Junge Pilotin

Ein tollkühnes Berliner Mädchen in seiner fliegenden Kiste

Anne-Sophie Polz ist 14 Jahre alt und damit eine der jüngsten Segelflugpilotinnen. Später will sie Verkehrsflugzeuge fliegen.

Sie liebt den Blick von oben: Anne-Sophie Polz ist eine der jüngsten Segelflugpilotinnen Deutschlands

Sie liebt den Blick von oben: Anne-Sophie Polz ist eine der jüngsten Segelflugpilotinnen Deutschlands

Foto: privat / BM

Sie spricht mit einer Begeisterung über Thermik, Strömungen und Luftdruck wie andere Mädchen ihres Alters über die Party am Wochenende. Statt „Bravo Girl“ liest sie Segelflugmagazin und Flugrevue. Und ihre größten Erfolge und Träume notiert sie nicht im Tagebuch, sondern im Flugbuch. Dort ist sauber mit Tinte jeder Start notiert. Anne-Sophie Polz, geflochtene Zöpfe, rosa Shirt mit Glitzer, ist 14 Jahre alt und eine der jüngsten Segelflugpilotinnen Deutschlands. Gerade hat sie ihre ersten Alleinflüge absolviert und damit die sogenannte A-Prüfung bestanden.

Sind einmal die Stichworte „Fliegen“ und „Flugzeuge“ gefallen, ist die Zehntklässlerin nicht mehr zu stoppen. Sie sitzt vor dem Direktorenzimmer im Steglitzer Paulsen-Gymnasium, ein langer Schultag liegt hinter ihr, aber sie wirkt wie aufgezogen. Sie darf Geschichten vom Flugplatz erzählen – was täte sie lieber! Jedes technische Detail ist wichtig, auch wenn sie sich dann selbst mit den Worten ausbremst: „Das muss man jetzt nicht verstehen.“

Insgesamt 137 Starts, davon sechs allein im Segelflieger, hat Anne-Sophie Polz bereits in ihrem Flugbuch aufgelistet. Exakt 14 Stunden und elf Minuten war sie in der Luft und es sollen noch viele Stunden dazukommen. Ziel der Schmargendorferin ist es, zunächst die Segelfluglizenz zu erwerben, um allein ein Flugzeug chartern zu können. Das geht erst mit 16 Jahren. Doch ihr ganz großes Ziel ist es, Pilotin zu werden und große Verkehrsflugzeuge zu fliegen.

Erster Flug mit acht Jahren in einem Passagierflugzeug

Woher die Leidenschaft für das Fliegen kommt, kann niemand in ihrer Familie erklären. Die Mutter Lehrerin, der Vater Zahnarzt, eine Oma, die aus Angst nie in ein Flugzeug gestiegen ist. Anne-Sophie ist das zweite Mädchen in der Familie. Sie habe gern mit ihrer Schwester mit Puppen und allen Mädchensachen gespielt, erzählt Mutter Kerstin Polz. „Doch gewünscht hat sie sich eine Rennbahn und eine Eisenbahn.“ Bei den ersten Schritten mit 15 Monaten, habe Anne-Sophie ein Flugzeug am Himmel gesehen und die Ärmchen danach ausgetreckt. Die Schwerkraft und die Windel waren stärker, sie landete auf dem Po. Vielleicht habe sie das Ereignis geprägt, sagt die Mutter.

Der ständige Blick in den Himmel – von klein an – daran kann sich auch die 14-Jährige erinnern. Nach den Flugzeugen hat sie die Vögel am Horizont entdeckt und sich gefragt: „Wieso können die fliegen und ich nicht?“ Ja, neidisch sei sie gewesen und wollte wissen, „wie die das machen“. Also baute sie Papierflieger nach Anleitung aus dem Internet. Der einfachste, der in einer Minute zusammengebaut war, war der Beste.

