Mobilität in Berlin

Wie das Ticket der Zukunft den Nahverkehr vereinfachen soll

Berliner Forscher stellen das neue System „Cibo“ vor. Die Abrechnung von Fahrten erfolgt beim Aussteigen per Smartphone.

Ticketautomat in der U Bahnstation Kurfuerstendamm

Ticketautomat in der U Bahnstation Kurfuerstendamm

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Das Gerücht hält sich hartnäckig: Dass die Kontrolleure der Berliner S-Bahn am liebsten vor dem Bahnhof Flughafen Schönefeld kontrollieren. Wegen der hohen Trefferquote. Kurz vor Schönefeld betritt die S-Bahn nämlich Brandenburger Gebiet und damit auch die Tarifzone C.

Eine Falle besonders für unkundige Touristen, die nur ein Ticket AB gezogen haben und zum Abschluss ihres Urlaubs noch mal 60 Euro an die Kontrolleure abdrücken müssen.

BVG kontrolliert in ihren Bussen wieder das E-Ticket

Eine Berliner Forschungsgruppe hat nun untersucht, wie der Gang zum Fahrkartenautomaten ersetzt und der Fahrpreis auch ohne Kenntnisse über das Tarifsystem fair abgerechnet werden könnte.

Das Team um Vertreter der Technischen Universität und der Organisation Wissenschaft im Dialog befragte 1200 Berliner Fahrgäste (darunter 200 Touristen) über ihre Einstellung zum sogenannten Check-in/Be-out, kurz Cibo.

Bei diesem System hält der Kunde vor der Fahrt sein Smartphone oder eine kontaktlose Chipkarte an ein Lesegerät. Beim Verlassen von Bus oder Bahn wird er über Funk erkannt und der korrekte Preis für die Fahrt automatisch abgerechnet.

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„Zeit-, orts- und tarifgenau“, wie es in der vom Bundesforschungsministerium geförderten Studie heißt. In die Schönefeld-Falle würde dann niemand mehr tappen. Bezahlt werden könnte per Prepaid-Aufladung oder via direkter Abbuchung über Kreditkarte oder Telefonrechnung.

Technisch ist das alles möglich, es geht vor allem darum, wie Fahrgäste und Verkehrsunternehmen ein solches System annehmen würden. Die Studie der Wissenschaftler ergab, dass 61 Prozent der Befragten ein solches System nutzen würden, wobei der Anteil der Befürworter unter den Touristen etwas höher war.

Besonders positiv reagierten all jene, die in der Vergangenheit schon mal Erfahrungen mit Handy-Ticketing gemacht hatte. Unter älteren, bildungsfernen Teilnehmern war die Skepsis größer. Besonders wichtig: Das System muss zuverlässig und einfach zu bedienen sein.

BVG Tickets - Welches Ticket ist das richtige?

„Mit dem Cibo-System gibt es keinen Tarifdschungel mehr“, sagt Projektmanager Yannick Haan von Wissenschaft im Dialog. Wobei es die Berliner mit drei Zonen noch ganz gut getroffen haben. In Hamburg, wo eine Cibo-Testphase im kommenden Jahr bereits beschlossene Sache ist, sind es zwölf. „Eine Änderung der Tarifzonen ist auch nicht das Ziel, die Leute sind überwiegend zufrieden damit“, sagt Haan.

Vielmehr falle der mühselige Ticketkauf weg und die Umwelt werde geschont. Gerade bei Einzelfahrten wird der Berliner Nahverkehr noch vom guten alten Ticket aus Papier dominiert. Mehr als 100 Millionen Stück verkauften S-Bahn und Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) im vergangenen Jahr.

Schon seit einigen Jahren geht der Trend in Berlin zum elektronischen Ticket. Bei den Zeitkarten nutzen bereits zwei Drittel der Abonnenten von BVG und S-Bahn die Fahrcard des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB). Diese kann per Scan von den Kontrolleuren kontrolliert werden und soll auf lange Sicht das Papierticket ablösen. Über die App der BVG ist zudem – anders als bei der S-Bahn – auch der Kauf eines elektronischen Einzelfahrscheins möglich.

Bewegungsdaten werden laut BVG nicht mehr gespeichert

Doch die VBB-Fahrcard zeigt auch das Dilemma des elektronischen Ticketings: das Thema Datenschutz. In den BVG-Bussen sollen Fahrgäste die Fahrcard an ein Lesegerät halten. Blinkt es grün, ist die Karte gültig. Mehr eine Art Anti-Schwarzfahr-Maßnahme, da die Busfahrer bekanntermaßen nicht so genau hinschauen, was man ihnen da hinhält.

Ende letzten Jahres deckte der Fahrgastverband Igeb aber auf, dass die Lesegeräte die Bewegungsprofile der Nutzer speichern. Erfasst wurden Tag, Uhrzeit und Haltestelle, an der der Fahrgast den Bus betreten hatte. Fast drei Monate mussten die Lesegerät abgeschaltet werden, inzwischen ist laut BVG garantiert, dass die Bewegungsdaten nicht mehr gespeichert werden.

„Irgendwann wird es keine Automaten mehr geben“

Auch unter den Befragten zum Cibo-System nannte fast jeder Fünfte Datenmissbrauch als größten Nachteil. „In der Praxis müssten die Daten natürlich anonymisiert werden“, sagt Projektmanager Haan.

Bei der BVG sehen sie das auch so, wissen aber ebenfalls, dass komplette Anonymität nie gewährleistet werden kann. „Absoluter Datenschutz ist unmöglich“, sagt Sprecherin Petra Reetz. Er müsse aber so gut wie möglich sichergestellt werden.

Dennoch sind die Verkehrsunternehmen überzeugt, dass das Papierticket langfristig verschwinden wird. Systeme wie Cibo würden den Zugang zum Nahverkehr extrem erleichtern, so Reetz.„Irgendwann wird es keine Automaten mehr geben.“

In London, wo es mit der Oyster-Card schon lange ein ähnliches System gibt, sind die Kunden laut einer Umfrage zufrieden mit der Technologie. Mehr als 20 Prozent gaben an, den öffentlichen Nahverkehr deshalb sogar öfter zu nutzen.

Mehr Informationen und Teilnahme am Online-Dialog unter zukunftsticket.berlin

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