Verdächtiger Tunesier

Wie Anis Amri immer wieder die Behörden narrte

Der mutmaßliche Attentäter Anis Amri war schon lange im Fokus der Behörden. Das wirft zahlreiche Fragen auf.

Fahndungsfotos von Amis Amri auf einer Polizeiwache

Fahndungsfotos von Amis Amri auf einer Polizeiwache

Foto: Arne Dedert / dpa

Für die Behörden ist der Tunesier Anis Amri ein alter Bekannter. Der 24-Jährige ist seit einiger Zeit auf dem Schirm der Ermittler. Er wird als islamistischer Gefährder geführt. Er saß bereits in Italien im Gefängnis und in Deutschland in Abschiebehaft. Er wurde observiert und bei der Berliner Generalstaatsanwaltschaft war seit März ein Verfahren gegen den 24-Jährigen anhängig. Trotzdem konnte Anis Amri unter- und am Montag wieder auftauchen: Er soll den LKW gekapert und danach in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gesteuert haben. Und das führt zu zahlreichen Fragen.

Warum konnte Anis Amri überhaupt nach Deutschland einreisen?

Der Tunesier ist offenbar mit falschen Dokumenten nach Deutschland eingereist. Denn laut Dublin-Verordnung muss der Asylantrag in dem Land bearbeitet werden, in dem der Antrag zuerst gestellt wurde. Im Fall Amri war das Italien. Hier reiste er 2011 ein. Hier saß der 24-Jährige unter anderem wegen Brandstiftung vier Jahre in Haft. Nach seiner Freilassung sollte Amri ausgewiesen werden – doch bereits damals gab es Probleme mit Tunesien wegen seiner Ausweisung. Schließlich setzte er sich nach Deutschland ab. Der Tunesier sei „hoch mobil“ gewesen, erklärte der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger (SPD), am Mittwoch. Der 24-Jährige habe oft seinen Aufenthaltsort und seine Identität gewechselt. Etwa ab Juli 2015 hielt sich Anis Amri in Deutschland auf – erst in Freiburg, später in Berlin, bis November 2016 in Nordrhein-Westfalen, danach wieder in Berlin.

Warum wurde Anis Amri aus der Abschiebehaft entlassen?

Hier waren den Behörden offenbar die Hände gebunden. Der Tunesier wurde laut Justizministerium in Baden-Württemberg am 30. Juli dieses Jahres am Busbahnhof in Friedrichshafen aufgegriffen. „Bei einer Routinekontrolle“, wie Ministeriumssprecher Robin Schray der Morgenpost sagte. Grund war ein Auszug aus dem Zentralregister, in dem es hieß, dass Amri ausgewiesen werden solle. Der Tunesier wurde festgehalten und einem Richter beim Amtsgericht Ravensburg vorgeführt, der eine Unterbringung in der Justizvollzugsanstalt Ravensburg zur Sicherung der Abschiebung anordnete. Herrin des Verfahrens war die Ausländerbehörde in Nordrhein-Westfalen, weil Amri dort in Kleve gemeldet war. Die Behörde teilte den Kollegen in Baden-Württemberg allerdings am Montag, dem 1. August, mit, dass der Tunesier aus der Haft zu entlassen sei. Grund: Die nötigen Papiere aus Tunesien seien noch nicht da. Dass für Amri überhaupt ein Registerauszug existierte, die zu seiner Festnahme führte, spricht für die Tatsache, dass er keine gültige Duldung mehr besaß.

Warum wurde Anis Amri nicht einfach abgeschoben?

Nach einem abgelehnten Asylantrag fehlten die nötigen Ausweispapiere. Tunesien habe zunächst bestritten, dass der Mann Staatsbürger des nordafrikanischen Landes sei. Das Land gilt bei den Sicherheitsbehörden als sehr unkooperativ. Auf die Papiere habe man lange gewartet, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger. Erst am Mittwoch wurden die Papiere zugestellt. „Ich will diesen Umstand nicht weiter kommentieren“, hatte Jäger am selben Tag gesagt.

Unter Ermittlern gilt Anis Amri seit einiger Zeit als „kreuzgefährlich“ – schon wegen seiner Nähe zur „Nummer eins des Islamischen Staates in Deutschland, dem im November festgenommenen Ahmad Abdulaziz Abdullah A., sein Predigername ist Abu Walaa. Der 32-jährige Iraker predigte und warb bis zu seiner Verhaftung offen für die Terrormiliz IS. Über Jahre hinweg soll er auch Kämpfer für Syrien rekrutiert haben. Anis Amri war offenbar tief verstrickt in Terrorkreise. In Dortmund wohnte er zeitweise bei Boban S., der gleichzeitig mit dem Prediger Abu Walaa festgenommen wurde. S., ein 36-jähriger Chemiker mit serbischen Wurzeln, gilt als Streiter und Anwerber für den bewaffneten Dschihad.

