Deutsche Bahn in Berlin

Der Bahnhof der Zukunft steht am Berliner Südkreuz

Früher hieß er Bahnhof Papestraße und bröckelte. Heute dient das Berliner Südkreuz der Deutschen Bahn als Versuchslabor.

Der Berliner Bahnhof Südkreuz ist das "Testlabor" der Deutschen Bahn

Der Berliner Bahnhof Südkreuz ist das "Testlabor" der Deutschen Bahn

Foto: euroluftbild.de/Robert Grahn

Berlin.  Die Deutsche Bahn und modern – das scheint für viele Kunden der Bahn nicht so recht zusammenzupassen. Zu schlecht sind die Alltagserfahrungen, wenn man eine Bestätigung für eine Zugverspätung benötigt, ein ICE wegen eines technischen Defekts irgendwo im Nichts strandet. Dann gibt es oft weder Informationen aus dem Bordlautsprecher, noch über neuzeitliche Kommunikationswege wie dem Internet. Letzteres scheitert häufig daran, dass eine Datenverbindung im Zug gar nicht erst zustande kommt.

Das Ziel, eines Tages nur noch mit Strom aus erneuerbaren Energien zu fahren, liegt mit dem Jahr 2050 noch in weiter Ferne. Und auch bei der Intermodalität, der Vernetzung verschiedener Verkehrsmittel, ist bei der Bahn noch Luft nach oben. Der Eindruck drängt sich auf: In Sachen Information, Service und Innovation scheint die bundeseigene Eisenbahn im vorigen Jahrhundert stehen geblieben zu sein.

Testlabor der Deutschen Bahn in Berlin

Das soll sich schnell und grundlegend ändern. Bahnchef Rüdiger Grube kündigte jüngst eine regelrechte Offensive in Sachen moderner Technik an.

"Die technologische Entwicklung verändert die Kundenbedürfnisse rasant und wir als Deutsche Bahn stellten uns dieser Dynamik nicht nur – wir treiben sie voran", sagte Bahnchef Grube bei der Vorstellung neuester Produktinnovationen. Viele dieser Neuheiten werden zunächst erprobt, bevor sie sozusagen bundesweit "in Serie" gehen.

Und dieses Testlabor steht in Berlin. Es ist der Bahnhof Südkreuz – mit täglich 100.000 Reisenden drittgrößter Fernbahnhof der Hauptstadt. Anlagen für erneuerbare Energien entstehen im Südkreuz, eine neue Kundeninformation, moderne Schließfächer und abschließbare Boxen für Fahrräder: Rund ein Dutzend Projekte testet die Deutsche Bahn in und um das Drehkreuz in Schöneberg.

Ein Überblick über den modernen Bahnhof Südkreuz:

Kundeninformation

Darüber sind sie sich bei der Bahn einig: Die Schalter der Kundeninformation entsprechen nicht dem Zeitgeist Die Schlangen sind zu lang, die Kunden unzufrieden. Am Südkreuz wird nun ein neuer Schalter namens "Stern des Bahnhofs" getestet. Die Bahn bündelt hier die Anfragen etwa zu Verspätungen und zeigt sie auf einem großen Monitor an. Das soll Wartezeiten vermeiden. Dazu gibt es Selbstbedienungsterminals, an denen sich Fahrgäste zum Beispiel Belege für Verspätungen ausdrucken können. In den nächsten Wochen ist der "Stern des Bahnhofs" aber nicht in Betrieb: technische Schwierigkeiten.

Digitaler Wagenstandsanzeiger

Es ist eines der Hauptärgernisse für Reisende: Eine Platzkarte für die lange Reise gekauft, Warteposition im empfohlenen Bereich auf dem Bahnsteig bezogen und dann die Durchsage, dass der Zug in "geänderter Wagenreihung" einfährt. Hektik auf dem Bahnsteig setzt ein. Die Bahn hat nun offenbar eine Lösung für das Problem gefunden. Sensoren ermitteln gleich bei der Ausfahrt des Zugs aus der Wartungswerkstatt die tatsächliche Wagenreihung. Das Ergebnis bekommen die Reisenden über die HandyApp DB Navigator und auf elektronischen Anzeigetafeln auf dem Bahnsteig zu sehen. Der Prototyp der neuen Anzeigetafel, die die Papieraushänge schrittweise ersetzen soll, steht auf dem Fernbahnsteig in Südkreuz

