Berlin

Feier statt großer Fete - Eberhard Diepgen zum 75.

Der CDU-Politiker regierte Berlin fast 16 Jahre lang. Am Sonntag feiert der streitbare Konservative seinen 75. Geburtstag.

Berlin-Urgestein Eberhard Diepgen

Berlin-Urgestein Eberhard Diepgen

Foto: Reto Klar

Eberhard Diepgen ist präsent in seiner Stadt, auch nach all den Jahren, die er schon nicht mehr im Roten Rathaus regiert. In seinem Wilmersdorfer Kiez lässt er sich häufig in Buchläden und Cafés sehen. Seine Meinungen auch zu aktuellen Themen der Stadtpolitik tut er in regelmäßigen Zeitungskolumnen kund.

Bei vielen Veranstaltungen mischt sich der mit fast 16 Jahren am längsten amtierende Regierende Bürgermeister Berlins ganz selbstverständlich unter die Gäste, ohne irgendeine Sonderbehandlung zu bekommen oder zu erwarten. Seinen jüngeren Parteifreunden wie Fraktionschef Florian Graf steht der Mann, der zwischen 1984 und 1989 und dann wieder von 1990 bis 2001 die Stadt führte, mit Rat zur Seite, ohne sich jedoch aufzudrängen.

Womöglich sind diese Zurückhaltung und seine dünkellose Volkstümlichkeit die größten Pluspunkte des CDU-Politikers, der am Sonntag seinen 75. Geburtstag feiert. Seine Partei wird ihm später eine Feier ausrichten. Eine große Fete wird es nicht geben, das passte auch nicht zu Diepgens Stil.

40 Prozent und mehr holte er mit der CDU bei Wahlen

Wenn seine Feinde ihn als „blassen Eberhard“ schmähten, trafen sie damit auch einen großen Teil seiner Wähler, die Diepgen viel stärker als einen der Ihren empfanden, als das viele aus der heutigen Politikergeneration von sich behaupten könnten. Und erfolgreich war Diepgen zweifellos.

Viermal gewann er mit seiner CDU die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus, seit er 1984 das Bürgermeisteramt übernahm. Die 40 Prozent und mehr, wie sie Diepgen mehrmals einfuhr, fühlen sich für seine auf weit unter 20 Prozent abgestürzte Partei an wie Erzählungen aus einer fernen Welt.

Eberhard Diepgen wuchs in Wedding auf. Erste politische Erfahrungen sammelte der Jurastudent an der Freien Universität. Hier führte er kurz den Allgemeinen Studentenausschuss, ehe er dieses Amt wegen der Mitgliedschaft in einer seinerzeit nicht zugelassenen schlagenden Studentenverbindung aufgeben musste.

Contra Homo-Ehe - Der Brief von Eberhard Diepgen im Wortlaut

Diese Zeit prägte ihn tief: An der Universität verstrickte er sich zuerst in Kämpfe mit einer ihm unversöhnlich gegenüberstehenden Linken. Und er traf Klaus-Rüdiger Landowsky und Peter Kittelmann, mit denen er einige Jahre später die Macht in der Berliner CDU übernahm und die Partei über Jahre zur führenden politischen Kraft machte.

1971 zog Diepgen ins Berliner Abgeordnetenhaus ein. 1983 wählte ihn die Berliner CDU zu ihrem Landesvorsitzenden, 19 Jahre führte er die Partei. Der Sprung in die erste Reihe glückte dem damals erst 43 Jahre jungen Politiker 1984. Er übernahm den Chefposten im Schöneberger Rathaus, wo der Senat zu Mauerzeiten seinen Sitz hatte.

Eine Tragik Diepgens liegt darin, dass er die größten Stunden seiner Stadt nicht in der ersten Reihe erleben durfte. Ehe im November 1989 die Revolution in der DDR die Mauer umstürzte, musste sich die CDU bei den Wahlen Anfang des selben Jahres unter dem Eindruck von Studentenprotesten und einer starken Alternativbewegung einer rot-grünen Mehrheit unter Walter Momper (SPD) geschlagen geben.

Stets im Einsatz für das Zusammenwachsen der Stadt

Heute sagt Diepgen, es langweile ihn, wenn er nach dem Mauerfall gefragt würde. Die Stunde der Genugtuung folgte im Dezember 1990, nachdem sich Rot-Grün über die Räumung von besetzten Häusern zerstritten hatte.

Die CDU holte bei den ersten Gesamtberliner Wahlen seit fast 60 Jahren mehr als 40 Prozent. Diepgen machte die SPD nun zu seinem Juniorpartner. Bald darauf siedelte er um ins Rote Rathaus nach Mitte. Und er sorgte mit dafür, dass der Bundestag Berlin wieder zum Regierungssitz bestimmte.

Bleibende Verdienste erwarb sich Diepgen mit seinem Einsatz für das Zusammenwachsen der Stadt. Ihm war es zu verdanken, dass die Ost-Berliner Magistratsangestellten eben nicht entlassen wurden, sondern mit den West-Kollegen vereinigt. Diepgens Senat lenkte Investitionsmittel in den maroden Ostteil.

Bald hatte Diepgen das Gefühl für die neue Hauptstadtgesellschaft verloren

Dass er dabei angesichts der abrupt gestoppten Berlin-Subventionen des Bundes wenig Rücksicht auf den Haushalt nahm und Milliarden Schulden aufhäufte, verteidigt er bis heute als unvermeidbar.

Als 1999 Bundestag und Regierung nach Berlin zogen, erfüllte sich ein Lebenstraum. Aber gleichzeitig leitete der damit einhergehende Wandel auch das Ende der Ära Diepgen ein. Die schicken Bars, die rund um den Gendarmenmarkt öffneten, suchten ihr Publikum nicht mehr unter „seinen Berlinern“.

Diepgen hatte das Gefühl für die neue Hauptstadtgesellschaft verloren. Als die SPD unter dem Eindruck von Haushaltskrise und Bankenskandal mit der bis dahin als Paria behandelten PDS (heute Linke) flirtete, konnte er bis zuletzt nicht glauben, dass die Sozialdemokraten tatsächlich mit den „Kommunisten“ paktieren würden. Es war seine schwärzeste Stunde, als das Abgeordnetenhaus ihn 2001 tatsächlich mit einem Misstrauensvotum stürzte.

Einige Jahre noch litt er unter seiner CDU, die ihm kein sicheres Mandat zugestehen wollte für den Bundestag. 2002 verlor er den Kampf um ein Direktmandat in Neukölln und stieg aus der Politik aus. Es dauerte einige Zeit, ehe er sich mit seiner Partei versöhnte.

2004 machte die CDU Eberhard Diepgen zu ihrem Ehrenvorsitzenden. Auch die Stadt machte Frieden mit „Ebi“. 2007 wurde ihm der Verdienstorden des Landes Berlin verliehen, 2014 die Stadtältestenwürde.

Würdigung: Michael Müller Der Regierende Bürgermeister würdigt seinen Vor-Vorgänger: „Eberhard Diepgen hat sich in seiner langen politischen Laufbahn große Verdienste um Berlin erworben. Er machte sich schon vor dem Fall der Mauer für die Wiedervereinigung stark. Sein Engagement in der Debatte um den Hauptstadtbeschluss des Bundestages trug wesentlich dazu bei, dass Deutschlands politisches Zen­trum heute wieder in Berlin liegt.“ Er habe mitgeholfen, die „Mauer in den Köpfen“ abzutragen.