Kultur

Die Pet Shop Boys in Berlin: Bunte Paradoxien

Das britische Electropop-Duo gibt im Tempodrom ein perfekt choreografiertes Konzert. Andy Warhol wäre begeistert gewesen.

Eher ein Design-Kollektiv: Die Pet Shop Boys

Eher ein Design-Kollektiv: Die Pet Shop Boys

Foto: Peter Endig / dpa

Fünf Leute mit seltsam spitzen Hüten stehen mitten im Publikum, Leuchtbänder um die Hüte geschlungen, wie eine durchgeknallte Ku-Klux-Klan-Reisegruppe, die sich in eine Berliner Disco verlaufen hat. Zwei Stunden lang erwartet man, dass sie auf die Bühne springen und mitsingen – dass sie von Anfang an ein Teil der großen Inszenierung waren, die die Pet Shop Boys im Tempodrom abliefern.

Das wird – Achtung, Spoiler – bis zum Schluss nicht passieren. Die immer mitschwingende, diffuse Erwartung, und nicht zu wissen: sind das Fans oder ist das Kunst, spiegelt jedoch aufs Schönste, was die Pet Shops Boys ausmacht: Nie ist bei ihnen ganz entschieden, was ist Pathos, was Ironie, was Ernst, was Cabaret?

Würde Andy Warhol heute eine Band verehren, wären es wohl die Pet Shop Boys. Sie haben das Abgründige der Velvet Underground, die in den 60er Jahren eine Zeitlang Warhols Hausband waren, doch sie verkleiden es in bunten Farben und Bierzelt-Beats. Eine hoch artifizielle und zugleich mainstreamige Paradoxie.

Die Pet Shop Boys machen sich bereit für Berlin

Wenn Neil Tennant im schnittigen schwarzen Anzug auf der Bühne steht, trägt er zugleich einen komischen Alien-Helm. Wenn er über ein Leben singt, in dem alles, was man tut, zur Sünde erklärt wird, man vor lauter Sich-selbst-verstehen-Wollen fast durchdreht, hämmert Chris Lowe die bekannten, fröhliche Phrase von „It's a Sin“ ins Keyboard. Und man tanzt zu seelischen Qualen.

Das ist Pop in Reinform: die großen Geschichten – Liebe, Sünde, Verheißung, Pein – in Hochglanzfolie schlagen, die schimmert wie die goldene Bomberjacke, gegen die Tennant in der zweiten Konzerthälfte seinen Anzug tauscht. Immer mehr Handys werden da gezückt um Bilder und Filme aufzunehmen. Das liegt weniger daran, dass Tennant und Lowe jetzt ohne Masken spielen, oder bei „In the Night“ in einem feinen Bühnenzauber drei weitere Musiker*innen hinter einen Gaze-Vorhang erschienen sind.

An diesem Abend sind die Visuals der heimliche Star: perfekt mit der Musik choreografierte Projektionen von Filmschnipseln, pulsierenden Kreisen, Zauberwürfeln oder Supermonden, plus eine High-End-Lasershow, die das Grün von Star-Wars-Schwertern genau so kann wie aufziehende Wolkenfelder in eine hauchdünne Laser-Fläche hineinzulegen, oder Kaskaden zu sprühen, die die Sterne einer ganz greifbaren Zukunft an die Decke des Tempodrom pinnen.

Die Pet Shop Boys haben Angst vor Berlins Kontrolleuren

Die Pet Shop Boys waren schon immer eher ein Design-Projekt als eine Band, die Gestaltung von Covern, Videos und Shows sind immer Bestandteil dieses Gesamtkunstwerks. Auch das hätte Andy Warhol gefallen. Eine weitere Paradoxie: dass die PSB nach einem düsteren Stück, wie „Inside a Dream“, das mal eben den Spätromantiker William Blake zitiert, nahtlos übergehen können zu „Winner“. Diese krass disneyhafte Hymne wird bebildert mit im Zeitraffer aufplatzenden Pilzen und anderem phallischen Zeugs und ist versehen mit dem grandios trivialen Refrain: „You're a winner / I'm a winner / Let's enjoy it all while it lasts“. Geht alles.

Einer ihren größten Hits, das unvermeidliche „Go West“, das einem, ob man will oder nicht, noch stundenlang im Ohr klebt, ist eigentlich eine Coverversion eines Songs der Village People, der wiederum auf einem Werk des Barockkomponisten Johann Pachelbel basiert. Auch paradox, stört aber niemanden. Denn da sind wir schon fast am Ende des Konzerts angelangt.

Neues Album der Pet Shop Boys erscheint am 1. April

Zwischenzeitlich sah es aus, als würde man eher die Projektionen bestaunen, hin und wieder für einen Nostalgie-Moment zum Mitwippen aufstehen, sich dann aber schnell wieder setzen. Bei „Go West“ und der Zugabe „Domino Dancing“ ist das vorbei. Da gibt es Standing Ovations, Mitklatschorgien und ein leicht blasiertes, ehrlich erstauntes „Sehr gut!“ von Tennant, nachdem die Menge textsicher den Refrain geschmettert hat.

Und „Go West“, das 1993 mit einem comicartigen Video erschien, in dem stramme Sowjetjungs geschlossen Richtung Manhattan surften, inszenieren die PSB im Jahre Donald Trumps als Kindergeburtstag. Wieder wie hin gezaubert hängen riesige, altmodische Luftballons von der Decke. Völlig unpolitisch. Oder aber symbolisch, und damit erst recht poltisch. Hm. Kluge Jungs. Die fünf spitzen Hüten jedenfalls sind nach den letzten Takten von „The Pop Kids“ verschwunden. Wer sie in die Halle gebeten hatte – es wird ein Rätsel bleiben.