Mercedes-Benz Arena

Placebo greifen tief in die 90er-Jahre-Erinnerungskiste

Zu ihrem 20-jährigen Bestehen lud Placebo seine Fans in die Mercedes-Benz Arena ein und schlug dabei fast schon nostalgische Töne an.

Placebo feierte am Montag sein 20-jähriges Jubiläum in der Berliner Mercedes-Benz Arena

Placebo feierte am Montag sein 20-jähriges Jubiläum in der Berliner Mercedes-Benz Arena

Foto: Picture Alliance

Man kann sicher vieles in dieser Mehrzweckhalle veranstalten. Aber eine Geburtstagsfeier? Da muss man erst mal darauf kommen. Nun, so eine richtige Feier wird es dann auch nicht, als die britische Rockband Placebo am Montagabend aus Anlass ihres 20-jährigen Bestehens zum Jubiläumskonzert in die Mercedes-Benz Arena lädt. Denn über weite Strecken erlebt man einfach eine gute Band, die sich so routiniert wie versiert durch ihre eigene Vergangenheit gräbt, und offensichtlich nicht an allen alten Hits, die sie zum Teil seit vielen Jahren nicht mehr gespielt hat, ihre Freude hat.

Es wird ein langer Abend, der schon um 19.30 Uhr mit gleich zwei Vorgruppen, den britischen Rockbands Deaf Havana und The Joy Formidable beginnt. Sie machen ihre Sache gut, auch wenn sie mit den tückischen Akustikverhältnissen der Halle zu kämpfen haben. Bevor Placebo um den androgynen Sänger und Gitarristen Brian Molko, dessen aktuelle Kurzhaarfrisur Erinnerungen an eine schwarze Badekappe weckt, die Bühne entern, läuft auf der gewaltigen Bildwand im Bühnenhintergrund und zwei Leinwänden links und rechts der Bühne zunächst das Video zu „Every You, Every Me“, jenem Song von 1999, mit dem Placebo auch in Deutschland den Durchbruch schafften.

Mit viel Emotion in der hohen Stimme

In der bestens gefüllten, wenn auch nicht ausverkauften Halle bricht lautstarker Jubel los, als Gitarrist Stefan Olsdal und Brian Molko unterstützt von mehreren Musikern, darunter auch dem neuen Schlagzeuger Matt Lunn, den Abend mit dem sofort lospreschenden „Pure Morning“ von 1998 eröffnen. Ein erster von zahlreichen Hits an diesem Abend. Anfangs noch eher vom Punkrock beeinflusst, hatte sich Placebo bald zu einer von romantischer Düsternis geprägten Rockband entwickelt, deren Sound von harten Gitarren und schwelgerischen Keyboards geprägt ist. Und ihre melancholischen Lebensbilder erwiesen sich meist als höchst tanzbar.

Mit dem neueren Stück „Loud Like Love“, dem Titelsong des 2013 erschienenen und bisher letzten Placebo-Albums - sieht man mal vom aktuellen Best-of-Album zum Jubiläum ab -, nehmen sie weiter Fahrt auf. Ein Bassist, ein Gitarrist und die Keyboarderin und Geigerin Fiona Brice stärken Molko und Olsdal den Rücken. Brian Molko legt viel Emotion in seine hohe, klare, kräftige Stimme. Der Showaufwand ist enorm. Über die Bildwand werden die Songs illustriert, von der Decke fahren fünf Lichttraversen auf und ab, an deren Ende weitere Projektionsflächen montiert sind. Der Sound allerdings ist wenig berauschend. Es knarzt, es wummert, es hallt. Doch Molko macht vieles mit seinen pompösen, schwermütigen Schmerzensliedern wieder wett.

Placebo haben sich über die Jahre eine treue Fangemeinde erspielt. Molko und Olsdal begrüßen sie auf Deutsch und versprechen eine große Geburtstagsparty. Das wunderbare „Too Many Friends“ spielen sie und das aufbrausende „Devil in the Details“. Das kraftvoll-finstere „Space Monkeys“ gibt es und irgendwann in der zweiten Hälfte unterbricht Brian Molko das Konzert und weist einen rüpelnden Besucher vor der Bühne zurecht. Die Show geht weiter. Später entschuldigt er sich für seinen kleinen Ausbruch und sagt: „Ich will einfach nicht sehen, wie Leute da unten andere Leute rüde herumschubsen. Sorry.“

Es fehlt an Dramaturgie

Song reiht sich an Song. Grelle Bilder fegen über die Bildwände. Es wird geklotzt mit Licht. Es fehlt dem Abend ein wenig an Dramaturgie, doch sind die live härter gespielten Stücke von einer Qualität, die mit dieser etwas konzeptlos wirkenden Hit-Revue letztlich doch wieder versöhnen. Sie seien ja eine sehr melancholische Band, meint der Sänger vor dem letzten Drittel des Programms und bezeichnet Placebo als „supreme melancholics and professional onanists“. Aber nun sei es an der Zeit, der Melancholie den Rücken zu kehren und Party zu machen.

„Machen wir ein bisschen Spaß! Ja, Berlin?“ ruft er ins Publikum. Und sie hämmern im blendenden Lichtgewitter „For What It’s Worth“ und „Special K“ in die Halle. Die Fans feiern ihre Helden und bekommen als grand finale „The Bitter End“, jene 2003 erschienene Hommage an George Orwells Roman „1984“ serviert. Mehr als zwei Stunden stehen Placebo auf der Bühne und greifen für die Zugaben mit „Teenage Angst“ und Nancy Boy“ noch einmal tief in die 90-Jahre-Erinnerungskiste. Es ist schon 23.30 Uhr, als mit der Kate-Bush-Coverversion „Running Up That Hill (A Deal With God)“ ein durchwachsener Abend mit einer großartigen Band zu Ende geht. Der Applaus ist lautstark, aber viele haben da die Halle bereits verlassen.