ Nur während der Plenartage – einmal im Monat – ist die erste Etage für Besucher gesperrt. „Viele fragen auch: Was sind hier für Parteien drin?“, erzählt sie. „Und wer ist eigentlich der Ministerpräsident? War das nicht Platzeck?“ Den Namen von Dietmar Woidke, seinem Nachfolger seit dreieinhalb Jahren, kennen offenbar noch nicht so viele. Und sehr oft wird sie auch gefragt: „Wann kommen diese Dinger im Hof wieder weg?“ Auch darauf weiß sie eine freundliche Antwort: „Das ist Kunst. Und über Kunst lässt sich immer streiten.“

Kunst im Innenhof sorgtfür Diskussionen

Im Innenhof des Schlosses hat der Künstler Florian Dombois zwei dreidimensionale Skulpturen aus bemalten Aluminiumplatten als Replik der 1,8 Kilometer entfernten Sanssouci-Kuppel aufgebaut. Als „Zugabe“, die wohl umstritten bleiben wird. Anders als der vergoldete Schriftzug an der Fassade des Stadtschlosses: „Ceci n’est pas un chateau“ – auf Deutsch: „Dies ist kein Schloss.“ Die Wahl-Potsdamerin Anette Paul will damit aber ebenfalls auf „Schein und Sein“ hinweisen.

In der Politik klaffen Schein und Sein häufig auseinander. Das finden zumindest viele Bürger und interessieren sich deshalb nicht mehr für die demokratischen Prozesse. Etwa 185.000 Euro pro Jahr gibt der Landtag laut Verwaltung für Publikationen der Öffentlich­keitsarbeit aus. Wenn Heike Heiske morgens um 7 Uhr ihren Dienst antritt, geht sie zuerst in den Keller. Dort lagern unzählige Broschüren mit Informationen zu den Abgeordneten, zur Arbeitsweise des Parlaments und zum Gebäude. Ab 9 Uhr steht sie dann hinter ihrem Info-Tresen.

Preußisch diszipliniert kommt Heike Heiske jeden Tag von Caputh an ihren Arbeitsplatz. Außer, sie hat Urlaub. Seit 31 Jahren ist sie verheiratet, der Sohn ist gerade 32 Jahre alt geworden. Mütterlich kümmert sie auch um die 16 Studenten, die Besuchergruppen durch den Landtag führen. „Einige wohnen weit weg von zu Hause, sie kommen deshalb mit ihren Sorgen zu mir.“ Heike Heiske hört jedem zu, wenn es geht. Besonders den älteren Potsdamern, die weinend vor ihr stehen, wenn sie im Inneren des Schlosses stehen, das sie vor den Kriegsschäden und dem Abriss 1959/60 durch die SED als Kind noch kannten. „Das erste Jahr nach der Eröffnung war extrem emotional“, sagt sie. Bei Heike Heiske werden die Menschen mit offenen Armen empfangen. Das wusste der Direktor des Landtags wohl, als er sie in sein Büro holte und ihr die Aufgabe anbot. „Das ist es, was sie können. Sie können mit Menschen umgehen.“ Englisch hat sie trotz der vielen Besucher aus dem Ausland bis heute nicht gelernt. „Wir kommen auch so miteinander klar“, sagt sie, „ansonsten habe ich ja meine Studenten, die das können.“

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