Umfrage

Berliner sparen dieses Jahr bei den Weihnachtsgeschenken

| Lesedauer: 10 Minuten
Jürgen Stüber, Isabel Metzger und Lorenz Vossen
Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Kurfürstendamm ist bereits eingeschaltet. Kaum zu glauben: In wenigen Wochen ist schon Heiligabend

Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Kurfürstendamm ist bereits eingeschaltet. Kaum zu glauben: In wenigen Wochen ist schon Heiligabend

Foto: Reto Klar

Jeder dritte Berliner will zu Weihnachten weniger oder gar kein Geld ausgeben. Der Handel ist dennoch optimistisch.

Hauptstädter wünschen sich zu Weihnachten vor allem Urlaub und Reisen (41 Prozent), Karten für Theater und Konzerte (26 Prozent) sowie Einladungen zum Essen (25 Prozent). Beliebt sind auch Bücher (22 Prozent) sowie Geldgeschenke (20 Prozent). Zu diesem Ergebnis kommt die traditionelle repräsentative Weihnachtsumfrage der Berliner Sparkasse, die der Berliner Morgenpost vorliegt.

Das Geldhaus befragt seit mehreren Jahren jeweils mehr als 1000 Berliner nach ihren Wünschen zum Fest – und ob diese erfüllt werden. Außerdem will es wissen, wie viel Geld sie dafür einplanen und wie sie die Ausgaben finanzieren.

„Mehr als jeder dritte Berliner will in diesem Jahr weniger oder gar nichts für Geschenke ausgeben“, sagt Olaf Schulz, Direktor Private Kunden der Berliner Sparkasse. Mehr als die Hälfte der Befragten halte es mit dem Etat für die Präsente wie 2015. Nur zwölf Prozent planen teurere Gaben als beim Fest im vergangenen Jahr. Diese Einstellung der Berliner zum Schenken ist seit Jahren weitgehend stabil.

Optimistischer zeigt sich der lokale Einzelhandel. „Die Massenkaufkraft ist durch gesunkene Arbeitslosenzahlen gestiegen. Es kommen Millionen von Gästen in die Stadt und die Einwohnerzahl von Berlin steigt weiter“, sagt Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. „Wir sind froh, entspannt und optimistisch, erwarten ein Ergebnis des Weihnachtsgeschäfts auf Vorjahresniveau oder sogar besser.“ Angesichts kaum noch gezahlter Zinsen sei es besser, zu konsumieren und sich an der Freude und Dankbarkeit der Beschenkten zu erfreuen.

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Knapp die Hälfte der Berliner gibt weniger als 100 Euro aus

Jeder dritte Geschenke-Verweigerer sagt in der Umfrage, dass ihm Weihnachten egal ist und er das Fest deshalb ignoriert. „Für jeden Zweiten ist die Zeit mit der Familie wichtiger als Geschenke“, so Olaf Schulz. Und ungefähr jeder Fünfte aus der Gruppe der Nichtschenker gibt an, dass er zu Weihnachten lieber christliche Traditionen pflegt oder sich um bedürftige Mitmenschen kümmert.

Interessant ist auch ein Blick auf den Geschenke-Etat der Berliner, der sich im Vergleich zu den Vorjahren nur unwesentlich verändert hat: „Knapp die Hälfte gibt weniger als 100 Euro für Gaben an Freunde und Verwandte aus“, sagt der Privatkundenchef. 47 Prozent investieren bis zu 500 Euro, fünf Prozent sogar mehr als 500 Euro. Auch hier bleiben die Berliner ihren Gewohnheiten treu: Im Vergleich zu den beiden vorigen Jahren unterscheiden sich diese Werte kaum.

Geschenke werden in Berlin überwiegend (85 Prozent) aus dem laufenden Einkommen finanziert. „Nur 21 Prozent der Befragten sparen für Weihnachten“, berichtet Schulz. Dass Geschenke auf Kredit gekauft werden, sagte so gut wie keiner der Befragten.

