Philosoph Wilhelm Schmid

Dürfen wir nach dem Anschlag unbeschwert Weihnachten feiern?

Der Philosoph Wilhlem Schmid gehört zu den großen Denkern unserer Zeit. Wir sprachen mit ihm über das Attentat vom Breitscheidplatz.

Philosoph und Bestsellerautor: Wilhelm Schmid. Beim Gespräch in seiner Charlottenburger Wohnung sagt er: „Wir haben verlernt, dass es auch schmerzhafte Erfahrungen gibt“

Philosoph und Bestsellerautor: Wilhelm Schmid. Beim Gespräch in seiner Charlottenburger Wohnung sagt er: „Wir haben verlernt, dass es auch schmerzhafte Erfahrungen gibt“

Foto: Amin Akhtar

Eine Neubauwohnung in Charlottenburg unweit des Schlosses. Bücherregale bestimmen das Wohnzimmer. Die Namen von Platon, Hegel und Nietzsche kann man auf den Titeln erkennen. Ein Teleskop steht am Fenster. Alles irgendwie passend für einen Philosophen wie Wilhelm Schmid. Der 63-Jährige gehört zu den großen Denkern unserer Zeit. Sein Schwerpunkt ist die Lebenskunstphilosophie. Das unruhige Jahr 2016, das Atten­tat auf dem Breitscheidplatz, wie soll man damit umgehen? Wir haben den Professor vor dem Weihnachtsfest um Antworten gebeten.

Herr Schmid , Sie als Philosoph haben in einem früheren Gespräch mit uns einmal gesagt, über sich selbst und die Welt nachzudenken sei das Wesen der Philosophie. Nach dem Anschlag am Breitscheidplatz gibt es reichlich Gründe, über vieles nachzudenken. Dürfen wir noch unbeschwert Weihnachten feiern?

Wilhelm Schmid: Wir dürfen uns nicht abhalten lassen, Weihnachten zu feiern und wir müssen uns darauf besinnen, was wirklich wichtig ist im Leben: Liebe, Freundschaft, Mitmenschlichkeit, Freundlichkeit gegenüber anderen Menschen. Damit stärken wir uns, um mit dem Negativen, das auf uns wartet, fertigzuwerden. Der Berliner weiß das im Grunde. Das hat ihn ja auch gerettet nach dem Zweiten Weltkrieg: Sich auf sich selbst zu besinnen, das Leben wieder einzurichten, und sich für künftige große Aufgaben bereitzuhalten.

In einem Ihrer Bücher plädieren Sie für Gelassenheit ...

Ja, natürlich. Nicht ins Bockshorn jagen lassen – das ist das, was uns jetzt retten kann. Zur Gelassenheit gehört auch, dass wir an unseren Gewohnheiten und Ritualen festhalten.

Das passt ja gut zum Weihnachtsfest mit all seinen Traditionen.

Das passt optimal. Weihnachten ist das Fest der Rituale und zugleich das Fest der Liebe. Zu unseren Gewohnheiten gehört aber auch, Lüste zu genießen. Davon werden uns keine Terroristen abhalten können. Nur darf unser Leben nicht allein aus Lüsten bestehen – das zu bedenken, haben wir versäumt. Wir dachten, es gibt immer noch ein bisschen mehr Glück, noch mehr Spaß, noch mehr Freude. Wir haben verlernt, dass es auch schmerzhafte Erfahrungen gibt. Das macht den Menschen jetzt sehr, sehr große Schwierigkeiten.

Diese schmerzhaften Erfahrungen liegen auch in der Furcht, dass die Welt zur Zeit dabei ist, mit all ihren Kriegen, Ungerechtigkeiten und machthungrigen Führern aus den Fugen zu geraten

Als Philosoph, der sich auch viel mit Geschichte befasst hat, habe ich die Einsicht gewonnen, dass sich Entwicklungen niemals linear fortschreiben lassen. Insofern war klar, dass irgendwann ein großer Einbruch kommen wird. Das negative Rad der Geschichte dreht sich jetzt. Es gibt so viele negative Dinge in der Welt, die in Hass münden. Nicht nur im Internet, auch in politischen Äußerungen. Dieser Hass wird sicherlich wieder verschwinden. Aber nur, wenn er sich vorher austobt.

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Wie stark wird Hass durch extremistische Religionen geschürt?

Ich weigere mich zu glauben, dass das mit Religion zu tun hat. Das hat mit Destruktion zu tun. Es gibt nicht nur konstruktive Impulse in der Menschheit. Es gibt auch destruktive Elemente, die kommen von Zeit zu Zeit immer wieder hervor und gewinnen an Macht. Völlig gleichgültig, welche Begründung vorgeschoben wird. Diese destruktiven Elemente wollen im Grunde immer nur eines: Böses produzieren. Böses verbunden mit der Zerstörung des Lebens anderer Menschen. Wenn wir der Begründung glauben, dass es den Terroristen nur um Religion geht, dann gnade uns Gott!