Neuer Wartebereich

Am Südkreuz erprobt die Bahn auch neue Wartebereiche für die Reisenden in der Westhalle des Bahnhofs sowie auf dem Bahnsteig am Gleis 3/4. Neue Materialien etwa für die Sitzflächen sollen das Warten komfortabler machen. Zwischen den Sitzen befinden sich USB-Anschlüsse zum Aufladen von Smartphones und Tablets. Der Protoyp am Gleis ist zudem mit einer Ladeschale fürs induktive Aufladen von Samsung-Handys ausgestattet. Die Bahn plant schrittweise alle großen Bahnhöfe mit den neuen Sitzmöbeln auszurüsten.

Fahrradbox

Hunderte Pendler schließen täglich ihr Fahrrad am Südkreuz an und riskieren, dass es gestohlen wird. Die sogenannte "Fahrradhostels" des Start-ups Velo Easy sollen das verhindern. Die kreisrunde Box auf dem Hildegard-Knef-Platz bietet Platz für zehn Fahrräder. In den abschließbaren Fächern wird das Rad an einen Haken gehängt und senkrecht in die Höhe gezogen. Auch Platz für Helm oder kleines Gepäck ist vorhanden. Geöffnet und geschlossen wird die Box über eine App. Pro Tag kostet das Angebot höchstens einen Euro. Velo Easy hat seine "Fahrradhostels" an drei anderen Bahnhöfen aufgestellt. Am Südkreuz geht das Geschäft nach Unternehmensangaben bisher am besten. Die Finanzierung läuft privat, die Bahn stellt lediglich die Fläche zur Verfügung.

Stromerzeugung

Schlechtes Wetter führt bei der Bahn nicht nur zu Verspätungen, am Südkreuz sinkt auch die Stromerzeugung. Seit zwei Jahren liefert eine bewegliche Solaranlage Strom. Der sogenannte Solar Mover richtet sich nach dem Stand der Sonne und erzeugt so nach Bahn-Angaben 30 Prozent mehr Energie als eine gewöhnliche Anlage. Auf dem Dach wurden zudem zwei Windräder installiert. Weitere sind geplant. Ziel ist den Bahnhof eines Tages autark mit Strom zu erzeugen Das klingt mehr als ambitioniert. Solar Mover und Windräder kommen zusammen nicht mal auf 0,5 Prozent der benötigten Energie.

DB Bahnhofsbox

Tasche oder Koffer in einem Fach am Bahnhof zu deponieren war gestern. Moderne Schließfächer können mehr wie die DB BahnhofsBox am Bahnhof Südkreuz beweisen soll. Die Bahn spricht von "intelligenten Schließfächern". Am Bahnhof Südkreuz können beispielsweise Lebensmittel abgeholt werden, die der Bahnkunde zuvor online gekauft hat - auch am späten Abend, wenn der Supermarkt nebenan schon längst geschlossen ist. Für leicht verderbliche Ware gibt es Schließfächer mit Kühlung. Durch die Kooperation mit Partnern ist auch das Abliefern von schmutziger Wäsche oder das Mieten eines Autos möglich. Geöffnet werden die Fächer mit einem QRCode und einer mehrstelligen Zahlen-Kombination, die der Fahrgast auf sein Smartphone gesendet bekommt.

E-Mobily-Station

Die Mobilität der Zukunft ist elektrisch - nicht nur auf der Schiene, auch auf der Straße. Am Rand des westlichen Bahnhofsvorplatzes Hildegard-Knef-Platz hat die Bahn dafür eine E-Mobility-Station eingerichtet. Dort gibt es eine "Strom-Tankstelle" für Privat-Pkw (vier Stellplätze) sowie für bis zu sechs elektrisch angetriebene Mietwagen der Bahntochter Flinkster. Auch E-Mieträder können dort "aufgetankt" werden. Der Strom dafür wird von einer Photovoltaikanlage und den Windrädern auf dem Bahnhofsdach umweltfreundlich erzeugt. Gleich nebenan ist die Haltestelle für Berlins erste E-Buslinie 204 seit (August 2014). Die vier Batteriebusse der BVG werden dort induktiv, also ohne Stromabnehmer, aufgeladen. Gebaut wurde die Anlage von der Bahntochter DB Energie.

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