„Postfaktisch“

Berlins gefühlte Wahrheiten

„Postfaktisch“ ist Wort des Jahres 2016. Warum es auch in der Hauptstadt geführte Debatten charakterisiert.

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Ging der Titel im Vorjahr an die „Flüchtlinge“, lautet das Wort des Jahres 2016 „postfaktisch“. Der Begriff setzte sich bei der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden gegen Konkurrenz wie „Brexit“ und „Silvesternacht“ durch. Das Kunstwort „postfaktisch“ steht für ein Phänomen, das sich Rechtspopulisten in ganz Europa zunutze machen: Dass politische Debatten zunehmend emotional, nicht auf Basis von Fakten geführt werden. Auch in Berlin geht und ging es bei vielen Themen ziemlich postfaktisch zu. Eine Auswahl.

Tempelhofer Feld Bis heute sind Experten überzeugt, dass viele Berliner gar nicht wussten, worüber sie da im Juli 2012 eigentlich abstimmten. Beim Volksentscheid zum Erhalt des Tempelhofer Feld ging es darum, ob 4500 Wohnungen am Rand des ehemaligen Flughafengeländes gebaut werden sollen. So mancher dachte aber, dass die gesamte Grünfläche zubetoniert werden soll. Den Aktivisten der Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ war das gar nicht so unrecht. Sie ließen die Menschen in ihrem Glauben – und gewannen.


Olympia Abgesehen davon, dass Dopingenthüllungen gerade ohnehin jede Lust auf Olympische Spiele rauben, ist die Diskussion über eine deutsche Bewerbung immer wieder mit Denkfehlern behaftet. Viele meinten, das Geld solle lieber für Kitas, Schulen und andere sinnvolle Dinge ausgegeben werden. Nur ist „das Geld“ ohne eine Bewerbung gar nicht da. Erst eine Bewerbung setzt Förderungen vom IOC und Bund frei, die dann auch in Infrastruktur der Bewerberstadt investiert werden können. Die Wahl lautet also nicht Olympia oder Kitas, sondern Olympia oder nichts zusätzlich zum Bisherigem. Aber das haben in Berlin und später auch in Hamburg die wenigsten verstanden. In Anbetracht der Dopingproblematik vielleicht zum Glück.

BVG & S-Bahn Über nichts meckert der Berliner ja so leidenschaftlich wie die Unpünktlichkeit von Bus und Bahn. Und klar: An den M29, der im Rudel fährt, erinnert man sich eher als an die stets zuverlässige U4. Tatsächlich schaffen es U-Bahn und Tram, die im Verkehrsvertrag festgeschriebenen Sollwerte in Sachen Pünktlichkeit nahezu einzuhalten. Und sogar die viel gescholtene S-Bahn hat sich im Vergleich zum Vorjahr gesteigert (auch wenn ein richtiges Urteil hier erst nach dem ersten Schnee taugt). Nicht postfaktisch ist hingegen die Diskussion über Berlins Busse: Mehr als jeder zehnte kommt zu spät.


Eisbär Knut Das Eisbärenbaby (2006-2011) war ohne Frage sehr niedlich, gefühlt war er nicht weniger als der süßeste Eisbar der Welt. Dabei war der gute Knut nicht viel niedlicher als andere Eisbärenbabys. Dass der Berliner Bär so berühmt wurde, überraschte am Ende alle. Selbst den Berliner Zoo, wo man eine Weile brauchte, um mit der Erkenntnis umzugehen, dass Emotionen manchmal stärker sind als die Tatsachen, zumal wenn es um Tiere geht. Nach seinem plötzlichen Tod, da war er schon nicht mehr so niedlich sondern ziemlich hinüber, zog Knut als „Präparat“ ins Naturkundemuseum um, wo er mit unzähligen anderen spannenden und süßen Tieren zu bestaunen ist. Bis heute stehen vor seiner Vitrine immer die meisten Besucher – und das durchaus nicht nur Kinder. Zum Glück wartet im Tierpark bereits der nächste kleine Eisbär, um Knuts Erbe anzutreten.

Kriminalität im Schwulenkiez Groß war die Aufregung Anfang des Monats, als bekannt wurde, dass die Schwulenkneipe „Lieblingsbar“ im Schöneberger Regenbogenkiez dichtgemacht hat. Der Betreiber hatte die steigende Kriminalität rund um die Eisenacher Straße verantwortlich gemacht. Viele Gäste würden die Gegend aus Angst vor Übergriffen meiden. Zahlen der Polizei Berlin zeigten aber, dass im Umkreis von 250 Metern um die „Lieblingsbar“ sogar ein Rückgang der Straftaten zu verzeichnen sei. „Bei den Körperverletzungsdelikten sowie Bedrohungsstraftaten ist zu den vorgenannten Vergleichsjahren sogar ein erheblicher Rückgang der Fallzahlen erkennbar“, so die Polizei. 2016 wurden bis Ende Oktober 88 Straftaten pro Monat registriert. 2015 waren es mehr als 100.

Theaterkrieg Es geht längst nicht mehr nur um die Berliner Volksbühne. Vielmehr hat sich der Streit um das Ende der Castorf-Ära an der Volksbühne zu einer handfesten Diskussion um die Zukunft der Berliner Theaterlandschaft entwickelt. Seit bekannt wurde, dass Museumsmann Chris Dercon Nachfolger von Frank Castorf wird, gibt es einem handfesten Ost-West-Theaterkrieg. Das Kuriose: Keiner kennt Dercons genaue Planung, er arbeitet noch daran. Ein offener Brief jagte den nächsten, das ging so weit, dass Claus Peymann Kulturstaatssekretär Tim Renner als „größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts“ bezeichnete. Am Ende weiß keiner, wie es weitergeht. Der neue Kultursenator Klaus Lederer (Linke) braucht jetzt vor allem sachliche Argumente.