So kommen Sie gut durch die kalte Jahreszeit in Berlin. Wir stellen vor, was bei den Indoor-Sportarten jetzt im Trend liegt

Die neuen Stars im Fitness-Studio

Bauch-Beine-Po beim „Workout“-Kurs mit der amerikanischen Schauspielerin Kate Hudson, Hüpfen wie ein Känguru mit Sprungfeder-Schuhen oder auf dem Cycling-Bike an imaginären Landschaften vorbeifahren: In den Studios wird trainiert und immer mehr auf Unterhaltung geachtet

Draußen auf der Prenzlauer Allee ist es trüb und nass, drinnen turnt US-Schauspielerin Kate Hudson mit eisernem Lächeln auf einer Gymnastikmatte, neben ihr lockt ein glitzernder Pool, hinter ihr der Strand von Malibu. Ja, richtig gelesen. Kate Hudson gibt hier, im Fitnessstudio an der Saarbrücker Straße im Prenzlauer Berg, einen „Body Workout“-Kurs. Vor ihr sechs Menschen auf Matten, die versuchen, mit Kates Verrenkungen Schritt zu halten.

Leider kann ihre Trainerin sie bei falsch ausgeführten Übungen nicht verbessern, sie nicht „hands-on“ trainieren, wie das auf Neusportdeutsch heißt. Denn Kate ist lediglich auf dem großen Bildschirm an der Wand zu sehen, in dem kleinen Kursraum herrscht Home-Kino-Atmosphäre. Cyberobics heißt das Ganze und ist überhaupt das neue Ding in den Fitnessstudios.

„Es reicht nicht mehr, einfach nur Sport zu machen“, bringt es Pierre Geisensetter, Sprecher des Fitnessriesen McFit, auf den Punkt. „Heutzutage muss man mehr bieten, das geht Richtung Entertainment. Gerade bei so einem grauen Berliner Wetter.“ Und es scheint zu klappen.

Zwar lächeln die Teilnehmer nicht so gekonnt wie ihre Trainerin, aber entertained wirken sie trotzdem. „Ich bin jedes Mal völlig fertig und habe Muskelkater“, keucht Katharina, schweißüberströmt nach einer halben Stunde „Malibu Beach Body Workout“. „Aber ich kenne niemanden, dem das nicht Spaß macht.“ Die 20-Jährige aus Lichtenberg besucht drei, vier Cyberobics-Kurse die Woche, seit das Studio im April dieses Jahres mit der Kursreihe begonnen hat.

Aber ob das nicht komisch sei, vor jemandem zu sporteln, der eigentlich gar nicht da ist? Nein, für Katharina eher ein Vorteil. „Mit einem ,echten‘ Trainer fühle ich mich oft beobachtet. Aber hier guckt mich keiner schief an, wenn ich was falsch mache.“ Und die Motivation sei eine ganz andere. „Wenn Kate Hudson schreit: ,Ach komm, los, Du schaffst das, Du willst doch einen geilen Sommerbody haben!‘, dann pusht uns das total.“ Ja, motivieren, das können die Amerikaner, meint auch Geisensetter. Anfangs haben sie es mit deutschen Trainern versucht. Der Funke wollte nicht überspringen.

Was sie allerdings störe, sagt Katharina, sei die Eintönigkeit. Nach sechs Kursen mit Kate Hudson am Strand wolle sie weitergehen, der Clip sei aber immer derselbe. Doch „Body Workout“ 2 und 3 seien bereits in Planung, verspricht Geisensetter. Etwa 30 verschiedene Kurse gibt es bisher, nicht nur mit Kate Hudson. Man kann sich auch von Barbara Becker schinden lassen oder von David Kirsch, dem „Fitnesstrainer der Stars“.

Kindheitserinnerungen werden wach

Und als besonderes Gimmick für Abenteuerlustige: Die „Valley of Fire Cycling Challenge“, die Kindheitserinnerungen an Flugsimulatoren in Freizeitparks aufleben lässt. Auf einem Cycling-Bike radelnd sieht man die Landschaft an sich vorbeiziehen, maximal „immersiv“, wie man es bei McFit gern aus dem Englischen entlehnt. „Immersion“, das bedeutet „Verschmelzung“, und für Geisensetter sind diese Cyberobics-Kurse denn auch nicht weniger als ein „Kurzurlaub mit Fitnessgarantie“.

Wer es eher einen Gang langsamer mag, der sollte mal einen Gyrokinesis-Kurs besuchen. Ein kleiner Geheimtipp, denn diese Mischung aus Tanz, Yoga und Gymnastik gibt es schon länger, ist aber erstaunlich unbekannt. Dabei trifft es genau den Nerv unserer Zeit, in der das Wort „Entschleunigung“ in aller Munde ist. Das weiß auch Sebastian Braun, Professor für Sportsoziologie an der Humboldt-Universität. „Das sogenannte Well-Being, die individuelle Gesundheit sind heutzutage ein treibendes Motiv beim Sport“, so Braun. „Und hier wird eben großer Wert auf Entschleunigung gelegt.“

Kreisende Bewegungen lockern Muskelschichten

Da bildet die Gyrokinesis einen optimalen Gegenpart zu unserem schnellen Lebensstil. „Das ist vor allem gut für Leute, die viel sitzen“, empfiehlt Trainerin Esther Bohnhardt. Scheint zunächst paradox, denn auch viele Gyrokinesis-Übungen werden im Sitzen ausgeführt. Wer bei dem Begriff gleich an Gyros denkt, liegt so falsch übrigens nicht. Das griechische „Gyros“ bedeutet so viel wie Kreisel, und mit kreisenden, spiralförmigen Bewegungen werden hier tiefliegende Muskelschichten gelockert und trainiert. „Zu mir kommen auch viele Tänzer, die einen Ausgleich suchen“, so Bohnhardt. Und für Menschen mit Rückenproblemen sei das Haltungstraining ebenfalls sehr geeignet.

