Prozess

Rumänischer Junge sollte 400 Euro am Tag in Berlin klauen

Ein rumänisches Ehepaar soll die eigenen Kinder zum Taschendiebstahl nach Berlin geschickt haben. Prozessauftakt im Landgericht.

Leonard C. (r.) und Cristina T. halten sich im Landgericht Sichtblenden vor ihren Gesichter

Leonard C. (r.) und Cristina T. halten sich im Landgericht Sichtblenden vor ihren Gesichter

Foto: Paul Zinken / dpa

Die Kinder müssen für den Lebensunterhalt der Familie sorgen, entschied ein rumänisches Ehepaar vor drei Jahren und schickte seine 12 und 16 Jahre alten Söhne nach Berlin. Ein halbes Jahr lang gingen die beiden Jungen hier ihrem erlernten Gewerbe als Taschendiebe nach, dann zog die Polizei das Duo und weitere Komplizen aus dem Verkehr. Inzwischen sind auch die Eltern der jungen Diebe in Berlin, nachdem sie im April dieses Jahres in Rumänien festgenommen und zwei Wochen später nach Deutschland ausgeliefert wurden. Seit Donnerstag stehen Leonard C. (37) und Cristina T. (35) in Moabit vor Gericht.

Dritter Prozess dieser Art in Berlin

Die Staatsanwaltschaft wirft den Eheleuten vor, die Diebestouren der jungen Täter von ihrer Heimat aus organisiert und gesteuert zu haben. Ihr Prozess vor einer Großen Strafkammer des Landgerichts ist der dritte dieser Art in Berlin innerhalb kurzer Zeit. Dass das Ehepaar überhaupt vor Gericht gestellt werden konnte, verdankt die Berliner Justiz dem bislang größten europaweit geführten Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem organisierten Taschendiebstahl. Und sie verdankt es auch der zunehmend intensiveren Zusammenarbeit zwischen deutschen und rumänischen Polizeibehörden.

Bei Ermittlungen zu Drahtziehern und Hintermännern des organisierten Taschendiebstahls führen die Spuren regelmäßig in die rumänische Stadt Iasi (Gesprochen: Jasch). Dort wird ein Großteil der aus Rumänien stammenden Taschendiebe ausgebildet, von dort werden sie in die westeuropäischen Metropolen geschickt. Und von dort werden die Beutezüge auch gesteuert.

Mit massiven Drohungen auf Beutezug geschickt

Im Fall der Eheleute C. und T. sah das nach Überzeugung der Ermittler so aus, dass sie die problemlose Einreise ihrer minderjährigen Söhne nach Deutschland organisierten, für ihre Unterbringung in Berlin sorgten. Darüber hinaus hielten sie täglich telefonischen Kontakt und drängten die Jungen zum Teil mit massiven Drohungen immer aufs Neue zu den Taten und noch mehr Anstrengungen. „Mach 400!“, sollen Vater und Mutter regelmäßig gefordert und so das Tagessoll von 400 Euro vorgegeben haben. Und schließlich sorgten die Angeklagten nach dem Ergebnis der intensiven Ermittlungen auch dafür, dass die Tageseinnahmen regelmäßig telegrafisch nach Rumänien überwiesen wurden. Zu ihren Aufgaben soll es zudem auch gehört haben, bei Bedarf rasche Ortswechsel der Täter zu organisieren, wenn sie in einer Stadt zu häufig aufgefallen waren.

Kinder hatten nicht immer den gewünschten Erfolg

Die Söhne bemühten sich nach Kräften, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen, das jedoch nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. 34 Taten führt die Anklage auf, in 18 Fällen blieb es beim Versuch. Die bevorzugte Masche: Auf Rolltreppen in Bahnhöfen näherte sich ein Täter dem ausgewählten Opfer, der Komplize drückte den Nothalteknopf und der Zugriff erfolgte, wenn das Opfer durch den abrupten Stopp abgelenkt war. Viele Geschädigte waren dabei Touristen.

19 Verhandlungstage hat das Gericht eingeplant. Es könnte aber auch schneller gehen, alle Seiten deuteten ihre Bereitschaft zu einer Verständigung an, Strafrabatt gegen Geständnis. Am ersten Verhandlungstag zogen es die Angeklagten zunächst vor, zu schweigen.

Der Prozess wird am 18. November fortgesetzt.