Brandenburg

Kampf um die Arbeitsplätze im Elektrostahlwerk Hennigsdorf

Der kanadische Konzern Bombardier will im Hennigsdorfer Betrieb abbauen. Riva hingegen investiert trotz Krise weiter in das Stahlwerk.

Blick zurück: So sah es 1989 im Stahl- und Walzwerk Henningsdorf aus

Blick zurück: So sah es 1989 im Stahl- und Walzwerk Henningsdorf aus

Foto: dpa Picture-Alliance / Reinhard Kaufhold / picture-alliance/ ZB

Hennigsdorf.  Vor den Hennigsdorfer Elektrostahlwerken halten Mitarbeiter ein Transparent hoch: Darauf ist geschrieben: „25. Jahrestag zur Betriebsbesetzung – 22. 11. 1991 – 05. 12. 1991“. Die Gewerkschaft IG Metall hat ein Vierteljahrhundert nach der damaligen Aktion zu einer Feierstunde vor dem ehemaligen Werkstor eingeladen. Rund 5.000 Beschäftigte legten einst die Produktion still – als Protest gegen die Politik der Treuhandanstalt. Die italienische Riva-Gruppe übernahm schließlich 1.050 der rund 8000 Mitarbeiter des „VEB Stahl- und Walzwerkes Hennigsdorf“. Tausende Menschen landeten in einer Arbeitsförderungsgesellschaft.

Ex-Ministerpräsident Stolpe will Mut machen

Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) ist bei der Feierstunde an diesem Dienstagvormittag dabei. Auch Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD), der einst zuständige Landrat von Oranienburg. Und sogar Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) ist gekommen. Als Reministenz an die stürmischen Nachwendejahre und ihre mutigen Akteure. Vielleicht aber auch, um Mut zu machen. In seiner Rede erinnert Stople an die verstorbene, frühere Arbeitsministerin Regine Hildebrandt (SPD). Sie habe, so der ehemalige Ministerpräsident, stets gemahnt: „Nicht stillhalten, sondern handeln.“

Beschäftigte fürchten, dass Bombardier die Produktion in Hennigsdorf aufgeben will

In diesem Jahr protestieren wieder Beschäftigte in Hennigsdorf gegen den drohenden Arbeitsplatzabbau. Denn in der Industriestadt im Kreis Oberhavel geht erneut die Angst um. Der kanadische Schienenfahrzeug-Hersteller Bombardier hat angekündigt, bis Ende 2018 weltweit 7.500 Stellen zu streichen. 2016 baute das Unternehmen bereits rund 1.400 Stellen in Deutschland ab. 270 von rund 2.800 Stellen sollen in Hennigsdorf wegfallen. Doch dies könnte nur der Anfang sein. Die Beschäftigten fürchten, dass Bombardier die Produktion in Hennigsdorf aufgegeben will. Sie hoffen nun, bis Anfang Dezember endlich Klarheit über die weiteren geplanten Einsparungen im Hennigsdorfer Werk zu erhalten. Olivier Höbel, IG-Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen, betont am Rande der Veranstaltung: „Die Probleme von Bombardier lassen sich nicht mit einem Stellenabbau lösen. Gefragt sind gute Konzepte.“

Besonders hohe Netzentgelte in Brandenburg

Aber auch die Stahlbranche hat zu kämpfen. Gegen Billigstahlimporte aus China und Osteuropa. In Brandenburg zahlt die Industrie aufgrund der hohen Netzentgelte zudem besonders hohe Energiepreise. So geriet die Riva-Gruppe ebenfalls unter Druck und drosselte in diesem Jahr die Stahlproduktion. Kurzarbeit war die Folge. Der langjährige frühere Brandenburger Riva-Geschäftsführer Hans-Hinrich Muus sagt in seiner Rede: „Wir haben auch um Unterstützung durch die Landesregierung bei der Lösung dieser Probleme gebeten, da diese Entwicklung nachhaltig existenzgefährdend ist.“ Wirtschaftsminister Gerber sicherte dies zu.

Dennoch will das italienische Unternehmen weiter in die beiden brandenburgischen Standorte investieren, wie ein Sprecher auf Anfrage der Berliner Morgenpost ankündigt. In Hennigsdorf beschäftigt Riva nach eigenen Angaben etwa 700 Mitarbeiter, in Brandenburg an der Havel etwa 800. „Wir haben insgesamt bereits 600 Millionen Euro in Brandenburg investiert“, so der Sprecher. Alle Investitionszusagen von Riva, die auch ein Ergebnis der Betriebsbesetzung waren, sind laut IG Metall umgesetzt worden.

Hennigsdorf bemüht sich darum, nicht mehr nur von den großen Unternehmen abhängig zu sein. „Große Unternehmen können große Probleme verursachen“, sagt Bürgermeister An­dreas Schulz (SPD). Vom Arbeitsplatzabbau wären nicht nur Hennigsdorfer betroffen. Nur jeder vierte Arbeitsplatz ist mit einem Hennigsdorfer besetzt. In der Stadt mit rund 15.900 Einwohnern arbeiten laut Pendleratlas des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) 3.385 Berliner. Täglich pendeln 748 Arbeitnehmer mehr ein als aus.

Schwimmbad-Pläne liegen aus Spargründen auf Eis

Die wirtschaftliche Krise der beiden wichtigsten Unternehmen blieb nicht ohne Auswirkungen: Die Stadt hatte 2011 angesichts der hohen Gewerbesteuereinnahmen beschlossen, ein Schwimmbad zu bauen. Doch daraus wird nun vorerst nichts. „Wir versuchen, uns breiter aufzustellen“, sagt der dienstälteste brandenburgische Bürgermeister, der 2013 für sein „über das normale Maß hinausgehendes Engagement“ das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekam. Er ist seit 1990 im Amt und wurde dreimal wiedergewählt.

Etwa 1.000 Betriebe gibt es in Hennigsdorf heute. „Es ist uns gelungen, neue Branchen wie die Biotechnologie anzusiedeln“, so Schulz. Sorgen macht er sich dennoch. „Man empfindet eine gewisse Ohnmacht“, gibt er zu. Denn die Entwicklung von Unternehmen – vor allem weltweit, wenn sie weltweit agieren – lasse sich vor Ort kaum beeinflussen.

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