Neue Show „Explosive Live!“

David Garrett spielt sich in Berlin in die Herzen der Fans

Mit Feuerfontänen und einer Tanzcrew in Lackleder rockte der Musiker am Samstagabend die Mercedes-Benz-Arena.

David Garrett spielte sich in die Herzen der Fans

David Garrett spielte sich in die Herzen der Fans

Vor Spannung förmlich zu bersten scheint nicht nur das neugierige Publikum am rückwärtigen Ende des Parketts, kurz vor dem schwarzen Vorhang – vor Spannung zu bersten scheinen auch zahlreiche Smartphones, die zum Schnappschuss auf den Vorhang gerichtet sind.

Hier soll David Garrett den Weg zu seiner aufwändig gestalteten Bühne abschreiten. Das tut er tatsächlich – schlank, im gut sitzenden schwarzen Party-Sakko über dem T-Shirt und hängender Jeans, eigentlich der unscheinbare Studi von nebenan, die glänzende braune Mähne unauffällig zusammengebunden.

Ohnehin: Die Beleuchtung bleibt zu dunkel als Fotolicht für die Smartphones, zu sehen ist der Popgeiger eigentlich erst, als er in einem inneren Zirkel der Bühne auf einem erhoben sich drehenden Podest erscheint. Und das eher schüchtern. Show geht eigentlich anders.

Feuerwerk und Feuerfontänen

Natürlich hat Garretts neues Programm „Explosive Live!“, das hier in der bestens gefüllten Arena an der Warschauer Straße seinen Anfang nimmt, kaum jenes Asketische, das am besten mit geschlossenen Augen zu hören wäre. Die Band auf der kleinen erhobenen Drehbühne ist in einem äußeren Ring von einem ausgewachsenen Sinfonieorchester umgeben. Feuerwerk und Feuerfontänen rahmen das Spektakel ein, immer wieder.

Aber ist das Bescheidene von Garretts persönlichem Auftritt und das äußere Erscheinungsbild seiner Band, die mit ihrem Outfit auch eher auf eine Küchenparty als in Deutschlands größte Konzertarena passt, lediglich ein kokett gesetzter Kontrapunkt zur gigantomanischen Show?

Es könnte auch anders sein. Garrett macht keineswegs wie Schlagerstars, die hier sonst auftreten, mit Bombast und Bühnennebel Gefühle hörbar auf mehr oder weniger musikalische Art – er macht vielmehr Musik sichtbar. „Explosive live!“ kann man gerade noch die Show eines Popstars nennen, eigentlich ist es „nur“ ein Konzert. Die Feuerfontänen speien, auch gerne rhythmisch. Die Screens über den Musikern übertragen einen ins Schwarz-Weiße entfärbten und in Verdoppelungen und Unschärfen erscheinenden Geiger, visuell wird gearbeitet, was das Zeug hält. Und doch, trotz allem: Die Musik ist es, die im Mittelpunkt steht.

Die Musik steht im Mittelpunkt

Sie steht im Mittelpunkt, wenn vor Garretts Auftritt ein undefinierbares Gegrummel im Orchester anhebt und der Konzertbeginn auf diese Art fast nur mittels Klang inszeniert wird. Sie steht im Mittelpunkt, wenn Garrett gegen Ende von seiner tiefen inneren Verbundenheit mit dem Gitarristen-Klassiker Django Reinhard spricht – weil dieser seine Phrasen immer schlunzig um den Bruchteil einer Sekunde verzögert einsetzen ließ. So eine Ansage vom Star – und das Publikum ist sofort mit dem Ohr an der Bühne, nicht bloß mit dem Auge. Wiewohl Garretts Eigenkompositionen selten eine wirklich gute Melodie bringen: Die Musik steht im Mittelpunkt, wenn Garrett in dem Crossover-Hit „Furious“ auf den Bildschirmen die schnell hämmernden Noten, die aufgeschriebene Vorlage seines Musizierens, in Echtzeit einblenden lässt. Das macht visuellen Effekt, aber noch mehr ist es ein Hinhörer. Und die Musik steht im Mittelpunkt, wenn Garrett einer Rocknummer durch bloße Verwendung einiger ungewohnter Töne einen orientalischen Einschlag gibt.

Diese, wie viele andere Momente, leben von Abstoßung und Anziehung zugleich: Da ist die knallig harte Rockband, die aus motorischen Impulsen lebt, und da ist der silbrig dahinziehende Geigenton, der bei noch so großer Straffheit immer irgendwie Emotion transportiert. Selbst noch in der unendlichen Verstärkung durch die fünf Mann hohen Deckenlautsprecher scheint dieser Ton zerbrechlich – wie sein Spieler. Mag es auch lange vor Garrett an der Popgeige einen Nigel Kennedy und eine Vanessa Mae gegeben haben, böse Zungen würden auch einen André Rieu erwähnen – so hat David Garrett doch erst die Ikone des Popgeigers zuende erfunden.

Für den zwischen Superhelden-Pathos und Softie changierenden Musiker mit dem klassischsten aller Instrumente hat nur Garrett die Figur, die Spieltechnik und den Willen zum Pop zugleich. Sein Team weiß das: Die scharfe Schwarz-Weiß-Ästhetik der Explosive-Show mit den blutroten Einsprengseln betont und bejubelt diese Ikone. David Garrett ist eine Kunstfigur, zu welcher der vom vielen Üben und von der Gleichschaltung klassischen Musikrepertoires wohl etwas frustrierte junge deutscher Geiger David Christian Bongartz aus Aachen vor etwa anderthalb Jahrzehnten nur allzu gerne wurde. Er hat die Gesten und das Anheizen des Publikums drauf wie die anderen Stars. Aber in seinem Pop steckt doch wieder das Klassische, das persönlich und mühevoll Handgemachte, nicht auf Breitwand Angelegte, auch das unplugged In-sich-Gekehrte.

Mit voller Pranke in den Musikkessel gegriffen

Doch David Garrett greift auch gerne mit voller Pranke in den Musikkessel, holt sich mit einigem Willen zur Macht in der Welt von Bombast und Bühnennebel die besten Brocken auch aus der Klassiksuppe heraus und knetet sie, bis sie ein echter Garrett sind. Am blutvollsten gelingt ihm das mit Tschaikowskis unzerstörbarem Erstem Klavierkonzert. Das Orchester spielt, wenigstens für zwei Minuten, das Original, während die Band plus Sologeige im inneren Kreis den Klavierpart brähzt. Die Melodie biegt dann irgendwann von der Tschaikowski- auf die Garrett-Strecke ab und kommt effektvoll im Dunkeln der Bühne zum Stehen.

Bei David Garrett löst sich, Bombast und Bühnennebel hin oder her, keineswegs Gefühl in konfektionierte Musik auf wie bei den Schlagerstars, sondern Musik, und zwar die ganz Große, Abstrakte von Bach bis Beethoven bis Tschaikowski, wird konkret – in dem schwarz gewandeten Gutausseher auf der Bühne vor rund Zehntausend. Bis zum Ende bleibt offen, ob der Superheld im Geiger über den Softie triumphiert: David Garretts bestes Arrangement an diesem Abend dürfte der McCartney-Titelsong zum Bondfilm „Live and let die“ sein. Eine zwischen Hippiemucke und großem Rocktitel changierende Musik, für die Garretts Geige Melodisches wie knarzende Männlichkeit bereithält. Softie und Superheld sind hier beide gut aufgehoben.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.