„Volksentscheid Fahrrad“

Berlins Radwege brauchen eine Kindersicherung

Die Aktion „Bärchen gegen Brummis“ zeigt, wo fahrende Kinder besonders gefährdet sind. Parkplätze könnten helfen.

Katrin Scholz und Töchterchen Lilly fahren gern Rad. Sicher fühlen sie sich dabei oft nicht

Katrin Scholz und Töchterchen Lilly fahren gern Rad. Sicher fühlen sie sich dabei oft nicht

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Es sieht aus, als wären dem Weihnachtsmann die Geschenke vom Schlitten gefallen. Der Radstreifen in der Leipziger Straße ist mit Spielzeug gesäumt. Dann radeln ein Elch und ein Bär vorbei. Applaus der Zuschauer.

Es ist keine Werbeaktion zu Weihnachten, die da vor der Mall of Berlin stattfindet. Die Rad-Aktivisten von der Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ werben am Mittwoch dafür, dass Berlins Kinder in Zukunft sicher radfahren können. „Bärchen gegen Brummis“ heißt die Aktion, für die ein Abschnitt der Leipziger von der Polizei gesperrt werden muss. Es ist ein Teil des Kampfes für besseren und vor allem sicheren Radverkehr, den die Aktivisten seit Monaten führen.

Doch ab wann ist ein Radweg sicher? In einem Interview mit der „taz“ hatte der bisherige Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) definiert, dass Eltern ihre Kinder auf einem sicheren Radweg alleine fahren lassen würden. Schon auf die Leipziger Straße trifft das kaum zu. Einen Radstreifen gibt es nur auf ein paar hundert Metern.

Und selbst der schützt Radfahrer nach Ansicht der Aktivisten nicht ausreichend vor vorbeifahrenden Autos. Dazu kommen permanente Baustellen, wenig Platz für viele Verkehrsteilnehmer. Bilanz: für Kinder ungeeignet.

Umfrage: Busspur als Radweg wird als unsicher empfunden

Eine nicht-repräsentative Morgenpost-Umfrage unterlegt das. Online stimmten fast 500 Teilnehmer ab: Würden Sie Ihre Kinder auf dieser Straße Radfahren lassen? Zur Auswahl standen 50 Berliner Hauptstraßen. Mit 94 Prozent „Nein“-Stimmen landete die Leipziger Straße auf dem letzten Platz.

Im Durchschnitt stimmten knapp 75 Prozent der Teilnehmer mit „Nein“, insgesamt wurden 93 Prozent der Radwege von mehr als der Hälfte als nicht kindersicher bewertet. Auffällig ist, dass die Teilnehmer der Umfrage ihre Kleinen besonders auf jenen Straßen nicht fahren lassen würden, auf denen es nur eine Busspur als Radweg gibt: Hauptstraße (Schöneberg), Kantstraße, Sonnenallee oder Kurfürstendamm schnitten nach der Leipziger Straße, auf der es ebenfalls eine Busspur gibt, am schlechtesten ab.

Knapp 90 Kilometer dieser Spuren, die für die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe angelegt wurden, gibt es. Sie dürfen auch von Radfahrern genutzt werden – eine Lose-Lose-Situation: Die Busse werden ausgebremst und unpünktlich, die Busfahrer genervt, wenn sie Radfahrern hinterherzockeln müssen. Und die Radfahrer erschrecken sich, wenn die Fahrzeuge haarscharf an ihnen vorbeiziehen.

Ebenfalls als unsicher wurden Straßen bewertet, auf denen die Radwege auf gleicher Höhe mit dem Gehweg gebaut wurden, die sogenannten Hochbord-Radwege. Etwa am Hermannplatz oder in der Potsdamer Straße. Die Wege sind an vielen Stellen verschwenkt, da sie Hindernisse wie Bäume umkurven müssen. Zudem sind sie oft gepflastert, ihr Zustand durch Bodenwellen deshalb miserabel.

Und nicht selten laufen Fußgänger auf diesen Radwegen. „In der Vergangenheit wurden die Straßen so geplant, dass vor allem Autos Platz hatten“, erklärt Aktivist Daniel Pöhler. „Der Rest wurde dann an Radfahrer und Fußgänger verteilt, wobei die Radfahrer am schlechtesten wegkamen.“

Etwas besser schnitten Radwege ab, die als Schutz- oder Radfahrstreifen auf der Straße verlaufen. 200 Kilometer davon wurden vom bisherigen Senat in den letzten Jahren eingerichtet. Der Nachteil: Diese Radwege sind permanent zugeparkt. Aber diese Variante ist beim Senat beliebt, die Umsetzung ist kostengünstig.

Umfrage – Wie sicher sind Berlins Straßen für Radfahrer?

„Parking Protected Bike Lanes“ als Lösung?

Laut „Volksentscheid Fahrrad“ und dem Fahrradclub ADFC müssen Radwege mindestens zwei Meter breit und mit einen physischen Schutz gegen den „vorbeirauschenden“ Verkehr ausgestattet sein. Dies könne etwa durch den Tausch von Park- und Radspur geschehen. „Parking Protected Bike Lanes“ heißt dieses Prinzip, das unter anderem in einigen Städten in den USA praktiziert wird. „Alternativ würden es auch Pflanzenkübel oder Poller tun“, sagt Pöhler.

Die neue rot-rot-grüne Regierung hat sich das in den Koalitionsvertrag geschrieben. Bei neuen Radwegen soll eine „physische Trennung des Radverkehrs sowohl vom Auto als auch vom Fußverkehr“ erfolgen. Den Rad-Aktivisten ist das aber noch zu vage.

Dass das System der „Parking Protected Bike Lanes“ ankommt, zeigt die Straße des 17. Juni, wo Radfahrer durch parkende Autos von der Straße getrennt sind. 79 Prozent der Umfrage-Teilnehmer würden ihre Kinder hier alleine Radfahren lassen – der beste Wert.

Es folgen Potsdamer Chaussee, Karl-Marx-Allee und Großer Stern, wo ebenfalls ein deutlicher Abstand zur Fahrbahn existiert. „Es gibt auch andere gute Teilstrecken, etwa an der Bülowstraße oder am Südstern“, sagt Pöhler. „Doch das meiste ist leider noch Stückwerk.“

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