Das klingt ja sehr pessimistisch.

Ich glaube, die Menschen im Westen haben sich daran gewöhnt, dass alles positiv ist und vergessen, dass das ganze menschliche Leben komponiert ist aus Positivem und Negativem. Umso schlimmer das Erwachen nach dem menschenverachtenden Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche.

Wie kann man Hilfe finden in dieser Hilflosigkeit?

Indem wir uns selbst helfen. Indem wir uns darauf besinnen, was wir für unser Leben brauchen, wie wir es uns einrichten wollen. Dazu gehört eben auch, wie schon angesprochen, dass wir unsere Gewohnheiten und Rituale pflegen. Auch an einem Weihnachtsfest wie diesem.

Sie waren vor Jahren Seelsorger in einem schweizerischen Spital. Was würden Sie heute den Besuchern sagen, die das Attentat überlebt haben?

Ihr seid Helden. Weil ihr auf den Weihnachtsmarkt gegangen seid im vollen Wissen, dass das gefährlich ist. Ich war zur gleichen Zeit auf dem Weihnachtsmarkt am Charlottenburger Schloss. Es hätte auch mich treffen können. Wir müssen uns nicht unbedingt in größte Gefahr begeben. Aber wir müssen auch nicht nur noch zu Hause rumhocken. Wir müssen nicht blind ins Verderben rennen, aber auch nicht blind vor Angst werden. Unsere angestammten Werte sind da gute Waffen.

An welche Werte denken Sie da vorrangig?

An alles, was sich unter der Rubrik Freiheit versammelt. Hier dürfen Menschen entscheiden, in welcher Lebensform sie durchs Leben gehen wollen. Ich war kürzlich in Istanbul. Im Gespräch mit einfachen Menschen in Kneipen habe ich erfahren, dass sie unseren Lebensstil hassen. Und froh sind über einen Präsidenten, der sie vor unserem freiheitlichen Lebensstil schützt. Das ist nur ein Beispiel. Wir haben andere Ideale. Und ich sehe keinen Grund, warum wir unsere Freiheiten aufgeben sollten.

Zu viel Freiheit kann auch unfrei machen.

Ja. Davor haben die Menschen dort ja auch Angst. Was geschieht denn zum Beispiel, wenn sich jeder von jedem jederzeit trennen kann? Das ist nämlich moderne Freiheit. Während sie dort die Gewissheit haben wollen, es gibt die Einbindung in eine Familie, die eine Großfamilie ist. Und die einzelnen Familienmitglieder haben dort nicht beliebige Wahlfreiheit, was sie mit sich und ihrem Leben machen. Während wir sehr viel von dieser Wahlfreiheit halten.

Besteht die Gefahr, dass wir unsere Freiheit in den nächsten Jahren verlieren?

Nein, wir werden sie nicht verlieren. Aber es wird Attacken auf diese Freiheit geben. Von innen und von außen.

Wie werden diese Attacken aussehen?

Zum Beispiel Lächerlichmachung von bestimmten Lebensformen und der Politik. Oder Plädoyers, zu den traditionellen Lebensformen zurückzukehren. Wozu ein klares Männer- und Frauenbild gehört. Das kommt nicht nur von außen, sondern auch von innen. Im Grunde halte ich es für einen Gewinn, sich damit auseinanderzusetzen. Errungenschaften, die zu leicht errungen worden sind, sind nämlich keine. Jetzt müssen wir Überzeugungskraft aufbringen. Und das tut den Errungenschaften immer gut.

Schauen Sie eigentlich die „heute-show“?

Ja.

Weil Sie gerade von der Lächerlichmachung sprachen – was halten Sie davon?

Was ich mit Argusaugen beobachte, gerade in der „heute-show“, ist das systematische Lächerlichmachen von jedem Politiker jeder Partei. Das hat Konsequenzen für das Publikum. Sie haben nicht mehr den geringsten Respekt vor der Tätigkeit eines Politikers. Ich würde jetzt nicht gegen die Sendung plädieren. Wir brauchen Kritik, wir brauchen Komik, aber alles nur noch mit der Soße des Zynismus zu übergießen, ist problematisch.

Wie empfanden Sie die Reaktionen der Politiker nach dem Anschlag am Breitscheidplatz?

