Flüchtlinge in Berlin

Bei Familie Alaya überschattet Trauer das Glück

Die Flüchtlingsfamilie Alaya lebt seit mehr als einem Jahr in Berlin. Sohn Josef ist geboren worden, doch in Syrien starb die Schwester des Vaters.

Loris und Rafaat Alaya mit ihrer Tochter Teresa und Sohn Josef in ihrer Wohnung

Loris und Rafaat Alaya mit ihrer Tochter Teresa und Sohn Josef in ihrer Wohnung

Foto: Joerg Krauthoefer

Es klingt wie die Geschichte eines etwas zu dramatisch geschriebenen Drehbuchs, dessen Handlung man nicht glaubt, weil sie emotional irgendwie zu doll ausschlägt. Krankheit und Tod und Geburt. Alles auf einmal. Tatsächlich kam bei der syrischen Familie Alaya all das zusammen, und das in nur wenigen Tagen. Rafaat, Loris und ihre Tochter Teresa, die nun vor über einem Jahr aus ihrer Heimat, dem Kriegsgebiet, nach Deutschland geflohen sind. Als treuesten Begleiter immer die Hoffnung bei sich. Und Gott. Als Christen hatten sie stets den Gedanken in ihren Köpfen: Er wird uns schon leiten. Natürlich fragen sich die beiden Anfang 20-jährigen Eltern in solch negativ behangenen Momenten: Wie fair ist Gott wirklich?

Der Tod von Rafaat Alayas Schwester Suzan kam plötzlich. Auch wenn die Dramatik um das an Diabetes erkrankte Mädchen eigentlich immer da war: kaum Geld für Medikamente, in Teilen keine medizinische Versorgung in der Heimat mehr möglich und viel zu weit weg von ihrer Mutter und den Brüdern. Auch das macht schwach.

Schwester Suzan blieb mit dem Vater zurück in Syrien

Die 17-Jährige blieb damals allein mit dem Vater, der auch an Diabetes leidet, in Syrien zurück. Sie glaubten daran, bald auf legalem Wege nachgeholt werden zu können. Doch sämtliche Anträge in der Botschaft blieben unerhört. Keine Reaktion. Und das, obwohl alle anderen aus der Familie längst eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland erhalten hatten.

Wer die Alayas in diesen Wochen besucht, der muss Loris, ihrem Mann Rafaat und dessen Mutter, die gerade aus Saarbrücken zu Besuch ist, nicht in die Augen schauen, um schon im Flur ihrer kleinen Wohnung das drückende Gefühl von Trauer zu spüren. Dass sie dem Gast trotzdem Schokolade und Zucker zum Tee anbieten, zeigt, wie bemüht sie sind. Immer. Denn ihre Tradition ist es eigentlich, wochenlang nichts Süßes zu essen, wenn jemand verstorben ist.

Über ein Jahr lang sorgten sie sich in Berlin: Was ist, wenn etwas mit Suzan und dem Vater passiert, bevor sie überhaupt versuchen konnten, herzukommen? Ein Angriff, die Krankheit, die Trauer. Aber mehr zu tun, als weiter abzuwarten, hätten sie nicht können. Trotzdem sind da nun die Vorwürfe. Wieder waren ihnen die Hände gebunden, wie so oft in ihrem jungen Leben. Erst im Krieg, dann bei der Flucht. Während der Ankunft in der Fremde und schließlich beim Blick auf die Hinterbliebenen.

Suzan wachte einfach nicht mehr auf

Zwischen dem Geburtstag von Tochter Teresa und der Geburt ihres Sohnes Josef Mitte November wachte Suzan einfach nicht mehr auf. Ein paar Tage soll sie noch im diabetischen Koma gelegen haben, erzählte der Vater am Telefon. Dann hörte das Herz auf zu schlagen. Der letzte Kontakt zwischen Bruder und Schwester war über Facebook. Als Teresa, ihre Nichte, zwei Jahre alt wurde. Suzan schrieb noch, wie stolz sie auf sie sei und wie sehr sie sich wünsche, jetzt mit ihnen feiern zu können.

Suzans Träume blieben trotz allem optimistisch: Nach dem Abitur wollte sie in Deutschland Ärztin werden. Sie konnte allem etwas Positives abgewinnen, das lernt man vermutlich in brutalen Situationen wie diesen. Deshalb war sie auch der festen Überzeugung, dass es einen tieferen Sinn gäbe, wieso sie und ihr Vater noch immer nicht aus Syrien wegkonnten. Welcher das ist, zeigt sich ja oft erst später. „Ihr Tod jedenfalls hätte es nicht sein sollen“, sagt Loris.

