Pfleger in Sorge

Tierpark: "Wahrscheinlich nur ein Eisbärchen überlebt"

Unruhe im Tierpark: Auf dem Überwachungsmonitor ist nur noch eines der kleinen Eisbär-Babys zu sehen. Doch was ist mit dem zweiten?

Tonja mit einem Eisbär-Baby

Tonja mit einem Eisbär-Baby

Foto: Tierpark Berlin / Montage: BM / Tierpark Berlin

Die ganze Nacht hat Florian Sicks vor dem Bildschirm gesessen, immer auf der Suche nach dem zweiten Eisbären. Jede Minute, jede Bewegung in der Wurfbox waren von einer Überwachungskamera aufgezeichnet worden. Noch am Dienstagabend konnten die Pfleger im Tierpark zumindest die Stimmen der beiden neugeborenen Eisbärenbabys hören. Dann wurde es leiser.

Kurator Florian Sick nahm sich daraufhin das gesamte Filmmaterial vor, gebannt wertete er jedes Detail aus. Doch am Donnerstagmittag musste er die Suche aufgeben. „Es ist ausgeschlossen, dass das zweite Eisbärenbaby noch lebt“, sagt Sicks. Ein bisschen mildert er den harten Satz noch ab. Es sei jedenfalls „höchst unwahrscheinlich“.

Am 3. November hatte die sechsjährige Tonja im Tierpark in Friedrichsfelde Eisbärenzwillinge auf die Welt gebracht. Es war eine kleine Sensation, denn im Tierpark ist es der erste Eisbärennachwuchs nach 22 Jahren. Die Hoffnung war groß, dass beide Jungtiere überleben, aber ungewiss. Die Sterblichkeit liegt bei 50 Prozent, besonders riskant sind die ersten zehn Tage. Sind die überstanden, steigen die Chancen, dass die kleinen Eisbären durchkommen. Zuletzt ist das im Münchner Tierpark Hellabrunn im Dezember 2013 mit den Eisbärenzwillingen Nela und Nobby gelungen – beide überlebten.

Das zweite Jungtier hat schon weißes Fell bekommen

Im Tierpark ist nun die Hoffnung auf doppelten Nachwuchs geschwunden. Noch am Dienstagmittag hieß es freudig: „Die ersten fünf Tage sind geschafft“. Da waren die Mini-Eisbären noch beide dicht an Mama gekuschelt auf dem Monitor zu sehen. Woran das zweite Junge gestorben ist, sei im Moment „wilde Spekulation“, sagt Kurator Sicks. Vielleicht habe es nicht genügend Milch bekommen oder eine Infektion. Es könnte auch sein, dass sich Mutter Tonja aus Versehen auf das Junge gewälzt habe. Schließlich wiege sie etwa 300 Kilogramm, das Neugeborene nur 800 Gramm. „Für Tonja ist es die erste Geburt, sie ist noch sehr jung und unerfahren“, sagt Florian Sicks. Woran das Eisbärenbaby auch immer gestorben ist – wenn es einmal tot ist, frisst die Mutter es auf. Das erklärt dann auch das spurlose Verschwinden vom Überwachungsmonitor.

Doch auf die schlechte Nachricht kann der Tierpark auch mit einer guten aufwarten: Dem zweiten Jungtier geht es gut. Die Sorge um das zweite Eisbärenbaby sei zwar immer noch groß, so der Kurator. „Aber ich denke, dass die Chancen gut stehen“, sagt Sicks. Dafür gebe es viele Anzeichen. So kümmere sich Tonja hervorragend um den Nachwuchs. Vom ersten Tag an habe sie die Beiden vorbildlich an ihre Zitzen angesetzt, sie immer nah bei sich gehalten und gewärmt. Sie sei dabei sehr ruhig. Das nun verbliebene Eisbärenbaby hat schon enorm an Größe zugelegt und wiegt jetzt etwa 1,2 Kilogramm. Nackt ist es auch nicht mehr. Mittlerweile ist auf der Überwachungskamera ein weißes Fellbündel zu erkennen.

Zoo- und Tierparkdirektor Andreas Knieriem sieht es pragmatisch: „Im Tierpark wurden bisher bei allen erfolgreichen Aufzuchten zwei Jungtiere geboren, es wurde jedoch immer nur eins aufgezogen, das kommt auch in der Natur vor“, erinnert Knieriem. Als junge Erstgebärende würde Tonja erst Erfahrungen als Mutter sammeln. „Für uns wäre auch die erfolgreiche Aufzucht eines Jungtiers fantastisch“, sagt der Direktor.

Immerhin hat Tonja ihre Jungtiere sofort angenommen und sich um sie gekümmert. Werde ein Jungtier von der Mutter aufgezogen, lerne es die richtigen Verhaltensweisen, sagt der Kurator. Später falle dem Nachwuchs die Sozialisation mit den anderen Tieren leichter. Deshalb hätte es auch gar keinen Grund gegeben, Tonja die Zwillinge wegzunehmen, um sie von Hand aufzuziehen. Ein Handaufzucht sei der extreme Notfall. „Nein“, sagt Florian Sicks, „für die beiden Jungtiere wäre es keine Option zur Rettung gewesen.“

Knut wurde von Anfang an von seiner Mutter verstoßen

Anders sah es bei dem berühmten Eisbären Knut aus, der vor zehn Jahren im Berliner Zoo geboren wurde. Seine Mutter hatte ihn von Anfang an verstoßen. Der kleine Eisbär wurde daraufhin von Pfleger Thomas Dörflein mit der Flasche aufgezogen. Schnell entwickelte sich das tapsige Bärenkind zum Publikumsliebling. Jeden Schritt verfolgten Scharen von Besuchern mit: Knut, wie er tauchen lernte, Knut wie er mit dem Jutesack spielt, Knuts erste Freundin. Elf Millionen Menschen kamen in den Zoo zum „Knutgucken“. Vor mehr als fünf Jahren starb Knut an einer Gehirnentzündung.

Nun hat nur noch ein Eisbärenbaby die Chance, in die Fußstapfen von Knut zu treten. Am kommenden Donnerstag sind die ersten kritischen 14 Tage vorbei. Im Tierpark gibt es wohl niemanden, der nicht beide Daumen drückt. Es wäre zu schön, wenn Tonja im Frühjahr mit einem Mini-Eisbären aus der Wurfhöhle herauskäme.