Berlin

Bahn und Lidl starten Rad-Verleihsystem in Berlin

„Call a Bike“ hat die Ausschreibung für das öffentliche Leihfahrradsystem in Berlin verloren. Mit einen neuen Partner kommt die Bahntochter nächstes Frühjahr zurück

Sylvia Lier (r.), Chefin der Bahntochter DB Rent, und Wolf Tiedemann von der Lidl-Geschäftsleitung Deutschland, stellen am Potsdamer Platz das neue „Lidl-Bike“ vor

Sylvia Lier (r.), Chefin der Bahntochter DB Rent, und Wolf Tiedemann von der Lidl-Geschäftsleitung Deutschland, stellen am Potsdamer Platz das neue „Lidl-Bike“ vor

Foto: Paul Zinken / dpa

Nur noch bis Mitte November können Kunden von „Call a Bike“ in Berlin Räder ausleihen. Spätestens bis dahin will das zum Bahnkonzern gehörende Unternehmen seine festen Ausleihstationen im Stadtgebiet abgebaut haben. Doch es wird kein Abschied für immer sein. Ganz im Gegenteil: Im kommenden Frühjahr will „Call a Bike“ mit moderneren Rädern und einem geänderten Verleihsystem in der Hauptstadt groß durchstarten. Zugleich bekommt der Anbieter Nextbike, der gerade erst die Ausschreibung für das öffentlich geförderte Leihfahrradsystem in Berlin gewonnen hat, einen starken Konkurrenten.

Neue Partnerschaft

Vermarktet werden die Leihräder von „Call a Bike“ künftig unter dem Namen „Lidl-Bike“ – eine Referenz an den neuen Sponsor. Mit welchem Geldbetrag der Lebensmitteldiscounter das Projekt finanziell unterstützt, blieb bei der Vorstellung am Donnerstag offen. Es dürfte aber ein Millionenbetrag sein. „Nur über die Verleihgebühren lassen sich Mietfahrradsysteme in Deutschland bislang nicht kostendeckend betreiben“, begründete Sylvia Lier, Geschäftsführerin der Bahntochter DB Rent, die in Deutschland bislang einmalige Partnerschaft. Lidl-Geschäftsführer Wolf Tiedemann wiederum verwies auf das Unternehmensziel, „nachhaltigster Discounter in Deutschland“ zu werden. So gebe es in Berlin bereits zwei Märkte mit Ladesäulen für Elektroautos und E-Bikes. Weitere sollen bald folgen.

Start mit 3500 Leihrädern

„Lidl-Bike“ will im nächsten Frühjahr mit 3500 konventionellen Rädern starten. Aktuell ist „Call a Bike“ in Berlin mit 1500 Rädern präsent. Anders als bisher werden die Leihräder nicht an festen Stationen, sondern im Stadtgebiet innerhalb des S-Bahnrings aufgestellt. Wer also ein „Lidl-Rad“ ausleiht, kann es später an jeder Straßenecke abstellen. Pikant: Dieses System hatte „Call a Bike“ – sehr zum Ärger vieler Nutzer – erst vor einigen Jahren aufgegeben. Begründet wurde der Schritt damals unter anderem mit der hohen Verlustquote bei den Rädern. DB-Rent-Chefin Sylvia Lier verweist nun jedoch auf die guten Erfahrungen, die das Unternehmen beim Car-Sharing macht. „Wir können da unterschiedliche Zielgruppen erreichen“, sagt Lier. Die zweite Erkenntnis von Lier heißt „Nicht kleckern, sondern klotzen“. Daher werde Call a Bike künftig mit spürbar mehr Rädern als in Berlin vertreten sein. Die einfache Rechnung: Umso besser und flächendeckender das Angebot, desto attraktiver ist es für Fußgänger oder Autofahrer, auf das Rad umzusteigen. Dies, so Lier, sei eine Erfahrung aus Hamburg, wo die Bahn das Leihsystem „StadtRad“ betreibt.