Vor allem für die jüngeren Berliner stehen Reisen auf dem Wunschzettel ganz oben. Fast jeden Zweiten zieht es in die Ferne. Ebenfalls deutlich stärker vertreten als beim Rest der Befragten sind in der Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen Geschenke fürs Auto oder Motorrad, für Musik, für Möbel oder andere Einrichtungsgegenstände. „Kinder und Jugendliche wünschen sich häufiger als Erwachsene Geld oder Mobiltelefone“, sagt Schulz. Von einem auf sechs Prozent ist die Zahl derer gestiegen, die Gesundheit auf ihre Wunschzettel schreiben.

"Die Einzelhändler sind nicht unzufrieden"

Doch gehen die Wünsche auch in Erfüllung? „Immer“ oder „meistens“ antwortet jeder Zweite. Die anderen sind am 24. Dezember entweder enttäuscht, weil sie nicht alle erhofften Geschenke erhalten haben, oder sie haben sich von vornherein nichts gewünscht. Dieser Anteil ist in Zweierhaushalten besonders hoch, wo fast jeder vierte Befragte auf Wünsche verzichtet. „Immerhin sieben Prozent sagen, dass sie nie Geschenke erhalten“, so Schulz, wobei es hier keine größeren Unterschiede bei den Altersgruppen gibt.

Glücklich über den Verlauf der ersten Woche des Weihnachtsgeschäfts zeigte sich Busch-Petersen. Accessoires, Deko-Artikel und Lebensmittel seien stark gefragt gewesen. Wegen des warmen Wetters sei das Geschäft mit Textilien allerdings nur langsam angelaufen. „Aber das ändert sich gerade zum Glück.“ Ein neuer Konsumtrend sei in Berlin noch nicht erkennbar. „Aber die Einzelhändler sind nicht unzufrieden“, so der Hauptgeschäftsführer des regionalen Handelsverbandes.

Erst mal kaufen die Kunden Deko-Artikel

Die Adventszeit lässt sich am Tempo der Fußgänger erkennen. So auch an diesem Sonnabend in Berlin: Über den Bürgersteig am Kurfürstendamm eilen die Menschen – vorbei an Schaufenstern mit Plastiktannen und hinein in die Kaufhäuser. Bei Karstadt oder im KaDeWe fahren die Kunden in Doppelreihe die Rolltreppe hinauf. Die meisten wollen an diesem ersten Adventswochenende allerdings noch in die Stockwerke mit der Adventsdeko. An den Büchertischen und in den Schmuckabteilungen – typische Abteilungen für den Geschenkekauf – bleibt der Kundenandrang eher überschaubar.

So auch bei City Music im Europa Center. Nur fünf Kunden laufen durch das Fachgeschäft. „Der Berliner ist sehr verwöhnt, hat viel Auswahl.“ sagt Brigitta Nicolaou, Inhaberin der Filiale am Hardenbergplatz. „Der guckt einmal durch die Auslage, kauft dann aber bei der Konkurrenz oder im Internet.“ Noch vor wenigen Jahren habe sie an den Adventstagen lange Kundenschlangen vor der Kasse gehabt. „Das ist aber längst nicht mehr so.“

Vergleicht man die Wunschlisten, haben in den vergangenen drei Jahren die Wünsche nach einer Musik-DVD oder einem Blu-Ray-Film an Bedeutung verloren. Ähnliches gilt für Reisen: Nur noch 41 Prozent der von der Sparkasse aktuell befragten Berliner wünschen sich eine Reise als Geschenk, vor drei Jahren waren es noch 59 Prozent. Ohnehin, so ergab die Umfrage, ist der Berliner sparsamer als andere Deutsche. „Berlin ist im bundesweiten Vergleich eine arme Stadt“, sagte Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. „Wo soll da die Konsumbereitschaft herkommen?“

"Hauptversammlung" der Weihnachtsmänner

Über mangelnde Nachfrage können sich Berlins Weihnachtsmänner derweil nicht beklagen. Am Sonnabend hat das Berliner Studentenwerk wie jedes Jahr zur „Hauptversammlung“ an die Hardenbergstraße eingeladen. Rund 100 Weihnachtsmänner und -engel sind gekommen, um sich letzte Instruktionen für die Festsaison zu holen.