Während sie von den vergangenen Wochen erzählt, sitzt Loris, das Neugeborene auf dem Schoß, und Suzans Mutter auf dem Sofa in der Berliner Wohnung. Obwohl ihre Schwiegermutter kaum Deutsch versteht, scheint sie die Schwere der Worte zu spüren. Ihr Gesicht ist fahl und von der Trauer stark gezeichnet. Kein Lächeln, die Augen mit leblosem Ausdruck, alle beide Frauen.

Die Geburt des Sohnes wird von Sorgen überschattet

Bei Loris Alaya liegt die Erschöpfung natürlich auch an der Geburt, die nur wenige Tage her ist. Josef ist gesund. Eben erst war die Hebamme zu Besuch, um nachzusehen. Wenigstens eine positive Sache. „Ich hoffe, dass mein Sohn nicht weiter das Unglück spüren wird, in das er hineingeboren wurde“, sagt Loris. Gerade kann dieses kleine Wesen seine Familie nur bedingt glücklich machen.

Eigentlich ist Rafaats Mutter aus Saarbrücken nach Berlin gekommen, um ihrer Schwiegertochter Loris so kurz nach der Geburt zu helfen, sie zu unterstützen, nun mit ihren zwei kleinen Kindern. Ihre eigene Mutter nämlich lebt weit weg, in Amerika. „Jetzt muss ich ihr Energie geben und darauf achten, dass sie das Essen nicht vergisst“, sagt die 23-Jährige. Man glaubt ihr, dass ihr das gelingt. Irgendwie. Wie erwachsen sie schon sein muss in ihrem Alter. Wie sie das Leben meistert, ist immer wieder faszinierend. Und doch fällt es auch ihr schwer, wenn Rafaats Mutter und der Vater am Telefon weinen, wenn sie bei sich die Schuld am Tod ihrer Tochter Suzan suchen. „Das Schlimmste ist“, sagt Loris, „die Einsamkeit vom Vater – er ist nun ganz allein in Syrien.“ Sie würden alles dafür tun, um ihn nach Deutschland zu holen, bevor er noch an seiner Trauer zerbricht.

Deshalb informieren sie sich über Patenschaften in Deutschland, die auf dem Papier für mehrere Jahre die nötigsten Zahlungen übernehmen, um ihn zumindest erst mal herbringen zu können. Das Hoffen auf irgendeinen Heilsbringer wirkte in dem vergangenen Jahr nie so mickrig wie momentan.

Seit ihrer Flucht sind sie immer wieder auf fremde Hilfe angewiesen. Der Gedanke lähmt. So wie der an Rafaats Vater, der täglich stundenlang am Grab seiner Tochter sitzt. Er bringe ihr den Tee, den sie so gern getrunken hat, rede mit ihr und versuche irgendwie weiterzuleben wie bisher. Wenn Loris daran denkt, schießen auch ihr Tränen in die Augen.

Blumen und Anteilnahme von anderen Menschen

Diese Sorgen scheint offenbar auch Teresa zu spüren. „Seit Tagen schon hat sie einen Ausschlag, der nicht weggehen will“, sagt Loris. Sie waren deshalb schon bei mehreren Ärzten. Wohl auch ein Zeichen dafür, dass das kleine Mädchen gezeichnet ist von all dem Stress. Diese absurde Nähe zwischen Tod, Krankheit und Geburt zeigt sich auch in der Küche. Gleich mehrere Blumensträuße zeigen die große Anteilnahme ihrer deutschen Freunde an dem schrecklichen Leid und der gleichzeitigen Freude über ein kleines Lebewesen, das nun neu auf der Welt ist. „Das ist das einzig Gute gerade: Wir merken, dass wir hier nicht mehr alleine sind“, sagt Loris Alaya.

Eigentlich wollten sie, wie man es zu Hause in Syrien macht, die Geburt des Jungen feiern. Alles in Blautönen schmücken. Loris Alaya dachte auch schon an ihr zweites Weihnachten in Berlin, daran, wo sie den kleinen Baum in diesem Jahr hinstellen wird. Es hätte schön werden können – freudig und gemütlich. Jetzt aber wird nichts gefeiert. Zwischen dem unaufhörlich scheinenden Trauern wird gestillt, geschlafen und gegessen. Manchmal auch geredet. Nur das Nötigste.

Die Kräfte scheinen in diesen Tagen erstmals fast vollkommen verschwunden. Und trotzdem bleibt irgendwo die Hoffnung, dass sie wieder zurückkehren werden. Vielleicht kommt mit der Hoffnung ja dann auch der Vater aus Syrien – zu ihnen nach Deutschland.

Seit gut einem Jahr berichtet die Berliner Morgenpost regelmäßig über das Schicksal von zwei syrischen Familien, die vor dem Krieg in ihrem Heimatland nach Deutschland geflohen sind. In Berlin haben sie eine neue Heimat gefunden.