Mode aus Berlin

Uli Richter: Der Mann, der Mode denkt

| Lesedauer: 7 Minuten
Jan Draeger
Der Berliner Modedesigners Uli Richter steht nach einer Pressekonferenz zur Ausstellung „Uli Richter Revisited“ im Kunstgewerbemuseum in Berlin neben Fotos, die von ihm entworfene Modelle zeigen.

Der Berliner Modedesigners Uli Richter steht nach einer Pressekonferenz zur Ausstellung „Uli Richter Revisited“ im Kunstgewerbemuseum in Berlin neben Fotos, die von ihm entworfene Modelle zeigen.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Zum 90. Geburtstag von Uli Richter zeigt das Kunstgewerbemuseum eine Ausstellung. Ein Besuch beim Designer in dessen Grunewald-Villa

Uli Richter empfängt im beigen Rollkragenpullover, in grauer Hose und hellblauem Jersey-Jackett. „Ich habe mir erlaubt, Sommer, Herbst und Winter zu kombinieren“, erklärt er. Es passt zusammen. Das Ambiente in dieser Villenetage im Grunewald, in der warmes Holz die Einrichtung dominiert, dazu Fotos, die sorgsam auf einer Kommode aufgestellt sind, der die Schritte abdämpfende Teppich, die Seenlandschaft in Öl, das Bücherregal sortiert mit Biografien und Kunstbänden – und schließlich der Hausherr. Dezent, unaufdringlich, und ja: auch ein bisschen konservativ, aber angenehm.

Stil ist etwas, das Uli Richter wichtig ist. Sein ganzes Leben lang. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zog er erst die Berlinerin an, dann die Frauen in der Bundesrepublik und schließlich in der ganzen Welt. Rut Brandt gehörte zu seinen Kundinnen, er kleidete die Frau des Bundeskanzlers für Staatsempfänge ein. Gracia Patricia, die Fürstin von Monaco, trug, was er entwarf. Es gab Frauen, die füllten ihre Garderobe fast ausschließlich mit seinen Kollektionen, bei einer waren es 38 Schränke.

Sein Stil, sagt er, ist sportlich-elegant. „Das heißt nie übertrieben, nie Chichi.“ Modeschöpfer habe er sich nie nennen wollen; das Wort mag er nicht, „Schöpfung“ gehöre aus seiner Sicht in die Religion. Die Journalistin Marietta Riederer hat ihn einmal als Modedenker bezeichnet. Worauf er stolz ist.

Ein Modedenker mit Diskretion, das Gegenstück zu Joop

Vom 2. Dezember an zeigt das Kunstgewerbemuseum nun in einer Sonderausstellung Höhepunkte seines Schaffens. Das passt mit einem anderen Datum zusammen: Knapp vier Wochen später, am 28.Dezember, wird er 90 Jahre alt. Entwirft er denn noch heute Mode? „Natürlich! Freunde im In- und Ausland, die ich Gott sei Dank durch meinen Beruf kennengelernt habe, ziehe ich nach wie vor – jedoch in aller Diskretion – auch heute noch an.“

Das Wort Diskretion fällt oft, wenn man mit Uli Richter redet. Es wirkt etwas angestaubt, bildet aber bei ihm ein Gegenstück zu der mittlerweile schrillen und lauten Modewelt da draußen. Heidi Klums Casting-Show „Gemany’s Next Topmodel“ habe er sich noch nie angesehen, sie interessiere ihn auch nur bedingt. Dass Wolfgang Joop, wie er gebürtiger Potsdamer, dort als Juror teilgenommen hat, habe er nicht mitbekommen. Er kennt Joop als „fantastischen Zeichner und als einen, der seine Mode sehr nach außen lebe“. Klingt wie ein Gegenstück zu ihm, dem Modedenker. Mehr möchte er dazu aber nicht sagen. Sie wissen schon: Diskretion!

