Bildungsverwaltung

Gewaltvorfälle an Berliner Schulen steigen um 30 Prozent

Am häufigsten sind Mobbing und Beleidigungen. In 757 Fällen kam es zu schwerer körperlicher Gewalt oder sexuellen Übergriffen.

Klappmesser im Unterricht

Klappmesser im Unterricht

Foto: Oliver Berg / dpa

Die Zahl der gemeldeten Gewaltvorfälle an Schulen ist erneut deutlich gestiegen. Im vergangenen Schuljahr gab es laut Senatsverwaltung für Bildung 3225 registrierte Fälle von Gewalt. Im Schuljahr zuvor waren es 2475 Fälle. Das ist eine Steigerung von 30 Prozent. Unter den Tatbeteiligten waren 3085 männliche Schüler.

Die meisten Vorkommnisse, 73 Prozent, lagen wie im Vorjahr im Bereich der Gefährdungsstufe I. Darunter fallen zum Beispiel Mobbing oder auch Beleidigungen und Drohungen. In 757 Fällen allerdings kam es zu schwerer körperlicher Gewalt oder anderen schwerwiegenden Vorkommnissen, wie etwa Handel mit Suchtmitteln oder sexuelle Übergriffe.

Im Schuljahr 2014/15 wurden 641 solcher schwerwiegenden Vergehen an Berliner Schulen registriert. Damit haben auch die schweren Übergriffe deutlich zugenommen. Während die Schulen die Fälle von Mobbing oder Beleidigung freiwillig melden, besteht für die schweren Gewalteskalationen eine Meldepflicht. Mit der Meldung wird dann auch automatisch ein Unterstützungssystem in die Wege geleitet, in dem Schulpsychologen, Polizei oder Sozialarbeiter aktiv werden.

Die Bildungsverwaltung führt den Anstieg in der Gewaltstatistik auf die wachsende Meldebereitschaft der Schulen zurück. Insgesamt hatten 484 Schulen Vorkommnisse gemeldet, im Schuljahr zuvor waren es 450 Schulen. „Das zeigt, dass es in den Schulen eine wachsende Sensibilität für das Thema Gewaltprävention gibt“, sagte Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Im Rahmen der regionalen Lehrerfortbildung habe es im Schuljahr 2015/2016 zum Thema Gewaltprävention insgesamt 146 Angebote mit mindestens 2500 Teilnehmern gegeben. Im Schuljahr davor seien es noch etwa 60 Angebote weniger gewesen.

Häufig werden auch Lehrer oder Erzieher selbst Opfer der Übergriffe. Im vergangenen Schuljahr meldeten die Schulen 636 Fälle von Gewalt gegen Schulpersonal. Überwiegend handelte es sich allerdings auch hier um Beleidigungen oder Tätlichkeiten der Gefährdungsstufe I.

Meldeverfahren soll überprüft und weiterentwickelt werden

Bildungssenatorin Scheeres lässt das bisherige Meldeverfahren gerade überprüfen. Erste Ergebnisse und Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Verfahrens werden 2017 erwartet. Dann soll entschieden werden, wie künftig mit Gewaltvorfällen, Notfällen und Krisen an Berliner Schulen, inklusive dem Meldeverfahren und der Notfallpläne für Berliner Schulen umgegangen wird. Es kann sein, dass Vorkommnisse der Gefahrenstufe I dann doch wieder gemeldet werden müssen.

Im September 2009 war diese Pflicht abgeschafft worden. Seitdem müssen die Schulen Vorkommnisse von Schlägereien, Beleidigungen, Sachbeschädigungen oder Anpöbeleien nicht mehr in jedem Fall bei der Bildungsverwaltung anzeigen. Das ist nur dann noch nötig, wenn schulinterne Lösungsversuche nicht ausreichen, externe Hilfe und eine Meldung an die Polizei erforderlich sind oder der Vorfall von öffentlichem Interesse ist. Ansonsten können die Schulen nach eigener Gefahreneinschätzung selbst entscheiden, ob sie diese Vorfälle melden oder nicht. Viele Schulexperten kritisieren dieses Vorgehen seit Langem. Die Gewaltstatistik würde verfälscht, die wahre Situation an den Schulen heruntergespielt, heißt es. Bildungssenatorin Scheeres betonte jedoch stets, dass die Schulen verpflichtet sind, jegliche Form von Gewalt und Notfällen aufzuarbeiten.