Tierpark Berlin

Eisbär-Nachwuchs hat laut Zoo-Forscher Überlebenschancen

Tierarzt Frank Göritz hat zuletzt Eisbär Knut obduziert. Für den neuen Eisbären-Nachwuchs im Tierpark sieht er aber Chancen.

Eisbärin Tonja liegt am 4. November im Tierpark Berlin in der sogenannten Wurfbox. Fast zehn Jahre nach der Geburt von Berlins berühmtem Eisbären Knut gibt es in der Hauptstadt wieder Eisbären-Nachwuchs. Im Berliner Tierpark wurden am 3. November 2016  Zwillinge geboren.

Eisbärin Tonja liegt am 4. November im Tierpark Berlin in der sogenannten Wurfbox. Fast zehn Jahre nach der Geburt von Berlins berühmtem Eisbären Knut gibt es in der Hauptstadt wieder Eisbären-Nachwuchs. Im Berliner Tierpark wurden am 3. November 2016 Zwillinge geboren.

Foto: Tierpark Berlin / dpa

Bei absoluter Ruhe und ohne mögliche Infektionen sieht Frank Göritz, Forscher am Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), gute Chancen für die neu geborenen Eisbär-Babys im Berliner Tierpark. „Das Risiko ist aber speziell bei erstgebärenden Tieren groß“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Auch in freier Wildbahn komme generell ein Drittel des Eisbären-Nachwuchses nicht durch. Wenn beide Jungtiere im Tierpark überlebten, wäre das großes Glück, aber nicht unmöglich, ergänzte er. Im Dezember 2013 wurden im Münchner Tierpark Hellabrunn die Eisbär-Zwillinge Nela und Nobby geboren - beide überlebten.

Im Berliner Tierpark hatte Eisbärin Tonja am Donnerstag in ihrer Wurfbox zwei Junge geboren. Das wissen ihre Pfleger, weil in der Box eine Kamera installiert ist. Zu sehen sind auf den Bildern zwei meerschweinchengroße Bären-Babys, fast ohne Fell, und noch blind und taub. Tonja hat ihre Jungen angenommen und wärmt sie. „Wichtig ist, dass die Tiere jetzt absolute Ruhe haben und keine Gefahr sehen“, sagte IZW-Experte Göritz.

„Eisbären haben ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis. Bei kleinsten Irritationen töten oder verlassen sie ihre Jungen.“ Es habe schon Zoos gegeben, die ihren Eisbärennachwuchs verloren, weil jemand auf das Dach der Wurfbox kletterte, um ein Foto zu machen.

Zoo-Eisbären als „Botschafter für ihre bedrohten Artgenossen“

28 Eisbären leben in deutschen Zoos. „Es ist wichtig, dass Zoos die Tiere selbst nachzüchten“, betonte Göritz. „Niemand würde heute mehr ein freilebendes Tier einfangen, um es in einem Tierpark zu halten.“ Zur Arterhaltung seien die Zoo-Bären aber nicht geeignet, da sie nicht ausgewildert würden. Doch sie seien die besten Botschafter für ihre bedrohten Artgenossen in Alaska, Grönland und Kanada. Der Bestand werde auf 15 000 bis 35 000 Tiere geschätzt, berichtete Göritz - mit abnehmender Tendenz. Denn durch den Klimawandel sind die Eisdecken nicht mehr geschlossen. Das macht Eisbären zum Beispiel die Jagd und Vermehrung schwerer.

Nur einmal im Jahr habe ein Eisbärweibchen einen Eisprung und könne Junge bekommen, erläuterte Tierarzt Göritz. Für Zoos bedeute das, dass genau zu diesem Zeitpunkt ein optimaler Zuchtpartner vorhanden sein müsse - und sich die beiden Tiere verstehen. In Berlin war alles perfekt: Die sechsjährige Tonja kennt ihren zwei Jahre jüngeren Gefährten Wolodja schon lange - beide stammen ursprünglich aus dem Moskauer Zoo.

Tierschützer sehen die Haltung der Eisbären in Zoos kritisch. Göritz sieht darin keine Probleme, wenn die Gehege den Grundbedürfnissen der Tiere entsprechen. „Es ist ein Irrglaube, dass freilebende Eisbären freiwillig lange Wanderungen machen“, sagt er. „Sie wandern für die Futtersuche und auf der Suche nach Sexualpartnern. Wenn beides in der Nähe ist, bleiben sie auch dort.“

Bis zum Frühjahr bleibt eine Eisbärin in der Wurfhöhle

Eisbären können ein bis vier Junge bekommen. „Ein Weibchen kann aber maximal zwei aufziehen, denn es hat nur zwei Zitzen“, sagte Göritz. Wichtig sei auch, dass eine Eisbärin genug Fettreserven hat. Denn sie verlässt auch in freier Natur ihre Wurfhöhle nicht bis zum Frühjahr. Im Unterschied zu Braunbären halten Eisbären keinen Winterschlaf, sondern nur Winterruhe. Dabei verbrauchen sie viel mehr Energie. „Wenn bei einer Eisbärin die Kräfte schwinden, wird sie ihr Jungen auch fressen oder verlassen“, sagt er. Bei Zootieren sei diese Gefahr aber deutlich geringer.

Gleich groß sei aber die Bedrohung durch Infektionen in der Wurfhöhle. „Deshalb fressen Eisbärinnen die Nachgeburt in der Regel auf und lecken auch alle Blutflecken weg“, sagt er. Wie bei allen Säugetieren wachse die Erfahrung der Mütter von Geburt zu Geburt - deswegen sei das Risiko bei Tonja als Erstgebärender größer. „Aber warum soll Berlin nicht auch einmal Glück haben?“, fragt Göritz. Auf die hohe Sterblichkeit bei Eisbärenjungen hatte bereits Zoo- und Tierparkdirektor Andreas Knieriem hingewiesen. 2006 hatte der berühmte Eisbär Knut im Berliner Zoo nur überlebt, weil ihn sein Pfleger mit der Flasche aufzog. 2011 starb Knut an einer Gehirnentzündung.