So kommen Sie gut durch die kalte Jahreszeit. Wir stellen vor, welche Outdoor-Sportarten jetzt im Trend liegen

Sport im Herbst mit Harry Potter

Es ist grau und kühl – die beste Zeit also, sich draußen zu bewegen. Neben dem klassischen Jogging gibt es eine Reihe neuer Sportarten wie Quidditch, Kiten oder Blasrohrschießen

"Ja, es wird bei jedem Wetter trainiert. You can't cancel Quidditch!" Dem vermeintlichen Nerdsport ist der Platz eins im Outdoor-Ranking dieser Herbstsaison wohl sicher – abgesehen natürlich vom Klassiker Joggen. Mit dem Wetter haben die Besenreiter dann doch noch Glück gehabt, die Sonne schafft es an diesem Sonntag ab und an länger als drei Sekunden durch die graue Wolkendecke über dem Mendelssohn-Bartholdy-Park. Hier haben sich etwa 40 Profis, Amateure und Interessierte, zu einem Einsteigerworkshop zusammengefunden, um – ja, in echt! – Quidditch zu spielen. Sie kennen Quidditch nicht? Dann nochmal schnell die "Harry-Potter"-Heptalogie aus dem Bücherregal hervorgeholt und nachgelesen. Denn im Gegensatz zu anderen Trendsportarten ist dieses Zauber-Rugby weder auf den Straßen der Bronx noch auf dem Tempelhofer Feld entstanden, sondern im Kopf der "Harry-Potter"-Autorin J.K. Rowling.

Eine Mischung aus Rugby, Handball und Völkerball

Mit Zaubern hat der in die Realität übertragene Sport allerdings wenig gemein, hier ist ganz reeller Körpereinsatz gefragt. "Natürlich würde es Quidditch ohne 'Harry Potter' nicht geben, trotzdem sind wir ein ernst zu nehmender Vollkontaktsport und kein 'Nerdsport', wie es gerne bezeichnet wird", stellt Florian Marquardt klar. Der 23-Jährige ist Mitglied der 2014 gegründeten Berlin Bluecaps, einem von mehr als 20 Teams, die im "Deutschen Quidditch Bund" organisiert sind. Der Ballsport ist am besten als eine Mischung aus Rugby, Handball und Völkerball beschrieben. Zwei Teams spielen gegeneinander, versuchen, den Ball ins gegnerische "Tor" – drei auf unterschiedlichen Höhen angebrachte Ringe – zu bekommen, werfen sich außerdem gegenseitig ab. Dabei müssen die Spieler die ganze Zeit auf ihrem "Besen" bleiben, einem zwischen den Beinen eingeklemmten einen Meter langen Stab.

Aber Quidditch, weiß der Kenner, wäre nicht Quidditch ohne den "Schnatz". Diesen kleinen Ball gilt es zu fangen, dann ist das Spiel beendet. Dazu gibt es den neutralen Schnatzträger, dem der Ball an einem Klettverschluss an der Hose haftet und der vor den beiden konkurrierenden Schnatzjägern flüchtet. Allein vom Zusehen kommt man ins Schwitzen, es wird unheimlich viel gerannt, die Spieler haben ihre Augen überall gleichzeitig. Auf Florian übt Quidditch nicht nur wegen der sportlichen Herausforderungen einen besonderen Reiz aus, er betont die soziale Komponente der noch jungen Community. "Ich kenne niemanden in der Quidditch-Szene, der nicht freundlich, nett und offen ist", erzählt der Neuköllner, der Zusammenhalt sei stark. "Das ist das Besondere am Quidditch, die Quidditch-Love, oder wie man als Quidditch-Spieler sagt: 'Quove'."

Diese Schwerpunktverlagerung beobachtet auch Sebastian Braun, Professor für Sportsoziologie an der Humboldt-Universität Berlin. "Sport wird heute nicht mehr nur nach dem Leistungsprinzip betrieben, es geht auch um Gesundheit, Spaß und Selbstverwirklichung." Gerade Trendsportarten seien eng mit einem bestimmten Lebensstil verwoben, zu dem auch Literaturpräferenzen gehörten, so Braun. "Außerdem bildet die Sport- und Bewegungsaktivität ein biografisch passförmiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen."

So präsentieren sich etwa Skater anders als Kletterer oder der "typische" Boxer beim Ultimate Fighting anders als Anhänger von Ultimate Frisbee. Letztere legen äußersten Wert auf Fairness, weiß Lisa Chichowitz. Seit zwei Jahren spielt die 26-Jährige diese sehr schnelle, laufintensive Mannschaftsversion des herkömmlichen Frisbeespiels, bei der die Spieler versuchen, die Plastikscheibe in der gegnerischen Zone zu fangen und so Punkte zu erzielen.