Zu Beginn gibt es die Einweisung zur Kostümierung. Nicht jeder dahergelaufene Weihnachtsmann oder Engel darf den Job machen. Für Weihnachtsmänner lautet der Dresscode: rote Robe (immer mit Kapuze auf), weißer Rauschebart (wobei auch Naturbärte zugelassen sind), dicker Bauch (künstlich oder in natura), schwarze Hose, dunkle Schuhe. Als Accessoire dürfen Glocke und Jutesack nicht fehlen, weiß geschminkte Augenbrauen sind ebenfalls gern gesehen. „So wenig nackte Haut wie möglich zeigen“, sagt ein Weihnachtsmann namens Gustav, der den Job schon seit ein paar Jahren macht. Gleiches gilt für die Engel. Deren Ausstattung: blonde Perücke (auch dunkle Haare sind erlaubt), weiße Handschuhe, helle Schuhe, das gleißende Gewand und – ein absolutes Muss – die Flügel.

Rund 50 Euro gibt es pro Auftritt als Weihnachtsmann

Ihre Kostüme müssen die Studenten selbst bezahlen, aber die Investition lohnt sich. Rund 50 Euro gibt es für jeden der bis zu 15 Auftritte an Heiligabend. Seit 1949 vermittelt die Organisation das passende Personal zur Weihnachtszeit – bis zu 1800 Auftritte pro Saison. Die Idee dahinter ist bis heute so profan wie pragmatisch. „Als Student braucht man immer Geld“, sagt Burkhard Seegers, Abteilungsleiter beim Studentenwerk. „An einem Tag kann man da mehr verdienen als in einem Monat.“

Damit beim Termin vor Ort alles passt, bekommen die Studierenden einen vierstündigen Workshop. Die wichtigste Regel: Auch wenn es die Kunden wünschen, dürfen keine Missetaten der Kinder angeprangert werden. Ruten sind tabu. So will es der „Ehrenkodex“. Dazu gehört auch: Auf jedem Termin ein Schnäpschen trinken geht nicht; Nüchternheit ist oberstes Gebot. Stattdessen sollen Weihnachtsmänner und Engel Geschichten vorlesen, mit der Familie singen und Geschenke verteilen. „Unsere Weihnachtsmänner haben eine wichtige Außenwirkung“, sagt Seegers. Ein Auftritt dauert zwischen 15 und 20 Minuten. Viel Zeit für Milch und Kekse bleibt da nicht.

Anbieter leiden unter „Weihnachtsmannschwund“

Tatsächlich ist die Nachfrage in der Stadt schwer zu bewältigen. Zwar ist die Zahl der Anbieter in den letzten Jahren gewachsen. Doch „wir leiden unter Weihnachtsmannschwund“, sagt Petra Henkert vom Weihnachtsmannbüro Berlin. Zwischen 300 und 600 Aufträge bekomme sie pro Jahr, doch die Zahl ihrer Darsteller werde jedes Jahr weniger. Ein Grund: Der Aufwand für ein Weihnachtsmanndasein ist sehr hoch. „Man muss den Feiertag opfern, sich ein hochwertiges Kostüm anschaffen und die Auftritte sehr gut vorbereiten.“

Beim Studentenwerk finden sich dennoch jedes Jahr bis zu 200 Studierende, die lieber diesen Job machen, als an Heiligabend zu kellnern. Zudem sind rund ein Drittel Auslandsstudenten, die die Feiertage sowieso nicht in der Heimat verbringen können – oder in der christlichen Tradition nicht verwurzelt sind. Lukas, Physikstudent an der Freien Universität, ist so ein Fall. „Klar sitzen meine Eltern in Spanien und hätten mich lieber zu Hause unterm Weihnachtsbaum. Aber sie verstehen, dass ich hierbleiben und das machen möchte“, sagt der 19-Jährige.

Julia Mahlke ist bereits 42 Jahre alt. Sie macht den Job freiberuflich. Der Weihnachtsengel mit der blonden Lockenpracht hat sich familiär eingerichtet. Nicht selten wird Mahlke von ihrem Vater von Termin zu Termin gefahren. Sie findet, dass das eine schöne Art ist, gemeinsam Heiligabend zu verbringen.

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