Stasi-Unterlagenbehörde

Roland Jahn: „Der Weg der Aufklärung ist gut“

Roland Jahn, Bundesbeauftragter der Stasi-Unterlagenbehörde im Interview mit der Morgenpost über den Berliner Mauerfall, heute vor 27 Jahren.

Der Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) Roland Jahn

Der Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) Roland Jahn

Foto: Christian Kielmann

Das Büro Roland Jahns, des Bundesbeauftragten der Stasi-Unterlagenbehörde, ist geräumig – mit Blick auf Berlin. Die Stadt war nach dem Mauerfall verändert.

Jetzt sitzen wir hier – 9. November. Fast möchte man spöttisch sagen: Alle Jahre wieder ...

Roland Jahn: Für mich ist der 9. November jedes Jahr ein Tag mit Glücksgefühlen, weil ich weiß, was die deutsche Teilung, was die Mauer bedeutet hat. So genieße ich den 9. November jedes Jahr als einen Tag, an dem Menschen es geschafft haben, die Mauer zum Einsturz zu bringen.

Wo waren Sie denn genau am 9. November? Sie mussten ja 1983 gegen Ihren Willen die DDR verlassen, wurden ausgebürgert.

Ich saß im Sender Freies Berlin, wir haben eine Sendung nach der anderen gemacht. Ich durfte dann in der ARD die ersten Bilder von der Öffnung der deutschen Grenze gemeinsam mit Fernsehdirektor Horst Schättle kommentieren. Das war für mich eine Genugtuung, weil ich ja nun sechs Jahre vorher gewaltsam aus dem Osten in den Westen verbracht worden war. Noch in dieser Nacht lief ich von West nach Ost, gegen den Strom der Menschen, und fuhr nach Jena.

Welcher Grenzübergang?

Invalidenstraße.

Es war nicht das erste Mal, dass Sie in die DDR zurückkehrten. 1985 hatten Sie sich schon einmal „zurückgeschlichen“ – indem Sie einen internationalen Flug über Flughafen-Schönefeld buchten. Auf dem Rückweg reisten Sie illegal in die DDR ein.

Ich bin relativ unvernünftig gewesen und habe mich in Gefahr begeben. Es war eine Entscheidung des Herzens: einfach nach Hause zu fahren. Nach Jena.

Und wie in aller Welt sind Sie damals wieder aus der DDR rausgekommen?

Das ist über den Tränenpalast Friedrichstraße geschehen. Wir haben uns über die Ständige Vertretung abgesichert.

So viele irre Geschichten. Trotzdem wirken nach dem Jubiläum zum 25. Jahrestag des Mauerfalls nun alle ein wenig müde. Der Tag kriegt etwas Pflichtschuldiges.

Verstehen kann ich, wenn Menschen sagen: immer diese Jahrestage. Ich denke, es ist gut, jeden Tag zu genießen, den wir heute in Freiheit und Einheit in Deutschland leben, uns bewusst zu machen, welchen Wert Freiheit und Selbstbestimmung haben – dass sie keine Selbstverständlichkeit sind. Und ein Jahrestag ist immer ein guter Anlass, daran zu erinnern.

Nun ist es ja mit der Aufarbeitung nicht immer ganz einfach. Manche wollen ja bis heute ihre Stasi-Unterlagen nicht einsehen – weil sie Angst haben, Verrat zu entdecken.

Aber es geht doch nicht nur um die Frage, wer einen verraten hat. Natürlich ist das eine wichtige Frage. Es geht aber auch darum, warum hat jemand jemanden verraten? Wie hat das stattgefunden? Nur dann kann man die Beziehung auf ein neues Fundament stellen. Das gilt für die Gesellschaft insgesamt.

Wie lief es denn bei Ihnen persönlich ab? Sie hatten ja eine dicke Akte.

