Locomore

Am Bahnhof Zoo halten jetzt wieder Fernzüge

Der Privatanbieter Locomore fährt von Stuttgart nach Berlin - Offenbar Desinteresse bei Senat und Bezirk.

Der erste Locomore-Zug hält am Bahnhof Zoo

Der erste Locomore-Zug hält am Bahnhof Zoo

Foto: Amin Akhtar

Die Premiere verlief ganz ohne Pomp und großes Tamtam. Gemächlich und sogar sieben Minuten vor der im Fahrplan vermerkten Zeit ist am Mittwoch der erste reguläre Zug des privaten Eisenbahnunternehmens Locomore in den Bahnhof Berlin-Zoologischer Garten eingefahren. Doch kein Repräsentant des Senats oder der Charlottenburger Bezirkspolitik standen bei der einfahrt des LOC 1818 am Bahnsteig. Auch die AG City West hatte sich zur Begrüßung nichts einfallen lassen. Dabei fordern sie doch alle seit Jahren, dass der Bahnhof Zoo wieder Fernzughalt wird.

So war die erste Fahrt im Crowdfunding-Zug

Seit der Eröffnung des Hauptbahnhofs im Mai 2006 lässt die Deutsche Bahn ihre ICE dort nur noch durchfahren. Das bundeseigene Verkehrsunternehmen begründet die Ignoranz der traditionsreichen Station in der City West mit der starken Belegung der Stadtbahntrasse, die einen weiteren Halt neben dem Hauptbahnhof nicht zulassen würde. Dass es mit etwas gutem Willen geht, beweist nun das Berliner Start-up Locomore. „Der Bahnhof Zoo ist der wichtigste Verkehrsknoten in der City West. Natürlich wollten wir von Anfang an mit unserem Zug da auch halten“, sagte Locomore-Gründer und Geschäftsführer Derek Ladewig.

Jungfernfahrt beginnt mit 40 Minuten Verspätung

Noch am Morgen hatte es für die seit Langem vorbereitete Erstfahrt gar nicht so gut ausgesehen. Statt wie geplant um 6.21 Uhr konnte der Zug erst kurz nach 7 Uhr – also mit 40 Minuten Verspätung – den Stuttgarter Hauptbahnhof verlassen. Locomore spricht von „normalen Start-Schwierigkeiten“.Für den eigentlichen Eisenbahnbetrieb hat das in Kreuzberg ansässige Start-up das schwedische Eisenbahnunternehmen Hectorrail beauftragt. Da habe es trotz vorheriger Proben noch Abstimmungsschwierigkeiten vor Ort gegeben, hieß es. Für die meisten der etwa 150 bis 200 Fahrgäste an Bord war die Verspätung kein Grund zum Ärgern, zumal sie bereits bis Göttingen komplett aufgeholt war.

Bahnreisen wird jetzt attraktiver

Dabei darf der Locomore-Zug nicht schneller als Tempo 200 fahren. Doch im Fahrplan sind offenbar ausreichend Reserven eingebaut. Während ein ICE der Bahn die Strecke von Stuttgart nach Berlin im Direktverkehr in weniger als fünfeinhalb Stunden zurücklegt, muss der Locomore-Nutzer knapp sieben Stunden Fahrzeit einplanen. Dafür sind die Tickets deutlich günstiger. Zwischen 22 und 65 Euro kostet die einfache Fahrt über die gesamte Strecke. Die Deutsche Bahn verlangt bis zu 145 Euro für den Einzelfahrschein. Selbst mit der Bahncard 50 kostet das Ticket noch 72,50 Euro. „Wir wollen mindestens fünf Euro günstiger sein als die Bahn“, sagt Ladewig, der das Locomore-Angebot gut platziert sieht zwischen Fernbus und Hochgeschwindigkeitszug.

Viel Platz zum Spielen für Kinder

Mit an Bord des LOC 1818 ist Johannes Jäger. Der pensionierte Lehrer hat sich in Stuttgart auf den Weg nach Berlin gemacht, wo seine Tochter wohnt. Obwohl er nur zwei Tage vorher sein Ticket gebucht hat, kostet die Fahrt in die Hauptstadt nur 42 Euro. „Das Finanzielle ist für mich aber nur ein Argument. Mir ist es wichtig, dass es eine Alternative zur Bahn gibt“, sagt der 70-Jährige. Platz hat Jäger mit Enkelin Kara im Familienbereich gefunden. Neben den Sitzen gibt es viel Platz zum Spielen, eine Holzeisenbahn ist am Boden aufgebaut. „Meine Enkelin ist davon ganz begeistert“, sagt Jäger, der auch künftig mit dem Locomore-Zug fahren will.

Kostenloses Wlan

Der Zug besteht an diesem Tag aus vier in Rumänien modernisierten Bundesbahnwagen aus den 70er-Jahren. Künftig sollen es bis zu acht sein. Die Waggons bieten nicht nur bequeme Polstersitze, Fenster zum Öffnen und kostenloses Wlan. Wer statt Basic den etwas teurere Business-Tarif bucht, der kann zu maximal dritt ein Sechser-Abteil nutzen. Heißgetränk und Zeitung inklusive. Getränke und Snacks gibt es übrigens in allen Wagenklassen direkt an den Platz. Mitarbeiter fahren dazu wie im Flugzeug mit Trolleys durch die Wagen. „Wer es mag, bekommt von mir auch einen Espresso frisch gebrüht“, sagt Frederick vom Bordservice. Der kostet zwei Euro, für Filterkaffee aus Thermoskanne werden 1,80 Euro verlangt. Im Bahn-ICE kostet der Kaffee mindestens 2,80 Euro. Frederick verweist auch darauf, dass alle Produkte Bio-Qualität haben. Die Schwäbische Brezel kostet 1,50 Euro, die Rosinenschnecke 2,50 Euro.

Locomore will in drei Monaten schwarze Zahlen schreiben

Den Fernverkehr auf der Schiene beherrscht die Deutsche Bahn mit einem Marktangteil von über 99 Prozent. Private Konkurrenten taten sich bislang immer sehr schwer. 13 Jahre lang fuhr etwa der InterConnex zwischen Leipzig, Berlin und Warnemünde, ohne je in die Gewinnzone zu gelangen. 2014 war dann Schluss. Locomore hat rund 600.000 Euro über Crowdfunding, also kleine Geldeinlagen, eingesammelt. Das reicht für etwa drei Monate, dann muss das Angebot sich über den Ticketverkauf selbst finanzieren. „Ich bin sehr optimistisch, dass wir das auch schaffen“, sagt Ladewig.