Berlin

Aus der Universität auf die Lehrstelle

Studienabbrecher in Berlin suchen ihre Zukunft immer häufiger in einer dualen Ausbildung in einem Betrieb

Sie studierte auch ihrer Familie zuliebe. Die Eltern von Karolina Kalbarczyk setzten wie viele aufstiegsorientierte Migranten darauf, dass ihre Tochter an die Universität gehen sollte. Aber das Mathematik-Studium war ihr „zu anonym“, sagt die 30-Jährige mit polnischen Wurzeln. Jetzt lernt sie Krankenpflegerin bei Vivantes und ist rundum zufrieden.

Die Entscheidung der jungen Frau liegt im Trend. Die Zahl derjenigen Azubis, die vor dem Start ihrer Ausbildung eine Hochschule oder eine Berufsakademie besuchten, hat in diesem Jahr um 20 Prozent zugenommen. Die Bundesagentur für Arbeit zählte unter den 21.700 Bewerbern für eine Lehrstelle bereits 1183, die aus einer akademischen Ausbildung ausgestiegen sind.

Insgesamt haben sich zu diesem Herbst 430 Jugendliche mehr für eine Stelle im dualen System beworben als im Vorjahr, sagte der kommissarische Leiter der Regionaldirektion der Bundesagentur, Bernd Becking, bei der Vorlage der Berliner Ausbildungsstellenbilanz. Und das, obwohl insgesamt 2500 junge Menschen weniger die Schulen verlassen hätten. Die lange unter dem Trend zum Studium leidende duale Berufsausbildung hat also wieder an Boden gewonnen in Berlin. 41 Prozent der Azubis haben Abitur, beginnen ihre Lehre im Durchschnitt mit 21 Jahren.

Auch Franz Harisch hätte studieren können. Aber der junge Mann sah sich mit seiner Kreativität in der Praxis
besser aufgehoben. Mithilfe seines Vaters hätte er sogar ein Praktikum
beim Elektroauto-Bauer Tesla in den USA machen können. Aber unbezahlt. Das wollte er nicht. Bei einer Last-minute-Ausbildungsbörse traf er die Happiness-Managerin des Berliner Software-Hauses MSU, heuerte dort als Azubi für IT- und Systemsoftware an und preist jetzt den „deutschen Mittelstand“ als Idealmodell für seine Zukunft.

Insgesamt zogen Bundesagentur, Kammern, Unternehmensverbände und Gewerkschaften ein positives Fazit des Ausbildungsjahres. Die Zahl der betrieblichen Plätze stieg um fast 1800 auf 14.800. Dennoch waren im September immer noch 1700 Bewerber unversorgt. Zugleich hatten die Unternehmen noch 1211 offene Lehrstellen gemeldet. „Wir haben ein Dating-Problem“, sagte der Handelskammer-Experte Thilo Pahl. Jugendliche und Unternehmen müssten stärker zusammengeführt werden. Insgesamt trage aber die verbesserte Berufsorientierung in den Berliner Schulen erste Früchte, hieß es.