Luftverkehr

Job am Flughafen - Vom Traum zum Albtraum

Jobs am Flughafen sind für die Mitarbeiter in Tegel und Schönefeld offenbar zur Dauerbelastung geworden. Einer von ihnen erzählt.

Auch Air Berlin gehört zu den Kunden des Dienstleisgtungskonzerns Wisag, dessen Mitarbeiter die Arbeit niederlegen wollen

Auch Air Berlin gehört zu den Kunden des Dienstleisgtungskonzerns Wisag, dessen Mitarbeiter die Arbeit niederlegen wollen

Foto: Bernd Von Jutrczenka / picture alliance / dpa

Die Angst, dass jemand unbemerkt ins Flugzeug gelangt, ist immer da. Wenn Karl Rademann zum Boarding eingesetzt wird, muss er nicht selten 180 Passagiere auf einmal abfertigen. Ist dann noch ein allein reisendes Kind darunter, das er zur Maschine begleiten muss, tritt das ein, was er Kontrollverlust nennt. Dann ist der Schalter unbesetzt. „Ich kann gar nicht alle Fluggäste im Blick behalten, das ist unmöglich.“

Rademann, der seinen richtigen Namen aus Angst um seinen Job nicht genannt haben möchte, arbeitet am Flughafen Tegel. Er ist einer von mehreren Hundert Mitarbeitern, die sich um die Fluggäste kümmern: Check-in, Boarding. Rademann wollte früher unbedingt zum Flughafen, „da war man jemand“. Heute sei die Arbeit „die pure Hölle“.

Denn auf allen Positionen fehlen Mitarbeiter, das Personal ist seiner Einschätzung nach überlastet. Der Krankenstand liegt laut übereinstimmenden Quellen bei 15 bis 20 Prozent. Mögliche Folgen sind Mängel bei Sicherheit und Qualität. Immer wieder gibt es Berichte, wonach Passagiere nach der Landung länger in der Maschine bleiben mussten, da niemand eine Treppe an das Flugzeug schob, dass Gepäckstücke mit Verspätung auf dem Förderband landeten.

Flughäfen Tegel und Schönefeld drohen Streiks

„Ständig“ Fehler beim Check-in

Und das sind noch die harmlosen Fälle. Laut Rademann passieren „ständig“ Fehler beim Check-in, im schlimmsten Fall wissen die Airlines dann nicht, wer eigentlich an Bord ist. Die Arbeitsplätze seien verdreckt und Kollegen seien wegen Bandscheibenvorfällen ausgefallen – kaputte Stühle hinter den Schaltern. „Wir hetzen von Aufgabe zu Aufgabe und haben selten Zeit für eine richtige Pause“, so Rademann. Es habe Kollegen gegeben, die wegen Panikanfällen in psychische Behandlung mussten. Was, wenn sie nicht aufpassen und sich ein Terrorist an Bord schmuggelt? „Alle sagen: Wir können nicht mehr.“

Rademann arbeitet für Airlink, ein Subunternehmen der Wisag-Gruppe. Der Konzern ist mit der Holding Wisag Aviation Service einer von drei Boden-Dienstleistern an den Berliner Flughäfen. Vier Töchter- und drei Subunternehmen bieten vom Boarding bis zur Gepäckbeladung und Enteisung alles, was im Flugbetrieb nötig ist. Air Berlin und Eurowings gehören zu den Kunden.

Die Wisag weist die massiven Vorwürfe der Arbeitnehmer zurück. Sicherheit und Qualität der Dienstleistungen an den Flughäfen seien durch Krankheit oder Überlastung nicht gefährdet, sagte eine Sprecherin der Berliner Morgenpost. Auch von einem Streik will das Unternehmen nichts wissen, ebenso die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg. Eine Anfrage an Rademanns Arbeitgeber Airlink blieb unbeantwortet.

Die Wisag, die ihre Wurzeln in der Gebäudereinigung hat, übernahm 2008 den damaligen Flughafendienstleister GlobeGround. Die Ex-Mitarbeiter bekamen einen Überleitungstarifvertrag, der ihr altes Gehaltsniveau bis Ende 2016 garantierte. Weil die Wisag diesen gekündigt hat, droht Verdi nun mit Streik. Karl Rademann formuliert es so: „In Berlin wird Chaos ausbrechen.“

Immer weniger ausreichend qualifiziertes Personal

Ihr Personal akquiriert die Wisag in der Regel über die eigene Zeitarbeitsfirma Airport Personal Service. Neulinge beginnen dort mit dem niedrigsten Stundensatz, knapp über dem Mindestlohn. Nach zwei Jahren stünde ihnen gesetzlich eine Entfristung zu, „doch die Wisag reicht sie kurzerhand an eines der Töchter- oder Subunternehmen weiter“, sagt Enrico Rümker, Gewerkschaftssekretär Luftverkehr bei Verdi.

Der Verdacht geht um, dass die Wisag ihre Beschäftigten nicht binden will, um personaltechnisch flexibel zu sein, da nicht klar ist, wie groß der Bedarf mit Eröffnung des BER wird. Die daraus resultierende Fluktuation ist offenbar gewünscht: Je länger ein Mitarbeiter dabei ist, umso teurer wird er. Der größte Ärger in der Belegschaft: Die Berliner Flughäfen boomen. Nur beim Bodenpersonal kommt davon nichts an.

Im Gegenteil. „Der psychische Druck ist enorm“, so Rümker. „Wenn jemand nicht pariert, bekommt er gesagt: Dann müssen wir bei deiner Entfristung aber noch mal überlegen.“ Druck werde auch über die vertraglich festgelegte Arbeitszeit erzeugt. „Wer sich beschwert, muss damit rechnen, dass er keinen Vollzeitvertrag bekommt, sondern weiterhin nur Arbeitsverträge mit 85 oder 120 Stunden pro Monat.“

„Die Mitarbeiter werden bewusst kleingehalten“

Ein anderes Beispiel: Die Benutzung der von Hand betriebenen Gangways dürfen nur noch Mitarbeiter der Beteiligungsfirma Aviation Ground Service Berlin übernehmen. Die motorisierten Treppen werden nur noch von den Angestellten der Wisag Ramp Services bedient. Der Grund: Würden die Mitarbeiter mehr als eine bestimmte Zahl verschiedener Tätigkeiten verrichten, müssten sie in eine höhere Lohngruppe rutschen. „Die Leute werden bewusst kleingehalten“, sagt ein Arbeiter vom Rollfeld.

In der Konsequenz arbeitet laut Verdi immer weniger ausreichend qualifiziertes Personal. „Es gibt kaum Leute, die so einen Job für weniger als neun Euro machen wollen“, sagt Gewerkschaftssekretär Rümker. Und viele fragen sich, wie lange das noch gut geht. In Schönefeld, so Rümker, müssten inzwischen Azubis als sogenannte Ramp Agents fungieren. Sie hätten keine Erfahrung, müssten dem Piloten am Ende aber versichern, dass sein Flugzeug ordnungsgemäß beladen wurde.

Dem Unternehmen Wisag will aber auch die Gewerkschaft Verdi nicht allein die Schuld an der derzeitigen Situation geben. „Unsere Forderung ist auch, dass die Airlines mehr Geld ausgeben müssen“, sagt Rümker. Doch Deutschlands Urlauber fragen nach billigen Flug­tickets. Und die werden umso günstiger, je weniger die Airlines für die Abfertigung bezahlen.

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