Er ist 18 Jahre älter als Joop, seine Karriere ist eine andere. Geprägt vom Zweiten Weltkrieg, den er als Soldat miterlebt. Diphterie und eine eitrige Rippenfellentzündung haben ihn an der Westfront beinahe aus der Bahn geschmissen, aber er überlebt. Nach dem Krieg sagt ihm ein Arzt: „Wenn Sie die Hälfte von einem normalen Menschen arbeiten, können Sie alt werden.“ Er entgegnet: „Ich möchte viel arbeiten und nicht wenig.“

Arbeit mit internationalen Models

Seine Mutter hat ihn als Kind oft in einen Modesalon in Potsdam mitgenommen. Er sieht ihr zu, was sie anprobiert. Auf jeden Fall nimmt er genug auf, um 1946 an der Fachschule für Textilindustrie und Mode angenommen zu werden. Zwei Jahre später beginnt er als Volontär beim Modehaus „Horn“ am Kurfürstendamm. „Marcelle“ heißt dort sein erster eigener Entwurf: ein kurzärmeliges, dunkelblaues Sommerkleid. Es wird ein Verkaufshit.

Er wechselt an ein anderes Berliner Modehaus, wird dort Chefstilist und wagt schließlich 1959 mit seiner Kollegin und späteren Partnerin Dorothea Köhlich den Schritt in die Selbstständigkeit. In Venedig war er da schon beim International Cotton Festival mit dem Hauptpreis ausgezeichnet worden. Und auch in den USA hat er da schon Eigenes gezeigt. Richter sagt, was ihn von anderen Modedesignern seiner Zeit unterschieden habe, war, dass er sehr früh mit internationalen Models gearbeitet habe. „Darauf war ich sehr stolz.“

Freundschaft mit Rut Brandt

Einer der Höhepunkte seines Schaffens wird die Arbeit mit Rut Brandt. Die erste Begegnung war im Jahr 1969, ein Tag vor der Wahl ihres Mannes zum vierten Bundeskanzler der Bundesrepublik. Richter trifft sie, als er eine Ausschreibung gewinnt, Hostessen von Siemens bei der Weltausstellung in Osaka auszustatten. Er sagt zu ihr: „Wenn morgen Ihr Mann zum Bundeskanzler gewählt wird, darf ich Sie bitte für Ihren ersten Staatsbesuch in Amerika anziehen?“ Sie habe ganz bescheiden geantwortet: „Oh, das weiß kein Mensch.“ Darauf erwidert er: „Doch, ich werde Recht behalten, er wird es“. Das wird der Anfang einer Freundschaft, die sie bis zu ihrem Tod verbindet.

Rut Brandt sei eine temperamentvolle, sportlich-elegante Person gewesen. „Ihre Freundlichkeit, Höflichkeit, Zurückhaltung und ihr natürlicher Charme machten es ihr leicht, in der Begegnung mit Persönlichkeiten aus allen Kreisen und Schichten Beliebtheit und Bewunderung zu erlangen.“ Willy Brandt selbst wäre allerdings niemals dabei gewesen, wenn es um die Auswahl ihrer Garderobe oder Kleider ging.

Rat zu Qualität und Beständigkeit

Aber wie empfindet er die Mode heute? Die oft so schnelllebig ist, das sie gerade eine Saison hält? Er holt zwei Fotos hervor, eines ist von 1969 und zeigt eine Kundin in einem langen, hellen Kleid. Das andere Foto ist 40 Jahre später entstanden und zeigt eine andere Frau – aber mit demselben Kleid. „Mutter und Tochter“, sagt er. 40 Jahre später hat die Tochter das von ihm entworfene Kleid für die Mutter wieder angezogen. Qualität, aber auch Beständigkeit, das möchte er damit ausdrücken. Auch ein Stück Uli-Richter-Stil.

Und dann hat er noch einen Ratschlag, sozusagen fürs Leben: „Jeder sollte – wie es die berühmte Coco Chanel einmal sagte – sich einmal am Tag vor den Spiegel stellen und sich fragen: Was bin ich für ein Typ? Wie möchte ich aussehen? So gut wie möglich? Oder ist es mir egal, ob ich schlampig oder schlunzig wirke? Das gilt für alles, die Haare, das Hemd, die Hose; auch die zerschlissene Jeans, die vermeintlich sexy sein soll.“

Eigentlich ist er zuversichtlich was die junge Generation heute in Sachen Modebewusstsein betrifft: „Sie wagt es, Hüte zu tragen, was schon mal verpönt war, lange Röcke, kurze Röcke. Die Raffinesse liegt aber nicht nur an einem teuren Kleidungsstück, sondern daran, wie man es durch die eigene Persönlichkeit zur Geltung bringt.“ Was übrigens auch ganz gut zu ihm passt. Das blaue Jersey-Jackett, das er trägt, das hat er von der Stange gekauft.