Berlin

Holz, das Geschichten erzählt

Bei Claire d’Orsay werden aus alten Schiffsplanken oder morschen Laubendielen individuelle Bilderrahmen.

Claire d’Orsay

Claire d’Orsay

Foto: Ricarda Spiegel

Alles muss raus. Marode ist das Treppenhaus, das gerade saniert wird. Staub liegt in der Luft. Bauarbeiter tragen Dielen aus dem Flur und werfen sie achtlos auf den Gehweg. Sind ja nichts mehr wert, unbrauchbar. Und plötzlich steht da eine junge Frau vor dem Berg voller Holz und erklärt den Männern mit stark amerikanischem Akzent, dass sie die Holzreste sehr wohl noch gebrauchen könne.

Claire d’Orsay packt Teile davon in ihren kleinen Kastenwagen und fährt ins Atelier. Neue Beute für ihr Business. Die New Yorkerin sucht immer wieder danach, hält die Augen offen – in der Stadt und Umgebung, manchmal auch auf Bali.

Alte Schifferboote sind es dort, in Berlin dann morsche Lauben, Wohnhäuser, herrenloses Zeug am Straßenrand. Dielen, Fensterrahmen, Türen. Wobei sich auch nicht jedes Holz eignet. Furnierte Eiche sei zum Beispiel eindeutig Schrott, sagt sie.

Die 31-Jährige recycelt das alte Holz für Bilderrahmen, die sie selbst baut und in ihrem Laden „Frameworks“ auf der Reichenberger Straße verkauft. D’Orsay ist Rahmenmacherin. Das klingt altertümlich, vielleicht auch etwas trivial.

Gerahmtes findet man überall

Rahmen ... pff, könnte man meinen. Niemand braucht Rahmen. Stimmt irgendwie. Lebensnotwendig sind sie jedenfalls nicht, aber sie hübschen Wände auf, präsentieren Malerei und Fotografie und sind allgegenwärtiger, als man meint. Man muss sich doch nur mal umschauen. In Hotels, Museen, Restaurants, Wohnungen – Gerahmtes findet man überall.

Eigentlich kam d’Orsay als studierte Kinder- und Jugendpsychologin nach Berlin. Das war 2010, als das Visum ihrer Berliner Freundin in Amerika auslief. Also gingen sie gemeinsam in die Heimat ihrer Freundin.

Eine Stadt, in der viel möglich scheint. So wie in Amerika ja auch – aber irgendwie anders, findet d’Orsay. Hier wird man übermannt von freischaffenden Kreativen, weil das Leben so viel günstiger ist als in New York.

„In Berlin kann man mit nichts etwas machen“, sagt sie. Damit meint sie nicht diejenigen, die herkommen, um zu lungern, weil das hier so besonders gut funktioniert. D’Orsay meint, dass man mit einer Idee tatsächlich etwas schaffen kann, auch wenn man nicht von Anfang an die perfekten Voraussetzungen dafür hat.

Lieber etwas, wo manwirklich anpacken kann

Auch wenn der Job als Psychologin deutlich sicherer gewesen wäre, wollte d’Orsay das nicht. Und das, obwohl sie sogar eine Stelle an einer der internationalen Schulen in Berlin sicher gehabt hätte. Verlockend war das. Aber das eigentlich Menschliche, weshalb sie den Beruf in der Theorie so gern mag, ginge in der Praxis oft verloren, findet sie.

„Es geht zu selten um das Kind oder den Jugendlichen selbst, sondern mehr um das Drumherum: Schulleistung, Eltern, Sport.“ Also lieber etwas, wo man wirklich anpacken kann, sieht, was man schafft.

Natürlich lockte sie auch die neue Freiheit, die sie in Berlin spürte. Sie erinnerte sich an den Rahmenladen gegenüber ihrer Universität, dem Boston College. Hochpreisig war das da, sodass sie sich keinen leisten konnte. Also baute sie sich damals einfach selbst einen. Ihr handwerkliches Talent wurde mehr oder weniger vom Willen der Eltern, etwas Vernünftiges zu studieren, unterbunden.

Weit weg von solchen Restriktionen ging sie in Berlin nun los und klopfte bei Rahmenmachern. Nur Stephan Landwehr gab ihr die Chance. Nach drei Probetagen bekam sie eine dreimonatige Ausbildung in dem Betrieb des Mannes, der der Inhaber des „Grill Royals“ und zweier weiterer Restaurants ist. Über drei Jahre blieb sie dort.

„Es ist vor allem weiß, braun und grün“

Sie rahmte echte Picassos und Arbeiten sämtlicher Starfotografen für die Galerie Camera Work. „In der Zeit musste ich kaum mehr in Ausstellungen gehen“, sagt sie. So viel Kunst ging durch ihre Hände.

Was sie auszeichnet, ist ihr nachhaltiges Arbeiten. Eigentlich begann sie aus ökonomischer Sicht mit der Wiederverwertung. Denn Holz ist teuer. Sich selbstständig zu machen, bedeutet ja immer Risiko. Abgesehen vom Einsparen der Materialkosten hat d’Orsay das Gefühl, dass jeder Rahmen durch ihre Arbeitsweise irgendeine Geschichte erzählt.

„Ein Unikat aus einer Tür und dem Boden einer Gartenlaube spricht etwas anderes als das aus dem Holz einer Grießmühle von 1750“, sagt sie. Aus holztechnischer Sicht ist d’Orsay übrigens manchmal gelangweilt von Berlin. „Es ist vor allem weiß, braun und grün.“ Der Fund pink lackierter Bartüren des Ballhauses Grünau aus dem 19. Jahrhundert fühlte sich damals an wie der von Goldbarren.

Mitte Dezember soll auch ihr erstes Restaurant fertig sein

Ihr Gedanke an Nachhaltigkeit zeigt sich nun auch im Restaurant, das sie eröffnen wird. Das „Vertikal“ soll bis Mitte Dezember fertig sein und wird sich in d’Orsays effizientes Ideal einordnen. Eigentlich war das Gebäude, in dem es liegt, die Inspiration für ihre relativ spontane Idee. Der Neubau an der Reichenberger Straße 86 ist der erste in Berlin, der von einem umfassenden ökologischen, vertikal bepflanzten Garten bewachsen ist. Auch die Dächer sind komplett begrünt.

Im Fokus stehen umweltschonende Visionen: Reduktion von Lärmbelästigung durch die besondere Dämmung, verbesserte Luftqualität, Reduktion des Kohlenstoff-Fußabdrucks durch Senkung von Energiekosten. „Es geht aber auch darum, Menschen anzuregen, über sich und die Umwelt, in der sie leben, nachzudenken, wenn sie an dem Gebäude vorbeifahren“, sagt d’Orsay.

All das möchte sie auch auf die Restaurantkarte übertragen. Nachhaltigkeit darf nicht nur Trend sein, denn der verschwindet nach einer gewissen Zeit wieder. Das Konzept schleicht sich in immer mehr Bereiche des Lebens und kann nur Gutes bedeuten.

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