Seit sie vier Jahre alt ist, erzählt sie allen, dass sie Pilotin wird. In ihrem Zimmer stehen die Modelle einer Boeing und eines Airbus. Über ihrem Hochbett wölbt sich ein Stoffhimmel. „Ich muss immer oben sein“, sagt Anne-Sophie Polz. Deshalb das Hochbett, deshalb wohnen sie im Dachgeschoss.

„Ich liebe den Start und die Kräfte, die dann wirken“

Mit acht Jahren ist sie das erste Mal mit einem Flugzeug geflogen. Als Passagierin allerdings. Der Flug ging nach Paris und war überaus turbulent. Das konnte sie nicht abschrecken. „Ich liebe den Start und die Kräfte, die dann wirken“, sagt das Mädchen. Stundenlang mussten ihre Eltern auf der ILA in der Hitze mit ihr anstehen, um den Airbus A380 zu sehen. In der Langen Nacht der Wissenschaften saß sie im Flugsimulator. Seitdem will sie unbedingt in den Flugsimulator der Lufthansa, in dem Piloten ausgebildet werden. Aber für all ihre Wünsche müsste sie sich langsam Sponsoren suchen, sagt sie lachend.

Ein großer Zufall brachte sie dem Traum vom Fliegen näher. Sie war in der achten Klasse des Paulsen-Gymnasiums, als erstmals das Fach Luftfahrt als Wahlpflichtfach angeboten wurde. Der stellvertretende Schulleiter Stefan Kloppe-Langer ist Privatpilot und wollte mit dem neuen Fach Kenntnisse in Erdkunde und Physik vereinen. Mathe, Physik, Informatik und Englisch – das sind Fächer, die Anne-Sophie Polz richtig gut findet. Ohnehin hat sie es leicht in der Schule. In der Grundschule hat sie die zweite Klasse übersprungen. Ihr Notendurchschnitt: 1,07.

Zwei Jahre lang hatte sie nun drei Stunden Luftfahrt-Theorie pro Woche. „Mit ihrem Willen und ihrer Motivation war sie schon im Unterricht eine Ausnahme“, sagt Stefan Kloppe-Langer. Am Ende der 9. Klasse konnten die Schüler statt eines Betriebspraktikums für zwei Wochen ein Praktikum bei der Segelflugschule in Lübeck machen. 50 Starts mit Fluglehrer standen auf dem Programm, jeden Tag fünf. Am letzten Tag stieg der Fluglehrer aus dem Segelflieger aus und sagte: „Jetzt du allein.“ Das Mädchen musste sich Blei holen und auf ihren Sitz legen, weil sie allein zu leicht war.

400 Meter über der Erde und ganz allein

Sie klinkte das Seil in die Winde ein, und der Moment war gekommen. Über Funk meldete sie: „Delta 4612 ist abflugbereit.“ Da sei ihr klar geworden, dass sie zum ersten Mal auf einer Frequenz unterwegs ist, die auch andere Piloten nutzen. Sechs Minuten dauerte der erste Alleinflug, 400 Meter war sie hoch. Ein Traum wurde wahr.

Ihr Lehrer am Paulsen-Gymnasium ist vollkommen davon überzeugt, dass sie später einmal „große, sehr schnelle Flugzeuge“ steuern wird. „Aber das wird ihr wohl eines Tages zu langweilig sein“, sagt Stefan Kloppe-Langer. Ein bisschen vermutet das Anne-Sophie Polz auch. Deshalb will sie neben der Pilotenausbildung noch studieren. Am Ende der zehnten Klasse wird sie sich für einen der 18 Plätze im Fach Flugzeugtechnik an der Universität Osnabrück anmelden. Mit dem Ingenieurstudium könnte sie auch als Testpilotin arbeiten, sagt sie. Angst kennt sie nicht. „Solange ich selbst im Cockpit sitze, habe ich es in der Hand“, sagt die 14-Jährige. „Dann weiß ich: Das kriege ich hin.“