Berlin

„Frauen machen anders Politik als Männer“

Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) will in Steglitz-Zehlendorf neue Wege gehen

Von A. Abel und K. Lange

Cerstin Richter-Kotowski (CDU) ist die neue Bezirksbürgermeisterin in Steglitz-Zehlendorf. Sie ist die erste Frau in diesem Amt im Südwesten von Berlin. Ein Gespräch über Vorhaben und Ziele.

Frau Richter-Kotowski, der Finanzsenator will den Bezirken mehr Geld geben, bis zu 120 Millionen Euro pro Jahr. Sind Sie jetzt ein Fan von Rot-Rot-Grün?

Cerstin Richter-Kotowski: (lacht) Es hat sich schon in den vergangenen zwei Jahren angekündigt, dass die Bezirke mehr Geld bekommen. Allerdings bin ich 2014 noch durch die Stadt gejagt worden, als ich den Sanierungsbedarf an den Schulgebäuden für Steglitz-Zehlendorf auf 410 Millionen Euro taxiert habe. Als ich dann gesagt habe, dass das in allen Bezirken so ist, hat mir damals kaum jemand geglaubt. Ich freue mich darüber, dass Wort gehalten wird. Ich hoffe nur, dass das Geld auch gerecht unter allen Bezirken aufgeteilt wird und nicht nach politischer Couleur.

Die künftige Koalition will Kredite aufnehmen, um den Bau neuer Schulen zu forcieren. Ist das richtig?

Das führt zu einem Schattenhaushalt. Die Zinsen müssen nicht so niedrig bleiben. So werden künftige Generationen verschuldet, das halte ich für schwierig. Wesentlich ist aber, dass das Geld kommt, und nicht nur für die Schulen. Wir brauchen auch Geld für die Sanierung anderer öffentlicher Bauten, zum Beispiel unser Rathaus und für Straßen. Es geht um die Infrastruktur insgesamt.

Sanierung und Neubau von Schulen soll künftig eine Landesgesellschaft managen. Ist das ein guter Weg?

Das ist ein Weg, den man gehen kann. Ich bin allerdings überzeugt, dass die Bezirke das sehr gut machen können, wenn man ihnen Personal und Geld gibt. Hier vor Ort sitzen die Leute, die die Schulbauten gut kennen. Die Zen­tralbehörde muss ja auch mit Personal ausgestattet werden. Ich glaube nicht, dass da Synergien entstehen.

Nun hat es ja, gerade in Steglitz-Zehlendorf, in der vergangenen Legislaturperiode Probleme gegeben mit der Schulsanierung. Das ist nicht gerade eine Werbung für die Bezirke an dieser Stelle ...

Weil wir zu wenig Personal an Bord hatten. Die Stellenobergrenze von 100.000 Mitarbeitern im öffentlichen Dienst Berlins, davon 20.000 in den Bezirken, ist ja erst vor Kurzem aufgeweicht worden. Reichlich spät ist allen aufgefallen, vor allem wegen der Bürgerämter, dass die Bezirke Personal brauchen, um die laufenden Aufgaben zu erfüllen.

Sie brauchen auch Personal, weil viele Mitarbeiter bald in den Ruhestand gehen. Können Sie den Bedarf schon beziffern?

Wir verlieren rund 25 Prozent in den nächsten fünf Jahren.

Werden Sie das Personal finden?

Wir stehen in einer schwierigen Konkurrenz mit dem Land Berlin und dem Bund. Die Bezirke können von der Besoldung her nicht mithalten, wir verlieren reihenweise Leute in die Senats- und Bundesverwaltungen und nach Brandenburg. Das wird eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahre.

Wie können die Bürgerämter besser funktionieren?

Die funktionieren bei uns schon besser. Wir setzen zusätzliches Personal ein, über die vom Senat bewilligten Stellen hinaus, immerhin neun zusätzliche Mitarbeiter. Nur so funktioniert es: mit mehr Personal. Sie sehen das nicht bei den Online-Terminen, die sind bei uns auch ausgebucht, weil sie immer sofort berlinweit abgegriffen werden. Aber hier vor Ort merkt man es. Es werden zum Beispiel tagesaktuell Termine vergeben, wenn genügend Personal da ist.

