Terrorismus

Mutmaßlicher Terrorist zielte auf das Herz Berlins

Der festgenommene IS-Terrorverdächtige soll den Alexanderplatz, den Reichstag und das Brandenburger Tor ausgespäht haben.

Auch das Reichstagsgebäude soll als mögliches Anschlagsziel im Visier des IS gewesen sein

Auch das Reichstagsgebäude soll als mögliches Anschlagsziel im Visier des IS gewesen sein

Foto: Paul Zinken / dpa

Als der Generalbundesanwalt im März mitteilte, dass Haftbefehl gegen einen Islamisten erlassen wurde, klang das wenig spektakulär. Der 19-jährige Syrer Shaas al-M. werde verdächtigt, Mitglied des „Islamischen Staates“ (IS) zu sein, schrieben die Chefankläger. Hinweise für konkrete Anschlagspläne gebe es aber nicht. Die Medien schrieben einige wenige Zeilen, denn Festnahmen dieser Art sind fast schon Alltag.

Im Oktober hieß es dann, al-M. habe „potenzielle Anschlagsziele“ ausgespäht. Um welche Orte es sich handelte, wird erst jetzt bekannt: Laut einem am Donnerstag veröffentlichten Beschluss des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe zur Fortdauer der Untersuchungshaft von Shaas al-M. kundschaftete der mutmaßliche IS-Terrorist den Alexanderplatz aus, das Brandenburger Tor und das Gebiet am Reichstag.

Terrorverdächtiger Abdeslam chauffierte Brüssel-Attentäter

„Um das Wissen des IS über potenzielle Anschlagsziele in Deutschland zu verbessern“ – so schreibt der Bundesgerichtshof –, beobachtete Shaas al-M., wann sich wo wie viele Personen aufhielten. Al-M. soll die Zahl der Reisebusse dokumentiert haben.

Auf seinem Handy fanden Ermittler Selfies mit ihm am Alexanderplatz und am Brandenburger Tor. Seine Erkenntnisse soll er – wahrscheinlich Anfang dieses Jahres – dem IS übermittelt haben. Laut Anklage diente er sich zudem als Kontaktmann für eingeschleuste Attentäter an.

Den Ermittlungen zufolge radikalisierte sich Shaas al-M. in Syrien. 2013 soll er sich dem IS angeschlossen, deren pseudo-religiöse Ideologie übernommen und den Umgang mit Waffen gelernt haben.

Laut Anklage patrouillierte er bei der Belagerung der syrischen Stadt Deir ez-Zor und des gleichnamigen Flughafens mit einer Kalaschnikow. Eine Schusswunde am Arm legt nahe, dass er auch an Kampfeinsätzen beteiligt gewesen sein könnte.

Terrorverdacht in Berlin - Was wir bisher wissen

Anfang 2015 reiste al-M. laut Anklage nach Deutschland. Er gab sich als Kriegsflüchtling aus, fand Zuflucht in einer Unterkunft im Landkreis Potsdam-Mittelmark, hielt aber weiter Kontakt zu seinem Verbindungsmann des IS. Dieser soll den Auftrag gehabt haben, von Syrien aus Attentäter für Anschläge in Europa zu rekrutieren.

Ab Januar 2016 soll es al-M. wieder ihn die syrischen Kampfgebiete gezogen haben. Laut Anklage versprach der IS, ihn bei der Rückkehr zu unterstützen. Am 7. März erhielten deutsche Behörden erstmals Hinweise auf das Treiben des mutmaßlichen IS-Spähers. Am 22. März nahmen Beamte den angeblich vor Krieg und Verfolgung geflohenen mutmaßlichen Terroristen fest.

Im August klagte die Bundesanwaltschaft al-M. wegen der Mitgliedschaft in einer Terrororgruppe und eines Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz an. Der Bundesgerichtshof entschied, dass er in Untersuchungshaft bleiben muss. Den Angeklagten erwartete eine „empfindliche“ Freiheitsstrafe.

Bisher kamen die Behörden Terroristen rechtzeitig auf die Spur

Hinweise, dass Berlin im Visier des IS steht, gab es schon zuvor. Im Februar wurden Verdächtige festgenommen, die auch Ziele im Herzen der Stadt ausgekundschaftet haben sollen. Der Anfang Oktober festgenommene Dschaber al-Bakr soll einen Anschlag am Flughafen Tegel geplant haben. Der vor rund einer Woche in Schöneberg festgenommene Ashraf al-T. plante womöglich eine Messerattacke.

Bisher kamen die Behörden Terroristen rechtzeitig auf die Spur. Doch „dunkle Flecken“ bleiben. So schreibt der Bundesgerichtshof, dass Shaas al-M. seinem IS-Kontakt angeboten habe, selbst einen Anschlag zu verüben – „mit zwei unbekannten Personen“.

Als eher harmlos stellten sich die Hintergründe eines Zugriffs am Donnerstag in Marzahn-Hellersdorf her­aus. Laut „Berliner Zeitung“ fanden Beamte auf dem Handy eines minderjährigen Flüchtlings, der einen Mann mit einem Messer bedroht haben soll, bei einer Durchsuchung ein Foto, auf dem er mit Kalaschnikow posierte. Es soll eine Attrappe gewesen sein.