Buchprojekt

Auf der Suche nach den mathematischen Spuren in Berlin

In einem Führer laden Iris und Martin Grötschel zu Touren durch das mathematische Berlin ein.

Wie spät ist es? Iris Grötschel und ihr Mann, Akademie-Präsident Martin Grötschel, vor der Mengenlehre-Uhr am Europa-Center

Wie spät ist es? Iris Grötschel und ihr Mann, Akademie-Präsident Martin Grötschel, vor der Mengenlehre-Uhr am Europa-Center

Foto: Jörg Krauthöfer

Eine kleine Putte am Haupteingang des Zeughauses versteht offenbar eine Menge von Geometrie: Die Barockfigur hält eine Rolle mit Rechtecken, Kreisen und Dreiecken in der Hand. Wie war das noch einmal mit dem Satz des Pythagoras? Viele solcher sichtbaren und unsichtbaren Spuren hat die Mathematik-Geschichte in Berlin hinterlassen - Iris und Professor Martin Grötschel haben sie ausgegraben. Der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und seine Frau, die ebenfalls Mathematikerin ist, haben sich für ein neues Buchprojekt zusammengetan: „Mathematical Berlin“ lädt zu besonderen Touren durch die Wissenschaftsgeschichte der Stadt ein.

„Jeder kann hier seine eigenen Wege entdecken und nachvollziehen“, sagt Iris Grötschel. Früher hat sie als Lehrerin unterrichtet, kam dann nach Berlin ist seit 1998 als Stadtführerin unterwegs. „Ich fand die Stadt von Anfang an unglaublich spannend“, sagt die Ein-Frau-Unternehmerin.

Schon 2008 – dem Jahr der Mathematik, das Martin Grötschel als Professor an der Technischen Universität mit vorbereitet hat - entstand ihr Buch „Das Mathematische Berlin“. „Mathematikern fallen Dinge auf, die andere vielleicht gar nicht bemerken würden“, erzählt Iris Grötschel. Da sie und ihr Mann beruflich viele internationale Wissenschaftler treffen, entstand nun die Idee, gemeinsam einen Führer auf Englisch aufzulegen - mit Vorschlägen für mathematische Stadttouren, die auch Einheimische überraschen werden.

Das Buch „Mathematical Berlin“ erzählt eine kurzweilige Geschichte der Mathematik in Berlin und stellt die Stars der Wissenschaft in Kurzbiografien vor: Dass Berlin seit mehr als 300 Jahren als Hot Spot der Mathematik gilt, verdankt sie Gottfried Wilhelm Leibniz - darüber herrscht nach Worten von Iris und Martin Grötschel Einigkeit. Er war der erste Präsident der 1700 gegründeten Akademie der Wissenschaften. Aber auch Leonhard Euler (1707-83) verbrachte viele Jahre in der Hauptstadt. Euler gehört zu den Begründern der Analysis und führte viele mathematische Symbole ein -- welcher Schüler hat nicht seine speziellen Erfahrungen mit Eulers Funktionsterm-bezeichnung "f (x)" gesammelt? Heute erinnert eine Gedenktafel an der Behrenstraße 21/22 an den Mathematiker. Natürlich darf auch Werner von Siemens nicht fehlen. Mit dessen Ausspruch„Ohne Mathematik tappt man doch immer im Dunkeln“ beginnt das Buch.

Auch die zahlreichen Lehr- und Forschungsinstitutionen des modernen Berlins werden im Buch vorgestellt – von den großen Universitäten bis hin zum Zuse-Institut (schließlich lebte auch Computer-Erfinder Konrad Zuse lange in Berlin). Viele bekannte Institute liegen auf den Routen der vier Spaziergänge, die Iris und Martin Grötschel empfehlen. Eine besonders ausgedehnte Tour führt durch das historische Zentrum zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz. „Bei einem Spaziergang in Mitte kann man die Entwicklung der Mathematik von ihren Anfängen bis zur heutigen Zeit erkunden,“ so Iris Grötschel.

Die Tour startet an der Staatsbibliothek Unter den Linden – ein Teil des Gebäudes wird von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften genutzt. In diesem Bereich ist noch heute die historische Inschrift „Preußische Akademie der Wissenschaften“ zu entdecken. In der Nähe steht das Reiterstandbild Friedrichs des Großen, zu dem eine Statue des Philosophen Kant gehört, der in Königsberg auch Mathematik lehrte. An der Humboldt-Universität vorbei geht es zum Gorki-Theater, das früher die Singakademie beherbergte.

Hier hielt Alexander von Humboldt seine Kosmos-Vorlesungen, organisierte er eine Konferenz, die 1828 auch Carl Friedrich Gauß besuchte. Auf der Route liegen ferner das Haus des Lehrers, das den Satz des Pythagoras in Mosaikform zeigt, und die Weltzeituhr am Alexanderplatz. Auch die Berlin-Uhr am Europa-Center, deren beleuchtete Farbfelder die Uhrzeit darstellen, wird im Buch beschrieben. Der Spitzname Mengenlehre-Uhr ist selbst Experten ein Rätsel. Mit Mengenlehre habe die Uhr wenig zu tun, sagt Iris Grötschel – und lacht.

Iris and Martin Grötschel: Mathematical Berlin – Science, Sights, and Stories. Berlin Story Verlag, 2016, 14,95 Euro. – Iris Grötschel: Das mathematische Berlin. Historische Spuren und aktuelle Szene. Berlin Story Verlag, 2013, 19,80 Euro.