Warum konnte Anis Amri trotz Observation untertauchen?

Diese Frage kann nicht abschließend geklärt werden. Für die Observation eines Gefährders braucht es 25 bis 30 Beamte. In Berlin gibt es aktuell etwa 170 Beamte des Mobilen Einsatzkommandos (MEK), die für solche Zwecke eingesetzt werden. Dem stehen mehr als 70 Gefährder gegenüber, hinzu kommen Unterstützer, und Netzwerke. „Wir stoßen schlichtweg an unsere Grenzen“, heißt es aus Polizeikreisen. Anis Amri wurde von März bis September überwacht – auch telefonisch. Hinweise auf ein staatsschutzrelevantes Delikt seien nicht gefunden worden. „Wenn wir einen Gefährder überwachen, dann wissen wir, wenn der seine Schnürsenkel zubindet und wann der in die Moschee geht“, heißt es aus Polizeikreisen. Aber was er beispielsweise in der Moschee mache, könne man nicht sagen. Auch hier stoße man an Grenzen.

Warum erfolgte nicht schon zu einem früheren Zeitpunkt ein Zugriff?

Nach Informationen der Morgenpost wussten Ermittler des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen seit einiger Zeit genau, was Amri im Sinn hatte. Im Zuge einer Telefonüberwachung hätten die Fahnder erfahren, „dass der Mann gezielt nach Waffen und Mittätern für Anschläge suchte“, sagt ein Ermittler und fügt hinzu: „Da war Gefahr im Verzug.“ Warum dennoch kein Zugriff erfolgte, ist dem Insider bis heute „unerklärlich“.

Warum fanden die Behörden die Geldbörse erst so spät?

In dem LKW-Führerhaus herrschte heilloses Chaos. Überall war Blut, es gab Kampfspuren und in der Führerkabine steckte ein Tannenbaum. Man hatte entschieden, den LKW abzuschleppen und in Ruhe genauer zu untersuchen. Die Geldbörse mit Dokumenten von Anis Amri entdeckte man erst Stunden nach der Tat. Dass Islamisten ihre Ausweise am Tatort zurücklassen, ist unterdessen nicht ungewöhnlich. Auch bei vergangenen Taten war das bereits der Fall. Dschihadisten wollen häufig mit ihren Taten in Verbindung gebracht werden.

Warum wurde ein falscher Verdächtiger verfolgt?

Ein Zeuge hatte am Montag jemanden aus dem LKW flüchten sehen und diesen Mann verfolgt, aber zwischenzeitlich den Sichtkontakt verloren. Der vorläufig Festgenommene Pakistaner sah dem Gesuchten Anis Amri ähnlich. „Die Beschreibung des Täters waren sehr widersprüchlich“, heißt es aus Polizeikreisen. Am Montag habe es noch keine Anhaltspunkt auf den tunesischen Verdächtigen Amri gegeben. „Wir haben nichts zurückgehalten“, hieß es von der Polizei.

Was sagen Ermittler zu dem Katz- und Mausspiel, dass sich Anis Amri mit den Behörden lieferte?

Aus dem Sicherheitsapparat kommt Kritik. Eingeweihte Ermittler haben kein Verständnis für „die endlos lange Leine“, die Anis Amri gewährt wurde. Nach Informationen dieser Zeitung wurde die Kommunikation des 24-Jährigen seit Februar 2016 permanent überwacht. Die Fahnder hörten, wie die Tonlage des Tunesiers immer aggressiver wurde, seine Pläne immer radikaler. Als die Überwacher realisierten, „dass er gezielt nach Waffen und Mittätern für Anschläge suchte – spätestens da hätte man handeln müssen“, sagt ein ranghoher Ermittler. Verstöße, für die man ihn hätte belangen können, habe es gegeben. Deutsche Sicherheitsbehörden aber warteten meist darauf, „dass ein Attentat in allen Einzelheiten angekündigt“ werde: „Am Tag X um die Uhrzeit Y begehe ich genau diese Tat an diesem Ort“ – ohne eine solche „Anklageschrift in eigener Sache“ werde kaum eine Behörde aktiv.