„Die Bahn soll sich auf die Schiene konzentrieren“

Allerdings sehen Experten auch Unterschiede im Nutzerverhalten: Demnach sind die Berliner deutlich lieber mit dem eigenen Rad in der Stadt unterwegs. Auch fehlen in Berlin zeitliche Einschränkungen zur Fahrradmitnahme in U- und S-Bahn, wie sie beispielsweise von München während des Berufsverkehrs praktiziert werden. Beim Leipziger Anbieter Nextbike, der erst im Sommer vom Senat den Auftrag für den Aufbau eines Leihfahrradsystems in Berlin erhalten hat, kommt die Angebotsoffensive der Deutschen Bahn nicht gut an. „Call a Bike zeigt sich da von seiner schlechtesten Verliererseite“, sagte Nextbike-Sprecherin Mareike Rauchhaus der Berliner Morgenpost. Der Hintergrund: Die Bahntochter hatte sich gleichfalls an der Senatsausschreibung beteiligt, unterlag jedoch selbst mit einem Einspruch bei der Vergabekammer gegen Nextbike. Das in Leipzig beheimatet Unternehmen will sein Angebot in Berlin ebenfalls im Frühjahr starten: Mit zunächst 2000 Rädern, die an 200 festen Standorten angeboten werden. Bis Ende 2018 soll das Angebot auf 5000 Leihräder steigen, die an 700 Stationen ausgeliehen werden können. Der Senat fördert das Vorhaben mit insgesamt 7,5 Millionen Euro.

Bei Nextbike wird nun offenbar befürchtet, dass der Markt nicht für zwei große Anbieter ausreicht und sie am Ende gegen den finanzstarken Bahnkonzern den Kürzeren zieht. „Die Bahn soll sich auf die Schiene konzentrieren und sich nicht ständig auf privatwirtschaftlichen Märkten tummeln“, fordert Nextbike-Sprecherin Rauchhaus.

Bahnräder gibt es zu zwei Tarifen

„Lidl-Bike“ will seine Räder zu zwei Tarifen anbieten: Beim „Basistarif“ (Grundgebühr: drei Euro) kostet die erste halbe Stunde 1,50 Euro, jede weitere halbe Stunde ein Euro (maximal 15 Euro pro Tag). Im „Komforttarif“ (49 Euro Jahresgebühr) kostet die erste halbe Stunde 50 Cent, jede weitere halbe Stunde ein Euro (maximal 12 Euro am Tag). In beiden Fällen ist eine Anmeldung notwendig. Gebucht wird das Rad mit der Smartphone-App von „Call a Bike“, die einen Freischaltcode anzeigt.

Nextbike auch außerhalb des S-Bahnrings präsent

Das Leipziger Unternehmen Nextbike will gleichfalls im Frühjahr 2017 berlinweit an den Start gehen: Zunächst mit 2000 Rädern an rund 300 festen Verleih-Stationen, bis Ende 2018 sollen es dann 5000 Räder sein, die an 700 Stationen ausgeliehen werden können. Anders als bei „Lidl-Bike“ werden die Leihräder auch außerhalb des S-Bahnrings angeboten. „Damit können die Nutzer vom Wohngebiet zur nächsten S-Bahn-Station und zurück fahren“, so Nextbike-Sprecherin Mareike Rauchhaus. Die Nextbike-Kunden können wie „Lidl-Bike“ zwischen verschiedenen Tarifen wählen. So kostet ein Jahrs-Abonnement einmalig 50 Euro, wer sich für eine Woche anmelden will, bezahlt zehn Euro, die Tagesanmeldung ist für drei Euro zu bekommen. Bei allen Abos ist dann die erste halbe Fahrstunde mit Leihrad kostenfrei, jede weitere halbe Stunde kostet dann 1,50 Euro. Gelegenheitsnutzer bezahlen bereits für die erste und jede weitere halbe Stunde 1,50 Euro, maximal aber 18 Euro am Tag. Notwendig ist eine vorherige Registrierung etwa auf der Internetseite (www.nextbike.de), die jedoch im Unterschied zu „Call a bike“ kostenlos ist. Die Räder (23 Kilogramm schwer) baut Nextbike in eigenen Werkstätten in Leipzig. Auch die Räder von“Lidl-Bike“ (Gewicht: 25 Kilogramm) sind „Made in Germany“. Sie werden von Derby-Cycle, dem größten deutschen Hersteller, in Cloppenburg (Niedersachsen) montiert.