Das Besondere an Ultimate Frisbee – in seiner Kurzform schlichtweg Ultimate genannt – besteht im sogenannten "Spirit of the Game". Für Spieler wie Lisa, die Wert auf Fairplay und einen eher gemäßigteren Wettkampfgeist legen, das Nonplusultra. "Die oberste Regel beim Ultimate ist der Spaß – das steht auch so im Regelwerk", erklärt Lisa, die vor zwei Jahren aus der Lausitz nach Berlin kam. Zweite Regel: Eigenverantwortlichkeit. Denn Ultimate wird ohne Schiedsrichter gespielt, alle Entscheidungen werden von den Spielern selbst getroffen. Die Fairplay-Bewertung der gegnerischen Mannschaft fließt bei Turnieren teilweise sogar in die Wettkampfbewertung mit ein. "Ich war schnell Feuer und Flamme", sagt Lisa, die über einen Freund zum Frisbee fand. Vorher spielte sie Lacrosse, mit sehr viel mehr Ausrüstung. "Das fand ich auch reizvoll, dass man beim Ultimate nichts weiter braucht als eine 175 Gramm leichte Plastikscheibe – und Mitspieler." Zwar sei ein gewisses Wurf- und Fangtalent von Vorteil, das könne man aber auch lernen. Ansonsten sei der Sport nichts für Lauffaule.

Ganz anders als beim Blasrohrschießen, der aktuell vielleicht inklusivsten Sportart. "Der absolute Trendsport", findet Michael Pape vom TSV Spandau 1860. Blasrohrschießen, ursprünglich und auch heute noch von indigenen Völkern zur Jagd genutzt, erinnert hierzulande ein wenig an Dart, nur wird der Pfeil hier allein durch Atemkraft ausgestoßen und dadurch möglichst mittig auf der Zielscheibe platziert. "Man haucht stoßartig in das Rohr hinein, wie, wenn man einen Kirschkern ausspuckt: Pft!", erklärt Pape. Beim TSV Spandau trainiert man auch auf einem Außengelände, dem sogenannten 3-D-Parkour. 3-D deshalb, weil hier auf Plastiktiere geschossen wird, genutzt auch von den Bogenschützen.

Mit der Kraft des Windes über die Wiesen fliegen

"Das mag manchem Pazifisten vielleicht archaisch erscheinen, aber das genießt unglaubliche Popularität!", so Pape. Dieser Sport, der die Haltung verbessern und den Stützapparat kräftigen soll, kann auch sitzend, etwa im Rollstuhl, ausgeübt werden. Pape berichtet von einem lungenkranken Teilnehmer in seiner Gruppe, der seit der Teilnahme am Blasrohrschießen beim Lungenfunktionstest besser abschneidet.

Gesunde Lungen sollte man beim Kiten hingegen bereits haben, vor allem, wenn es so richtig kalt wird. Einer, den man öfter mal mit einem Lenkdrachen in der Luft und wahlweise einem Long- oder Snowboard an den Füßen über Berliner Wiesen jagen sieht, ist Tim Retzlaff. Er leitet die Berliner Kiteschule und gibt berlinweit Kurse, auf der Drachenwiese in Lübars etwa. Privat ist er am liebsten auf dem Tempelhofer Feld unterwegs, Berlins größtem Kite-Revier. "Das ist ein tolles Gefühl, sich von dieser unsichtbaren Kraft des Windes über Wiese oder Asphalt ziehen zu lassen", schwärmt Retzlaff. "Das hält körperlich wie geistig fit und wird nie langweilig!" Als eine Mischung aus Surfen und Fliegen beschreibt er den Sport, der sich seit Jahren steigender Beliebtheit erfreut. Was mitunter auch schon zu Konflikten mit anderen Nutzern des Feldes führte. Rücksicht ist darum essenziell.

Wer es lieber bodenständig mag, sollte sich Padel-Tennis genauer ansehen. Diese Mischung aus Tennis und Squash kommt aus Lateinamerika, daher der Name. "Padel" ist die spanische Entlehnung des englischen "Paddle", zu Deutsch "Schläger". Tim Kölling vom Deutschen Padel-Verband betont die Niedrigschwelligkeit der Sportart im Vergleich zu herkömmlichem Tennis. "Durch den kürzeren Griff des Holzschlägers, der nicht besaitet, sondern mit Löchern durchsetzt versehen ist, und den Aufschlag von unten ist Padel einfacher als Tennis." Auch durch das Einbeziehen der das Spielfeld eingrenzenden Mauern gelängen lange Ballwechsel, erziele man schnell Erfolge. "Es stellt sich rasch ein Spielspaß ein. Wir erleben hier steigendes Interesse am Padel-Tennis", so Kölling. Klar, wer kann da schon widerstehen. Outdoor-Sport und dann auch noch Spaß dabei. Der beste Weg, den grautrüben Berliner Herbst auszuspielen.

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