Deutsches Theater

Puchers Inszenierung von „Marat/Sade“: Ein Spektakel

| Lesedauer: 5 Minuten
Stefan Kirschner
Der Chor ist das Volk - mit Beatles-Perücken und blutroten Mündern in der „Marat/Sade“-Inszenierung

Der Chor ist das Volk - mit Beatles-Perücken und blutroten Mündern in der „Marat/Sade“-Inszenierung

Foto: Eventpress Hoensch

Stefan Pucher inszeniert „Marat/Sade“ am Deutschen Theater. Ein Spektakel. Ein Diskurs. Ein rundum beglückender Abend.

Ein Herr im flatterärmeligen schwarzen Rüschenhemd zögert, bevor er in der ersten Reihe Platz nimmt. Wirft einen diagnostizierenden Blick in den Zuschauerraum. Der Mann heißt Marquis de Sade, er ist der Spielleiter des Abends.

Auf der Bühne verkündet eine mit Glühlämpchen geschmückte Jahrmarktsbude „Illusionen“ und „Sensationen“, „Gespenster- und Geistererscheinungen“, „Horror“ und „Abnormitäten“. In dem Ausruferhäuschen taucht der Direktor auf, schwingt seine Puppenbeine über den Rand. Erste Lacher. Er kündigt das Spiel an: „Wir haben es dem hier ansässigen Herrn de Sade zu verdanken / daß er zu Ihrer Unterhaltung und zur Erbauung der Kranken / ein Drama ersonnen und instruiert / und es jetzt zur Aufführung ausprobiert.“

In der Irrenanstalt von Charenton

Willkommen in der Welt des Grand Guignol, in der Irrenanstalt von Charenton, im Deutschen Theater. Stefan Pucher inszeniert „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspieltruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ von Peter Weiss. Der vielleicht längste Titel aller Zeiten, aber einer, der die Handlung perfekt umreißt. Im Deutschen Theater wird daraus „Marat/Sade“. Ein Spektakel. Ein Diskurs. Ein beglückender Abend.

Totales Theater, in dem geliebt und gefoltert, gemordet, gesungen und diskutiert wird. 22 Schauspieler, 40 Choristen und Statisten, Musiker. Ein vielfach geschichtetes, ein lärmendes Stück. Die Uraufführung am 29. April 1964 am Berliner Schillertheater macht Weiss als Bühnenautor weltberühmt. Das Stück wird 1966 sogar mit einem „Tony Award“ – dem US-amerikanischen Musical- und Theaterpreis – für das „Beste Theaterstück“ ausgezeichnet. Weiss wird als neuer Brecht, als Meister des Dokumentartheaters gefeiert.

Die Mörderin schläft immer wieder ein

Stefan Pucher kommt in seiner knapp zweistündigen Inszenierung am Deutschen Theater mit zwei Livemusikern (Chikara Aoshima, Michael Mühlhaus), sieben Schauspielern und einem Chor aus. Felix Goeser spielt Sade wuchtig und wortgewaltig, als Regisseur flippt er aus – schön theaterreflexiv –, wenn es auf der Seitenbühne zu laut ist oder das Saallicht angeht, weil nach dem ersten Akt eigentlich eine Pause kommt, die er aber gestrichen hat.

Sade ist der Vertreter des Individualismus, heute stünde er vielleicht der FDP nahe. Sein schmächtiger Gegenpart Marat (Daniel Hoevels), einer der Protagonisten der französischen Revolution von 1789 und ein geistiger Wegbereiter des Sozialismus, sitzt in der Badewanne, um seine Hauterkrankung, verbunden mit einem schrecklichen Juckreiz (historisch verbürgt), zu lindern. Er ruft nach Feder und Papier, umsorgt von seiner Frau Simonne, eine Rolle, die Michael Goldberg auskostet. Charlotte Corday (Katrin Wichmann) ist die somnambule Mörderin, die immer wieder einnickt. Ihr Liebhaber Duperret (Bernd Moss), ein girondistischer Abgeordneter und Erotomane, befummelt sie bei jeder Gelegenheit. Jacques Roux (Benjamin Lillie), ehemaliger Mönch und jetzt glühender Marat-Anhänger, fordert attacmäßig auch gleich ein Ende der Waffenexporte und eine Kontrolle der internationalen Finanzströme und fragt: „Fehlt noch was?“ Die großartige Anita Vulesica ist in der Doppelrolle des Irrenanstaltsdirektors und des Ausrufers zu erleben, sie reimt, singt, tanzt – und beschwichtigt, schließlich spielt das Stück ja zu Zeiten der Restauration Anfang des 19. Jahrhunderts, da sind die schlimmen Zeiten der Revolution vorbei, und der neue Heilsbringer heißt Napoleon.

Auch der künftige Berliner Senat bekommt einen kleinen Seitenhieb

Bei Weiss auch eine Anspielung auf die Adenauer-Ära, auf das Wirtschaftswunderland Deutschland, auf die Sozialpartnerschaft – und eine Vorwegnahme der kommenden Studentenrevolte. Pucher spinnt das in unsere Gegenwart weiter, auch der künftige Berliner Senat bekommt mit seiner Volksberuhigungspolitik à la „ein bisschen Hartz IV, ein bisschen Bildung“ einen kleinen Seitenhieb ab.

Bühnenbildnerin Barbara Ehnes hat einen sich verjüngenden, treppenartig ansteigenden Raum gebaut, im Zentrum steht mal die Badewanne Marats, mal eine Guillotine, mal eine Vitrine mit abgeschlagenen Köpfen, in die Corday vor der Tat probehalber ihr Haupt bettet – auch das ist historisch verbürgt: Nach dem Mordanschlag 1793 endet sie auf dem Schafott.

Das Spiel im Spiel, also der Disput und der Mord, inszeniert Pucher mit Puppen, die die Schauspieler vor ihre Körper geschnallt haben. Sie rutschen auf den Knien hin und her – Marat hat sogar eine kleine Wanne umhängen –, sehen in ihren Kostümen aus dem 18./19. Jahrhundert mit ihren langen Armen und den großen Köpfen auf den kleinen Körpern putzig aus.

In den Zuschauerraum führt ein Steg, auf dem die Spieler dem Publikum ganz nahe kommen. Der fantastische Chor ist frisiert und angezogen wie die Beatles zur Zeit der Entstehung des Stücks, wohl auch ein ironisches Augenzwinkern Puchers, dem das Etikett des „Pop-Regisseurs“ anhängt. Wenn dieser Chor, der für das sehr leicht beeinflussbare Volk steht, kraftvoll Forderungen und Politikerbeschimpfungen artikuliert, dann läuft es einem angesichts der Pegida-Demos und des AfD-Aufschwungs eiskalt den Rücken runter.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte, Karten: 284 41-225. Termine: 3., 10. und
21. Dezember.

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