Mit den Leuten, die mich verraten haben, habe ich ganz unterschiedliche Beziehungen. Der eine hat sich damit auseinandergesetzt. Mit dem bin ich wieder ins Reine gekommen. Und bei dem anderen, der die Sache verdrängt und darüber schweigt, ist die Beziehung gestört. Das zeigt mir am individuellen Fall, wie es in der Gesellschaft auch funktionieren kann: offene Auseinandersetzung über das, was an Unrecht geschehen ist. Ein Bekenntnis zur Verantwortung für das Geschehene hilft, Konflikte der Vergangenheit zu bereinigen.

Kommen wir auf den Mauerfall zurück. Als West-Deutscher bewunderte man anfangs die friedliche Revolution. Dann rückten die Stasi-Akten ins Zentrum. Plötzlich hieß es: Die Ossis sind ein Volk von Anschwärzern.

Für mich ist die Nutzung der Stasi-Akten ein Symbol der friedlichen Revolution. Die Möglichkeit, das Unrecht aufzuarbeiten und deutlich zu machen, dass die Verhältnisse sich geändert haben.

Aber hatte es nicht einen Preis, die Akten so radikal zu öffnen? Nämlich, dass ein Teil im Osten bis heute nicht angekommen ist? AfD und Pegida sind hier besonders stark.

Das Wichtige ist doch, dass es offengelegt wird. Das ist doch ein Ergebnis der Revolution, dass wir jetzt in ganz Deutschland demokratische Grundrechte haben. Dass sich Menschen auf der Straße artikulieren können, ist eine tolle Sache. Und in dem Sinne kann man Pegida auch etwas Positives abgewinnen, weil Menschen demonstrieren dürfen.

Ihre Meinung offen sagen dürfen ...

Ja. Natürlich muss die Grenze dort gezogen werden, wo es gegen die Würde des Menschen geht. Wo unser Grundgesetz und seine Artikel bekämpft werden. Da ist das Stoppzeichen. Aber ansonsten kann ich nur sagen, es ist gut, dass es eine Revolution gab. Es ist gut, dass wir Grundrechte haben und uns streiten können über den Weg der Gesellschaft.

Also war der Weg der radikalen Offenlegung richtig ...

Ich denke, dass es gut war, dass wir den Weg der Aufklärung gegangen sind in Deutschland. Denn Aufklärung ist die Grundlage dafür, dass auch Konflikte der Vergangenheit bereinigt werden. Wenn ich daran denke, dass ich mit meinen Eltern viel zu wenig gesprochen habe – über die Frage, warum mein Opa Nazi war, warum meine Mutter beim Bund Deutscher Mädel war und mein Vater bei der Hitler-Jugend. Wenn ich mir überlege, dass meine Eltern gute Menschen waren und trotzdem mitgemacht haben bei den Nazis, dann bin ich doch einerseits erschrocken. Auf der anderen Seite will ich gerade diese Gegensätzlichkeit, diese Widersprüchlichkeit begreifen.

Wie kriegt man die Aufmerksamkeit der Jungen am Lernort Normannenstraße?

Wir erzählen ihnen, wie das Leben in der Diktatur war. Wir erzählen, wie die Geheimpolizei gearbeitet hat. Wir erzählen, wie die Menschen miteinander umgegangen sind. Wie Unrecht zum Alltag gehörte. Die Bezüge zum eigenen Leben sollte jeder selber herstellen. Nur dann gibt es eine Chance, dass man für sich Schlüsse zieht. Und gerade junge Leute, die die Zeit nicht erlebt haben, sollten die Freiheit haben, sich ein eigenes Bild zu machen. Wenn wir ihnen das verordnen, dann sind wir nicht mehr in einer freien Gesellschaft, sondern bevormunden Menschen.

Haben Sie einen Wunsch zum 9. November?

Ich würde mir wünschen, dass der Geist der Revolution des Mauerfalls öfter mal bei den Menschen vorhanden ist, wenn sie vor großen Aufgaben Angst haben. Dass man weiß: Das scheinbar Unmögliche wird möglich – wenn Menschen es tun. Dass Menschen es überhaupt geschafft haben, ihre Angst zu überwinden und dieses System zum Einsturz zu bringen, das ist doch die Botschaft.

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