Der Finanzsenator ist ja der Überzeugung, mehr Personal sei nicht notwendig. Vielmehr müssten die Strukturen und Arbeitsabläufe verändert werden. Sie widersprechen ihm also?

Absolut!

Das Wahlergebnis war für die CDU nicht gut. Wie ist das auf den Bezirk durchgeschlagen?

Wir hatten auch hier herbe Verluste. Die FDP, die immer stark war in Steglitz-Zehlendorf, ist nach ihrem historischen Tiefstand 2011 wieder zurück. Hinzu kommt die AfD, die immerhin mit sechs Verordneten in der BVV sitzt.

Sie sind die erste Frau auf dem Bezirksbürgermeister-Posten von Steglitz und Zehlendorf seit der Eingemeindung 1920. Wird jetzt alles anders im Südwesten?

Frauen machen anders Politik als Männer. Sie haben eine andere Herangehensweise. Zuhören, Kompromisse suchen und auch Kompromisse eingehen – das ist mir ganz wichtig. Es ist nicht alles nur Schwarz-Weiß.

Männer können nicht zuhören?

Die Bereitschaft, jemanden Respekt zu zollen, indem man auch anerkennt, dass der andere durchaus Recht haben kann, ist bei Männern nicht so ausgeprägt.

Wo werden Sie zuerst genau hinschauen?

Die Themen liegen auf der Straße und ich werde sie anpacken. Da ist zum Beispiel das neue Wohnquartier, das in Lichterfelde-Süd entsteht. Es soll keine „Banlieue“-Siedlung zum Wohnen und Schlafen werden, sondern ein lebendiges Stadtquartier. Das ist es, was Berlin braucht.

Und was braucht der Bezirk?

Steglitz-Zehlendorf braucht zusätzliche Schulkapazitäten. Zwar gibt es rein rechnerisch genug Grundschulplätze, aber in einigen Einzugsbereichen, wie Steglitz-Nord, fehlen Plätze. Dort muss noch eine neue Grundschule aufgemacht werden. Und natürlich wird uns auch die Sanierung der Schulen weiter beschäftigen.

Wie geht es beim Technologie- und Gründungszentrum an der Fabeckstraße weiter?

Das ist ein Thema, das die nächsten fünf Jahre relevant ist. Steglitz-Zehlendorf ist einer der größten Wissenschaftsstandorte Berlins. Doch Wissenschaft und Wirtschaft müssen mehr ineinandergreifen. Die Studenten müssen mit ihren Ideen und ihrem Wissen mit den Unternehmen zusammengebracht werden.

Würde sich dafür nicht auch das Gewerbegebiet an der Goerzallee eignen?

Das Gewerbegebiet muss weiterent­wickelt werden. Das alte produzierende Gewerbe gibt es nicht mehr, dafür brauchen kleine Start-ups Platz. Wir müssen sie in der Stadt halten, indem wir ihnen Räume anbieten.

Wir geht es weiter an der Schloßstraße?

Die hat sich gut entwickelt. Wir müssen nur aufpassen, dass solche Einkaufsstraßen nicht allein von Ketten dominiert werden. Wichtig ist eine Mischung mit dem alteingesessenen Einzelhandel.

Hat der Teltower Damm nicht dieselben Probleme?

Ja, auch dort müssen wir aufpassen, dass die Mischung im Einzelhandel erhalten bleibt. Aber ein größeres Pro­blem ist der Verkehr. Ich bin keine Anhängerin von Fußgängerzonen. Doch der Verkehr staut sich regelmäßig in den Hauptverkehrszeiten. Hier muss mit Gewerbetreibenden und Anliegern nach Lösungen gesucht werden.

Und was wird mit der alten Dorfaue?

Wir werden uns mit dem gesamten Gebiet zwischen Riemeisterstraße und Mühlenstraße beschäftigen. Auch hier will ich alle an einen Tisch holen: die Gewerbetreibenden, Ärzte und andere Nutzer. Wir müssen sehen, wie wir eine Lösung hinkriegen.

Auch für den alten Kiosk?

Der gehört dazu. Ich habe schon ein paar Ideen, die ich aber zu einem späteren Zeitpunkt präsentiere.