Berlin

„Kleinere Grüngebiete müsste es alle 150 Meter geben“

Klimaforscher Professor Dieter Scherer von der Technischen Universität warnt vor den Folgen einer falschen Baupolitik in der wachsenden Stadt

Schon seit Jahren untersucht Klimaforscher Professor Dieter Scherer von der Technischen Universität das Stadtklima. Eine Zunahme von Wetterextremen, wie sie der aktuelle Stand der Forschung erwarten lässt, hätte nach Einschätzung des Wissenschaftlers gravierende Folgen für die Bewohner. Zu verzeichnen wäre etwa ein deutlicher Anstieg der Sterberaten in sehr heißen Zeiten. Was unternommen werden muss, um die Berliner vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen, sagt Scherer im Gespräch mit Andrea Huber und Regina Köhler.

Wann wird Wetter zum Klima? Können Sie uns den Unterschied erklären?

Professor Dieter Scherer: Es gibt einen englischen Ausspruch, der es auf den Punkt bringt. Klima ist, was wir erwarten, Wetter ist, was wir bekommen. Das heißt, Wetter ist der aktuelle Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Klima hingegen ist eine Statistik über das Wetter über einen längeren Zeitraum.

Wie wird sich das Berliner Klima in den kommenden Jahren verändern?

Unser Wissen über den Klimawandel zeigt, dass wir auch weiterhin kalte Sommer und Winter, aber auch milde Winter und heiße Sommer haben werden. Ändern wird sich aber die Häufigkeit bestimmter Wetterlagen. Es wird neue Extremwerte geben, etwa mehr sehr heiße Tage im Sommer. Aktuell steigt die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre rasant an. Das ist aber ein globales Problem.

Können wir dann vor Ort überhaupt etwas gegen den drohenden Klimawandel unternehmen?

Wir brauchen eine globale Energiewende. Aber wir können auch lokal einiges für unser Klima tun. Allerdings sind Maßnahmen wie beispielsweise das Verbot von Heizstrahlern vor Kneipen reine Symbolpolitik. Sie dienen nur dazu, unser Gewissen zu beruhigen und von den großen Notwendigkeiten abzulenken. Dazu gehört, dass Strom aus erneuerbaren Energien billiger werden muss. Strom ist doch vor allem deshalb so teuer, weil sich die Konzerne, die mit fossilem Strom handeln, die Verluste bezahlen lassen, die sie durch den Einsatz erneuerbarer Energien erleiden. Deren Lobby ist so groß, dass sie verhindern können, dass billigerer Ökostrom auch bei den Verbrauchern ankommt.

Was kann man in der Stadt tun, damit die Menschen ex­trem heiße Sommertage besser überstehen können?

Gebäude für wenig belastbare Personen, also zum Beispiel Altenheime und Krankenhäuser, müssen mit Klimaanlagen nachgerüstet werden. Eine Klimatisierung aller Häuser ist aber wegen des hohen Energieverbrauchs nicht sinnvoll. Das Klimaproblem würde dadurch global nur noch verschärft. Wichtig wäre es, bei Neubauten auf eine wirksame Außenverschattung zu achten.

Das schnelle Wachstum Berlins und die hohe Nachfrage nach Wohnraum bedeuten auch für das Stadtklima eine große Herausforderung. Brauchen wir mehr Grünflächen im Stadtgebiet?

Wenn – wie im Fall des Tempelhofer Feldes – große Freiflächen unbebaut bleiben und dafür kleinere Grünflächen bebaut werden, die in ihrer Summe viel wichtiger für ein gutes Klima sind, ist das kontraproduktiv. Schließlich reicht selbst bei Großflächen eine kühlende Wirkung nicht einmal 200 Meter weit in die Stadt hinein. In Berlin wäre es viel günstiger, die Ränder des Tempelhofer Feldes klimagerecht zu bebauen und stattdessen in dichten Stadtvierteln kleinere Grüngebiete wie Brachflächen oder Gartenkolonien zu schonen. Solche Freiflächen müsste es alle 150 Meter geben. Leider geschieht das Gegenteil.

Gibt es zu viele versiegelte Flächen in der Stadt? Würde es dem Klima helfen, wenn mehr dieser Flächen begrünt würden?

Natürlich sind versiegelte Flächen dem Stadtklima nicht förderlich, doch muss hier differenziert werden. Erst wenn eine Grünfläche mindestens einen Hektar groß ist, bietet sie nicht nur selbst Kühle, sondern wirkt auch auf die benachbarte Bebauung. Und: Eine Fläche mit Baumbestand hat einen größeren Effekt als eine offene Rasenfläche. Rasenflächen oder Grasdächer, die im Sommer völlig trocken sind, bieten keine Abkühlung.

Hilft es dem Klima, wenn wir alle mehr mit dem Fahrrad statt mit dem Auto in der Stadt unterwegs sind?

Fahrradfahren in der Stadt ist gut. Das Auto darf aber nicht verteufelt werden. Die Aufgabe der Politiker ist es deshalb, in Berlin den öffentlichen Nahverkehr und den Autoverkehr besser zu verzahnen. An geeigneten Stellen muss es Park-and-ride-Systeme geben. Dazu gehört auch, dass kontrollierbare, sichere Fahrradstandplätze geschaffen werden, die sowohl mit dem öffentlichen Nahverkehr als auch mit dem Auto gut zu erreichen sind.