Was sollen diese armen Leute sagen? Sie müssen irgendwas sagen. Jedes Wort wird ihnen zehn Mal im Munde rumgedreht, zehn Mal kommentiert. Allzu leichtfertig und vorschnell wird kommentiert: Es war exakt nicht das richtige Wort. Ich rate zum Perspektivenwechsel, das ist immer ein großartiger Moment der Klugheit. Also: Ich stehe jetzt vor der Kamera und muss jetzt in der Situation etwas sagen. Sage ich da sehr viel klügere Sachen?

Sie sind ja selbst Vater von vier Kindern. Kinder haben viele Fragen, wie man die Welt heute verstehen kann. Was würden Sie einem Kind sagen, das jetzt Angst hat?

Unser jüngster Sohn, er ist 20 Jahre alt, liegt krank im Bett. Er war wie ich genau zu dem Zeitpunkt des Attentats auf dem Weihnachtsmarkt am Charlottenburger Schloss. Polizei kam und schloss den Weihnachtsmarkt. Mein Sohn erfuhr dann, was zwei Kilometer entfernt passiert war. Ich glaube, er hat dadurch endgültig seine Kindheit hinter sich gelassen. Er hätte auch dort sein können, auf dem Breitscheidplatz. Oder einer seiner Freunde. Das hat ihn zutiefst erschüttert. Ich vermute, das geht jetzt ziemlich vielen Menschen hier in Berlin so. Sie bemerken zum ersten Mal, dass diese Welt auch ein sehr ungemütlicher Ort sein kann.

Aber was sagen Sie einem Kind? Fernhalten kann man es davon nicht, oder?

Das Allerwichtigste ist, da zu sein. Beziehung ist das Beste, was heranwachsende Kinder und Jugendliche haben können. Die Erwachsenen können den Kindern erklären, dass das Leben nun mal nicht die reine Positivveranstaltung ist, dass es Menschen gibt, die böse sind. Ich scheue mich nicht, so einen Begriff in den Mund zu nehmen. Böse heißt, wenn Menschen darauf zielen, absichtlich anderen Menschen das Leben zu zerstören. Diese Menschen gibt es, und wir müssen Sorge dafür tragen, dass sie nicht Macht gewinnen. Das können auch Kinder schon ganz gut verstehen.

Und wo bleibt das Glück? Das taucht jetzt gar nicht mehr auf in Ihrem Vokabular.

Ich habe 2007 ein Buch geschrieben über Glück. Mit dem Untertitel: Warum es nicht das Wichtigste im Leben ist. Da bin ich damals von einigen Glückspropagandisten verlacht worden. Aber ich meinte es schon damals sehr ernst: Es geht nicht um Glück in diesem Leben. Es ist schön, wenn wir Glücksmomente haben. Und natürlich sollen wir die haben. Ich bin nur dagegen zu glauben, das Leben könnte eine einzige Glücksveranstaltung sein. Das ist nicht nur nicht der Fall, sondern es macht uns auch unglücklich, das zu glauben. Weil, wenn dann das Kleinste passiert, im privaten und politischen Leben, wirft uns das aus der Bahn. Es ist viel klüger, darauf vorbereitet zu sein, dass unglückliche Situationen vorkommen können. Wenn wir das wissen, können wir damit umgehen. Wenn wir das nicht wissen, fallen wir aus dieser Welt. Müssen uns erst wieder neu finden. Menschen neigen dazu, die Realität ihren Erwartungen anzupassen, aber es gibt eine Realität, die passt sich unseren Erwartungen nicht an. Diesen Attentäter interessiert es absolut nicht, was unsere Erwartungen sind. Im Gegenteil – er legt es darauf an, sie zu zerstören. Diese Welt ist kein rein positiver Ort, das wird sie auch niemals sein.

Wird dieses Weihnachtsfest stimmungsmäßig bei Ihnen anders verlaufen?

Das glaube ich nicht. Weihnachten ist ein wunderschönes Fest, das wir jedes Jahr feiern. Aber ganz sicher werden unsere Gedanken an dem Abend bei den Opfern sein. Nicht pausenlos, aber das wird präsent sein. Darüber werden wir sprechen. Aber es wird uns nicht davon abhalten, uns wechselseitig Freude zu machen. Und uns zusammengehörig zu fühlen.

Klingt wie ein guter Ratschlag.

Ich möchte sogar sagen, das Einzige, was wir jetzt machen können, ist Liebe und Freundschaft intensiver zu empfinden, als wir das ohne dieses tragische Geschehen empfunden hätten. Sonst wäre es ein normales Weihnachten gewesen. In manchen Familien vielleicht so normal, dass es zum üblichen Streit gekommen wäre. Dieses Weihnachten werden die Menschen so froh sein, dass sie einander haben, dass sie den Streit zur Seite stellen werden.