Allerdings sollte man Geduld mitbringen, rät die Trainerin. „Ohne Bewegungserfahrung muss erst einmal viel Koordination erlernt werden.“

So gänzlich ohne Bewegungserfahrung hat man es vermutlich bei den meisten Sportarten schwer, allerdings sind uns manche Reflexe auch einfach angeboren, davon ist Björn Wiebe überzeugt. Wiebe unterrichtet Krav Maga, eine israelische Selbstverteidigungsmethode, die hierzulande momentan geradezu explodiert. „Angefangen haben wir vor vier Jahren mit einem Schüler, mittlerweile haben wir zehn Standorte in Berlin“, so der Trainer. Er selbst lernte vorher viele klassische Kampfsportarten, doch irgendwann kamen ihm Zweifel. Würde das im Notfall wirklich funktionieren? Er recherchierte und stieß auf Krav Maga, zu Deutsch „Kontaktkampf“, das erstmals in den 30er-Jahren von dem in Pressburg aufgewachsenen Imrich Lichtenfeld gelehrt wurde, um die dort lebenden Juden vor antisemitischen Übergriffen zu schützen. Später entwickelte Lichtenfeld die Technik weiter, für israelische Spezialeinheiten ebenso wie für Zivilisten. „Mir gefiel vor allem, dass nicht die Rede von einer ,Kampfsportart‘ war“, erzählt Wiebe. „Das bedeutet nämlich, dass wir uns nicht an sportlichen Regeln orientieren, sondern sogenannte Dirty-Fight-Techniken anwenden.“ Das können Tritte zwischen die Beine sein, Fingerstiche in die Augen, Faustschläge Richtung Kehlkopf.

Das klingt brutal, aber im Notfall ist einem mit Fairness nicht geholfen, das lernen die Krav Maga-Schüler in jeder Stunde. Nach der Begrüßung und einigen Aufwärmübungen wie Liegestütze oder Sit-ups geht es ans Herz jedes Kurses: den Selbstverteidigungstechniken. „Stellt Euch vor, jemand würgt Euch von vorn“, sagt Wiebe zu seinen Schülern, während er einem von ihnen die Hände um den Hals legt.

Schnell handeln – sonst kann man ohnmächtig werden

Dann werden die Rollen getauscht und Wiebe zeigt, wie man sich aus einer solchen Situation befreien kann. „Passt auf, Ihr habt jetzt maximal acht Sekunden Zeit, dann werdet Ihr ohnmächtig. Ihr müsst also schnell handeln.“ Er formt die Hände zu zwei Haken, zieht die Arme des „Angreifers“ rechts und links nach außen und zielt mit dem Knie zwischen dessen Beine. Dann folgen sofort zwei Schläge ins Gesicht. „Da sollte der Angreifer zunächst einsacken. Und Ihr geht sofort auf Abstand.“ Die Schüler sind beeindruckt. Im letzten Teil der Stunde schlagen sie sich gegenseitig in Dreiergruppen, allerdings auf vor den Körper gehaltene Schlagpolster.

Einer schlägt und tritt zwei, drei Minuten wie wild drauflos, und als er richtig erschöpft ist, fängt die dritte Person an, so zu tun, als würge sie ihn. „Das ist eine sehr wichtige Übung, sie simuliert körperlichen und psychischen Stress“, erklärt Wiebe. „Selbstverteidigung muss man in Stresssituationen trainieren, sonst wird man nicht fit für die Straße.“

Das klingt alles hart, aber die Menschen haben sichtlich Spaß bei der Sache, powern sich so richtig aus. Dass Krav Maga sich eines so regen Zulaufes erfreut, ist für Björn Wiebe auch ein Großstadtphänomen. „Wir haben in Berlin jährlich über 2500 Fälle von Messerattacken oder Bedrohungen, das bekommen die Leute natürlich mit.“ Da wachse der Wunsch, sich und andere im Notfall effektiv verteidigen zu können. Und neben steigender Fitness berichteten ihm viele seiner Schüler auch von einem positiven Effekt auf den Alltag. „Wir lernen hier, auf Angreifer offensiv zuzugehen. Viele unsichere Menschen übertragen das dann etwa auf ihren Job, lernen, sich aktiv durchzusetzen.“

Wem trotz aller Gefahrensituationen der Sportsinn eher nach Spaß steht, für den sind die „Kangoo Jumps“ vielleicht das Richtige. Die klobigen Schuhe mit dem Sprungfedersystem sehen zwar gewöhnungsbedürftig aus, springen kann man darauf aber fast wie ein Känguru. „Gesprungen sind wir schon als Kinder gerne, das löst Glücksgefühle aus“, weiß Marcus Jungnickel, der die Kangoo Jumps in Deutschland vertreibt. Der Schuh an sich ähnelt stark einem Snowboardschuh, doch das darunter angebrachte Federungssystem aus zwei mit einem Gummiband verbundenen Sprungbögen reduziert den Aufprall um etwa 80 Prozent und ermöglicht damit gelenkschonendes Training.

In Leipzig werden immer mehr Kangoo Jumps-Kurse angeboten, in Berlin bisher noch nicht. Da bleibt nur, sich den Schuh selbst zu besorgen und allein zu Hause zu hüpfen. Oder über das Tempelhofer Feld. Da sollen ja schon viele Avantgardisten neue Sportarten begründet haben.

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