Jörg Hartmann

Tatort Krankenhaus in der Schaubühne

In der Schaubühne ist der als Fernsehermittler bekannte Jörg Hartmann in „Professor Bernhardi“ zu sehen. Das Stück ist aktueller denn je.

Krisengespräche: Professor Dr. Bernhardi (Jörg Hartmann) mit Dr. Adler (Eva Meckbach) und Dr. Cyprian (Thomas Bading, r.)

Krisengespräche: Professor Dr. Bernhardi (Jörg Hartmann) mit Dr. Adler (Eva Meckbach) und Dr. Cyprian (Thomas Bading, r.)

Foto: Claudia Esch-Kenkel / picture alliance / zb

Eine junge Frau liegt mit einer schweren Blutvergiftung im Krankenhaus, sie hat keine Überlebenschance. In den letzten Minuten ihrer Existenz gerät sie in ein Delirium, das ihr vorgaukelt, kerngesund zu sein. In diesen Momenten kommt es im Vorraum des Zimmers zu einem Streit zwischen dem Klinikleiter Dr. Bernhardi und dem herbeigerufenen Pfarrer. Der Arzt befürchtet, der Anblick des Geistlichen könnte die Patientin mit plötzlichen Todesängsten quälen. Der Pfarrer wiederum will der Frau die Beichte abnehmen, damit sie sündenfrei ihrem Schöpfer gegenübertreten kann: Die Ursache der Blutvergiftung war eine illegale Abtreibung. Durch die Krankenschwester erfährt die Frau dann doch von seiner Gegenwart und stirbt.

Das ist der Sachverhalt, den Arthur Schnitzler für sein Stück „Professor Bernhardi“ ersann, das 1912 in Berlin uraufgeführt wurde, nachdem es in der Donaumonarchie wegen seines systemkritischen Inhalts verboten worden war. Systemkritisch, weil sich an den Vorfall in der Klinik ein Skandal anschließt, der mit dem religiösen Bekenntnis des Arztes zu tun hat: Dr. Bernhardi ist Jude, die Patientin Christin. Schnitzler interessierte sich, erkennbar inspiriert von der Dreyfus-Affäre 1894, für die populistischen Strategien des Antisemitismus. Bernhardi, der nichts anderes als eine menschlich zutiefst verständliche Entscheidung getroffen hat, muss mit ansehen, wie sich Freunde und Kollegen von ihm abwenden, wie sie durch opportunistische Winkelzüge aus dem Fall Kapital zu schlagen versuchen. Nach einer parlamentarischen Anfrage läuft bald ein Gerichtsverfahren gegen Bernhardi. Er steht im Zen­trum eines Vorgangs, den man politisch gesteuerte Volksempörung nennen könnte. Die Schlinge zieht sich zu.

Empörung als Triebfeder politischen Handelns

Darin hat Regisseur Thomas Ostermeier die gegenwärtige Kraft des vor über hundert Jahren geschriebenen Stücks erkannt. Deutschland im Dezember 2016: Die Empörung als Triebfeder politischen Handelns hat in Gestalt der „Alternative für Deutschland“ (AfD) Einzug in zehn Landesparlamente gehalten. AfD-Strategen wie der Philosoph Marc Jongen sprechen von einer „thymotischen Unterversorgung“ der Deutschen und machen damit den Blick frei auf die Ursachen des eigenen Erfolgs: die Provokation von Zorn gegen die Eliten, gegen eine vermeintlich manipulierte Öffentlichkeit, vor allem aber gegen Fremde und Flüchtlinge.

Dieser Hintergrund macht die Auswahl des Stücks nicht nur sinnfällig, sondern geradezu zwingend. Und Ostermeier ist es gelungen, Schnitzlers diagnostischen Scharfsinn in spannende, intelligente Unterhaltung zu übersetzen, die auch ästhetisch für sich einnimmt. Jan Pappelbaums Bühne ist ganz in klinischem Weiß gehalten, vor dem die meist weiß bekittelten Ärzte ihre Autorität und ihre Intrigen spazieren führen. Die weiße Wand gilt zugleich als Projektionsfläche für Videoaufnahmen, die zusammen mit Streichermusik während der Umbauten zum Einsatz kommen: mal überlebensgroß die Gesichter der Darsteller, dann wieder die schöne Handschrift der Künstlerin Katharina Ziemke, die den jeweils aktuellen Handlungsort mit bunter Kreide auf der Wand vermerkt.

Jörg Hartmann wechselt zwischen überlegener Ironie, schierer Fassungslosigkeit und Wut

Und natürlich ist dieser Abend auch eine große Rückkehr des ehemaligen Schaubühnen-Ensemblemitglieds Jörg Hartmann, der 2009 das Haus verließ und inzwischen deutschlandweit als neurotischer Kommissar Peter Faber aus dem Dortmunder „Tatort“ bekannt ist. Es ist für die gesamten Zweidreiviertelstunden des Stücks eine Freude, ihm zuzusehen – wie er wechselt zwischen überlegener Ironie, schierer Fassungslosigkeit und Wut. Der Glaube an die Kraft der Vernunft, an den freien Wettstreit der Argumente, an die Möglichkeit des Dialogs: diesen Glauben verkörpert sein Professor Bernhardi ebenso überzeugend wie dessen tiefe Erschütterung durch populistische, postfaktische Strategien. Er ist ein Stellvertreter all jener, die für die simpelsten Grundlagen der Zivilgesellschaft eintreten und sich plötzlich, wütend als „Gutmenschen“ verteufelt, an den Pranger gestellt sehen.

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An Hartmanns Seite sehen wir ein klug ausgewähltes Ensemble, darunter Sebastian Schwarz als karrieristischer Widerling Dr. Ebenwald, Hans-Jochen Wagner als windiger Kultusminister Dr. Flint oder Lukas Turtur als loyaler Dr. Löwenstein. Für sie und alle anderen gab es nach Ende der Premiere ebenso langen wie verdienten Applaus.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf. Karten: 890023, Termine: 19.–23. Dezember

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