Potsdam

Am Alten Markt kehrt die Vergangenheit zurück

Der Alte Markt entsteht neu – mit dem italienischen Flair von einst. Bald erscheint ein Buch über die Geschichte des Platzes.

Potsdam - Blick auf den Alten Markt in Potsdam (Foto: Joerg Krauthoefer/Funke Medien Gruppe)

Potsdam - Blick auf den Alten Markt in Potsdam (Foto: Joerg Krauthoefer/Funke Medien Gruppe)

Foto: Joerg Krauthoefer/Funke Medien Gruppe

Zuerst war das Fortuna-Portal zurück. Auf Initiative und mit dem Spendengeld des TV-Moderators Günther Jauch. Mehr als ein Jahrzehnt später stand das bei einem Bombenangriff 1945 zerstörte Stadtschloss wieder komplett. Hinter der von Milliardär Hasso Plattner gespendeten barocken Knobelsdorff-Fassade tagt seit Anfang 2014 der Landtag. Auch der Palazzo Chiericati und daneben der Palazzo Pompei sind inzwischen an ihrem einstigen Platz. Als Wohn- und Geschäftshäuser – mit historischer Fassade. Mit dem wiedererstandenen Palais Barberini als künftiges Kunstmuseum ist ein weiterer Prachtbau fertig. Und es geht weiter. Der Alte Markt im historischen Zentrum Potsdams entsteht neu – aber mit dem italienischen Flair von einst.

„Es ist schon ein Phänomen, dass in Potsdam die Erinnerung wiederaufgebaut wird. Das hätte man ja nicht zwingend machen müssen“, sagt Tobias Büloff, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stadtverwaltung. „Ich finde diese Entscheidung aber richtig.“ Der 41-jährige Historiker hat ein Buch über die Geschichte des Alten Marktes geschrieben. Es soll Anfang 2017 im Verlag für Berlin-Brandenburg erscheinen. Auf 240 Seiten erzählt Büloff die Geschichte eines der schönsten Plätze Europas. Von dem zu DDR-Zeiten – und auch lange danach – nicht viel geblieben war.

Diskussion um die Mitte dauert über zwei Jahrzehnte

Mehr als zwei Jahrzehnte wurde diskutiert, auch heute sorgt das Ziel, das architektonische Erbe wiederaufzubauen, für Kontroversen. Die Stadt hat ein Bürgerbegehren, die Reste der DDR-Architektur auch am Alten Markt zu erhalten, als unzulässig abgelehnt. Dagegen klagen die Initiatoren. Doch die neue alte Stadtmitte hat inzwischen viele Skeptiker überzeugt. Der Alte Markt ist in kurzer Zeit zu einer Touristenattraktion geworden. Joachim Kuke vom Verein Potsdamer Stadtschloss e.V. spricht von einem „ganz großen Erfolg für diejenigen Bürger, die für diese historische Erinnerung gekämpft haben“.

Bereits 1990 hatten die Stadtverordneten beschlossen: Wir streben in der Potsdamer Mitte „die behutsame Annäherung an den charakteristischen, historisch gewachsenen Stadtgrund- und -aufriss an“. Im Herbst 1991 ließ die Stadt daher den noch von der SED beschlossenen Theaterrohbau abreißen. Das neue Hans-Otto-Theater sollte zur 1000-Jahr-Feier Potsdams 1993 eröffnet werden. In moderner sozialistischer Architektur. Nun wurde an der Schiffbauergasse neu gebaut, das Theater war so lange in einer provisorischen „Blechbüchse“ am Alten Markt untergebracht. Danach herrschte dort Leere. Sie füllt nun wieder der frühere Palast Barberini. Das Haus ist ein Geschenk des Kunstmäzens Hasso Plattners an seine Wahlheimat.

Der Alte Markt in Potsdam ist zurück mit Fassaden aus dem 18. Jahrhundert
Video: Der Alte Markt ist zurück mit historischen Fassaden

Das Museum soll ab 23. Januar 2017 Teile seiner Sammlung und wechselnde Ausstellungen präsentieren. Das Barberini war ein unter dem preußischen König Friedrich II. nach Entwürfen Georg Christian Ungers und Carl von Gontards 1771 bis 1772 errichtetes klassizistisch-barockes Bürgerhaus. Nach dem Stadtschloss und der Nikolaikirche mit fünf Geschossen das größte Gebäude am Platz. „Man muss sich das so vorstellen“, erzählt Büloff. „Das Schloss war 1750 fertiggestellt. Wenn der König aus dem Fortuna-Portal den Platz betrat, schaute er auf eher bescheidene Gebäude, die sein Vater, der Soldatenkönig, hatte errichten lassen. Das Rathaus war noch ein Fachwerkbau mit einem hölzernen Turm.

Einzig der 90 Meter hohe barocke Turm der Nikolaikirche von 1724 konnte beeindrucken.“ Seine Vision aber war ein römischer Platz. Die damalige Umgestaltung fing 1750 mit den Eckgebäuden an. Begonnen wurde mit dem Knobelsdorff-Haus neben dem Alten Rathaus, das erst später, 1754, erneuert wurde. Inzwischen trägt das erste repräsentative Bürgerhaus am Eck seine alte Fassade wieder. Darin wohnten ganz normale Bürger. Neben dem Knobelsdorff-Haus entstand zu Zeiten des Alten Fritz ein weiteres Eckgebäude. An dessen Stelle steht heute die Fachhochschule. Der Plattenbau soll nächstes Jahr abgerissen werden. Und das alte Bürgerhaus mit historischer Fassade wieder entstehen.

„In der DDR suchte man seine Utopien in der Zukunft, während heute die Vergangenheit eine hohe Konjunktur hat“, stellt Büloff fest. Er betont: „In Potsdam können zerstörte Gebäude oftmals sehr genau wiederaufgebaut werden, weil wir das historische Material dazu haben.“ Für die Geschichte des Platzes hat Büloff vieles aufgetan: Dass im Palazzo Pompei im dortigen Gasthof 1764 Casanova abstieg. Dass die Bürger wenig begeistert waren über die Fassaden, die ihnen der Alte Fritz buchstäblich vorsetzte. Immer wieder wurde um Reparaturen und Geld aus der königlichen Kasse gestritten. Dass 1910 in einem der damaligen Säle ein Kino eröffnete und später Teile der Verwaltung einzogen. Seine Recherchen über das am 14. April 1944 bei einem Bombenangriff zerstörte Gebäude stellte der Historiker auch dem Museum Barberini zur Verfügung.