Breitscheidplatz

Nach dem Anschlag kommt das Verarbeiten

Joachim Gauck besuchte Opfer in der Charité. Nicht nur die Verletzten, auch die Angehörigen und Zeugen benötigen weiter Hilfe.

Bundespräsident Joachim Gauck im Virchow-Klinikum der Charite neben dem Ärztlichen Direktor, Ulrich Frei (3.v.r)

Bundespräsident Joachim Gauck im Virchow-Klinikum der Charite neben dem Ärztlichen Direktor, Ulrich Frei (3.v.r)

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Zwei Tage nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz hat Bundespräsident Joachim Gauck Patienten, Ärzte und Pfleger im Virchow-Klinikum der Charité in Wedding besucht. „Das ist ein Symbol, dass Millionen Menschen in unserem Land Anteil nehmen am Schicksal der Opfer und derer, die um ihr Leben ringen“, sagte Gauck am Mittwoch. „Sie sollen spüren, dass sie nicht alleine sind, und Menschen im ganzen Land mit ihnen hoffen.“ Der Bundespräsident forderte dazu auf, die Gewaltattacke mit „Hilfsbereitschaft, menschlicher Nähe, Fürsorge und Dasein für andere“ zu beantworten.

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Wie die Senatsverwaltung für Gesundheit am Mittwoch mitteilte, liegen noch zwölf Schwerstverletzte in Kliniken. Außerdem mehrere Mittel- und Leichtverletzte, von denen in diesen Tagen einige kurzfristig entlassen werden könnten. Zwei Patienten schweben allerdings noch immer in Lebensgefahr. Ein großer Teil der Verletzten wird in der Charité behandelt. Insgesamt wurden an den drei Standorten des Universitätsklinikums 13 Patienten eingeliefert. Zwei von ihnen sind gestorben, einer konnte entlassen werden. Noch liegen einige der Opfer auf der Intensivstation, teilweise schwer verletzt. In Lebensgefahr sei aber von seinen Patienten aktuell keiner, sagte Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité. Größtenteils handele es sich um typische Unfallverletzungen. „Mit solchen Verletzungen haben wir häufiger zu tun, sodass wir und andere Kliniken in Berlin die Patienten gut behandeln können“, so Frei. Noch sei nicht klar, wann die Patienten die Charité verlassen können.

Mit drei der Schwerverletzten sprach Gauck bei seinem Besuch. „Das sind Patienten, die noch an diesem Tag operiert werden“, sagte er. „Ich war erstaunt von den Blicken, von der Gefasstheit, die mir dort begegnete.“ Besonders berührt zeigte sich der Bundespräsident von einem Mann, der am Montagabend versucht hatte zu helfen, dabei aber von einem herabfallenden Balken getroffen wurde. „Wäre er weggelaufen, dann wäre ihm nichts passiert“, sagte Gauck. „Er aber ist in das Chaos hineingestürzt.“

“In kritischen Momenten stehen die Berliner zusammen“

Das Staatsoberhaupt lobte die Einsatzbereitschaft des Klinikpersonals, von „Fachärzten, Professoren und Pflegern, die mit großer Professionalität um das Leben der Verletzten ringen“. Am Abend des Anschlags hatten sich Beschäftigte der Kliniken freiwillig zum Dienst gemeldet, noch bevor sie um Hilfe gebeten wurden. Auch Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) dankte den Beschäftigten für ihr Engagement. „In kritischen Momenten stehen die Berliner zusammen, so auch die Beschäftigten der Krankenhäuser“, sagte Kolat. „Die Kliniken haben bewiesen, dass sie einen Terroranschlag mit vielen Schwerstverletzten bewältigen können.“

Verletzte und Zeugen des Anschlags haben weiter mit dem Erlebten zu kämpfen. Betroffene haben sich zum Teil in sozialen Netzwerken geäußert. Der Spanier Iñaki Ellakuria besuchte den Weihnachtsmarkt an dem Unglückstag mit zwei Freundinnen. Der Lkw fuhr ihm, wie er auf Twitter schrieb, über die Beine. „Ich hörte, wie der Lastwagen gegen die erste Bude rammte“, heißt es. „Ich drehte mich um und hatte ihn direkt vor meinem Gesicht.“ Aus dem Krankenhaus schrieb er dann, dass es ihm gut gehe. „Wir haben den Eindruck, dass die Patienten sehr viel psychologische Hilfe benötigen“, sagte Frei. Sie und die Angehörigen werden deshalb an der Klinik psychologisch betreut.

Viele Anrufe beim Berliner Krisendienst

Auch beim Berliner Krisendienst melden sich seit Montagabend zahlreiche Anrufer. Viele von ihnen machten sich Sorgen, weil sie Verwandte oder Freunde in Berlin nicht erreichen konnten. Andere haben die Anschläge selbst miterlebt und können das Erlebte nur schwer verarbeiten. „Auch die Angehörigen von sechs der Getöteten haben hier Hilfe gesucht“, sagte Friedrich Kiesinger, Geschäftsführer des Krisendienst-Trägers „Albatros“. „Sie brauchen unsere psychologische Intervention.“ In neun Beratungsstellen bietet der Krisendienst Hilfe an. Seit Montag ist eine eigene Notfallnummer rund um die Uhr besetzt (Tel. 030 - 3906300). Für die Beratungsstellen haben zusätzliche Freiwillige Dienste übernommen. Einmal habe die Polizei den Krisendienst gebeten, vor Ort zu helfen. Eine Frau hatte erfahren, dass ihr Mann unter den Todesopfern ist.