Wirtschaft

Hier leben Berlins Schuldner

Im Schuldenranking bleibt Berlin an der Spitze – trotz leichten Rückgangs. Nur in Bremen sind mehr Menschen in den Miesen.

Jeder achte Berliner ist überschuldet. Mit einem prozentualen Wert von 12,7 ist Berlin im Ländervergleich mit Bremen (14 Prozent) Negativspitzenreiter. Und das, obwohl 2016 in der Hauptstadt insgesamt etwa 3000 Einwohner weniger ihre Schulden nicht mehr abbezahlen konnten als noch vor einem Jahr. Mit dieser positiven Entwicklung trotzt Berlin dem bundesweiten Trend zu mehr Überschuldung. Das geht aus dem diesjährigen Schuldneratlas hervor, den die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Dienstag vorgestellt hat.

"Die Lage in Berlin entspannt sich langfristig", sagt Michael Herzog, Pressesprecher der Creditreform Berlin-Brandenburg. Gründe sieht er in der positiven Konjunktur sowie in den sehr guten Bedingungen für kleine und mittelständische Unternehmen. Positiv wirke sich auch die sinkende Arbeitslosigkeit aus. Nicht zu vernachlässigen sei aber auch der Faktor Zuwanderung. Vereinfacht ausgedrückt: Die Schuldner verteilen sich auf mehr Einwohner insgesamt. In diesem Jahr sind mit 373.221 Erwachsenen so wenige Berliner überschuldet wie zuletzt 2009.

370.000 Berliner können Schulden nicht begleichen

Anders ist die Situation in Brandenburg: Dort verzeichnet der Schuldneratlas einen leichten Anstieg der privaten Überschuldung. Die Zahl der Schuldner erreicht 2016 mit 212.523 Personen den höchsten Stand seit acht Jahren. Allerdings ist die Schuldnerquote mit 10,1 Prozent weiter niedriger als in Berlin.

In der Hauptstadt steigt zudem die Zahl jener Schuldnerfälle, die vor Gericht kommen, also beispielsweise in einer Privatinsolvenz enden. "Diese sogenannte harte Überschuldung hat in diesem Jahr einen Höchststand erreicht", sagt Creditreform-Sprecher Herzog. 231.860 Berliner mussten sich demnach bis zum Stichtag am 1. Oktober für ihre Schulden vor Gericht verantworten.

Als brisant bezeichnet Herzog die Altersüberschuldung. Zwar sind derzeit mit mehr als 16 Prozent vor allem die 40- bis 49-Jährigen betroffen, aber da die Einkommenserwartungen mit zunehmendem Alter eher zurückgingen, werde es in Zukunft wohl immer mehr über 60-Jährige geben, die ihre Schulden nicht abbauen können. Besonders gefährdet sind auch Männer. Sie verschulden sich in Berlin knapp doppelt so oft wie Frauen.

370.000 Berliner können Schulden nicht begleichen Der Ortsteil mit den meisten Schuldnern bleibt laut den Erhebungen von Creditreform Wedding, trotz eines leichten Rückgangs im Vergleich zum Vorjahr. Mehr als jeder Fünfte kann dort seine Schulden dauerhaft nicht abbezahlen. Im Negativranking folgen Spandau und Hellersdorf. Die geringsten Schuldnerquoten weisen Zehlendorf, Wilmersdorf und Steglitz auf.

Am häufigsten, so Creditreform, wachsen den Berlinern die Schulden wegen Arbeitslosigkeit und Erkrankung über den Kopf. Zum finanziellen Problem wird oft auch Sucht, Scheidung, der Tod des Lebenspartners oder eine gescheiterte Selbstständigkeit. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Susanne Fairlie.

Sie ist Juristin bei der Landesarbeitsgemeinschaft der Schuldner- und Insolvenzberatung in Berlin und weist auf einen weiteren Faktor hin: "Wenn man sowieso schon verschuldet ist, dann machen es einem Onlineshopping und undurchsichtige Finanzierungsmodelle leicht, weiter ins Minus abzurutschen", sagt Fairlie. Eine Mitschuld der Kreditgeber räumt auch der Creditreform-Sprecher Michael Herzog ein: "In vielen Bereichen wird der Zugang zu Krediten zu schnell gegeben." Seite 12

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.