Serie Berlin 2021

Das Thema Gesundheit muss in alle Politikfelder eindringen

Michael Ewers, Experte für Public Health, fordert lokale Gesundheitszentren in Berlins Kiezen. Der 14. und letzte Teil unserer Serie.

Berlins Gesundheitssektor ist im Wandel

Berlins Gesundheitssektor ist im Wandel

Foto: Picture Alliance/Sascha Steinach 81372814

Serie Letzter Teil In Berlin laufen Koalitionsverhandlungen. Die Stadt steht vor großen Herausforderungen. Was muss sich ändern? Experten stellen in der Berliner Morgenpost ihre Konzepte für Berlin 2021 vor: von der Verwaltung über die innere Sicherheit bis zur Bildung. Diesmal: Michael Ewers, Experte für Public Health.

Berlin ist eine heterogene Stadt. Gesundheitschancen und Gesundheits­risiken sind sehr ungleich verteilt. In einigen Stadtteilen leben viele alte Menschen mit hoher Krankheitslast und Pflegebedürftigkeit. In anderen gibt es viele junge Menschen und einen hohen Migrantenanteil. Die Unterschiede sind beachtlich und die Ungleichheit wächst. Wir wissen heute: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der sozialen Situation der Bevölkerung, ihrem Bildungsstand und ihrer Gesundheit. Dem müssen wir mit mehr Information, Prävention und einem niederschwelligen Zugang zur allgemeinen Gesundheitsversorgung begegnen.

Berlin 2021 - alle Teile der Morgenpost-Serie

Wir leben in einer älter werdenden Gesellschaft. Nahezu jeder vierte Berliner wird 2030 über 65 Jahre alt sein. Besonders stark wächst die Zahl der Menschen im Alter von 80 und mehr Jahren. Alte Menschen, zumal wenn sie arm sind, haben oft nicht nur körperliche, sondern auch mentale Probleme und wenig soziale Kontakte. Dieser Zusammenhang wird oft übersehen. Ein Arztbesuch oder ein Medikament allein helfen da wenig. Vielmehr müssen gesundheitliche und soziale Hilfen eng miteinander verzahnt werden. Das erfordert auch vom Gesundheitssystem ein Umdenken.

Gesundheitszentren könnten verschiedene Angebote in den Kiezen vereinen

Heute arbeiten Ärzte, Apotheker, Pflegende, Therapeuten und Sozialarbeiter eher nebeneinander her. Die Patienten oder ihre Angehörigen müssen dann aus diesem Puzzle ein Ganzes machen. Sinnvoller wären Gesundheitszentren im Kiez, in denen diese Berufe miteinander unter einem Dach arbeiten. Solche multiprofessionellen lokalen Zentren sind in anderen Ländern weit verbreitet. Sie kümmern sich umfassend um Menschen jeden Alters. Neben der Krankenbehandlung geben sie auch Kurse zur gesunden Ernährung, bieten Selbsthilfegruppen oder einen gemeinsamen Mittagstisch an. So sollen gesundheitliche und soziale Probleme gemildert oder verhindert werden. Die Menschen bekommen umfassende Unterstützung, ohne ständig von A nach B laufen zu müssen.

In Deutschland gibt es solche Zentren noch nicht. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat empfohlen, sie einzurichten. Und die Robert-Bosch-Stiftung fördert die Entstehung von multiprofessionellen kommunalen Gesundheitszentren. Aus Berlin nimmt das Gesundheitskollektiv mit einem Projekt für das Rollbergviertel in Neukölln an dem Wettbewerb teil. Eine Landesregierung kann die Vernetzung von Gesundheits- und Sozialdiensten unter einem Dach nicht per Gesetz verordnen, aber sie kann Impulse setzen. Ob der künftige Senat diese politischen Signale senden wird, ist offen.

Mehr Pflegekräfte an Hochschulen ausbilden

Wie wichtig das wäre, zeigt sich auch an anderer Stelle. Berlin ist im Krankenhausbereich sehr gut ausgestattet. Die Krankenhäuser und besonders die Notaufnahmen werden aber immer öfter von Patienten in Anspruch genommen, die besser in der Allgemeinversorgung aufgehoben wären. Manchmal wissen sie schlicht nicht, wer ihnen wann womit helfen kann. Dann ist es einfacher, die nächste Rettungsstelle aufzusuchen. Durch eine wohnortnahe Grundversorgung – medizinisch, pflegerisch, therapeutisch, pharmazeutisch – könnte dem begegnet werden.

Zudem ließe sich die Fehlnutzung der teuren Krankenhäuser verhindern. In der schwedischen Stadt Malmö wurden multiprofessionelle Teams eingerichtet. Sie unterstützen Menschen in gesundheitlichen Krisensituationen. Sie bemühen sich um eine niederschwellige Versorgung und die Vermeidung von Krankenhauskontakten.

Berliner Politiker folgen oft einem klassischen, arztzentrierten Verständnis vom Gesundheitswesen. Gestritten wird meist über mehr Ärzte oder die Verteilung von Facharztpraxen in der Stadt. Damit lässt Berlin eine wichtige Zukunftsoption außer Acht. Denn viele Gesundheitsprobleme werden international bereits durch Pflegende beantwortet, die an Hochschulen ausgebildet werden. Sie übernehmen Aufgaben in der Prävention, der Information, der langfristigen Begleitung und der allgemeinen Gesundheitsversorgung.

Dabei arbeiten sie eng mit Familienärzten und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Damit das gelingen kann, muss sich aber auch die Ausbildung verändern. In diesem Bereich ist Berlin derzeit Schlusslicht.

Andere Bundesländer sind schon deutlich weiter

Der Wissenschaftsrat hat 2012 eine Empfehlung ausgesprochen, dass zehn bis 20 Prozent der Auszubildenden eines Jahrgangs in den Pflege- und Therapieberufen künftig studieren sollen. Das soll sie besser auf ihre anspruchsvolleren Aufgaben vorbereiten. In Berlin müsste es demnach 150 bis 300 Studienplätze allein für Studienanfänger in der Pflege geben. Tatsächlich sind es gerade einmal 35 Plätze an einer kirchlichen Hochschule.

Die Charité will 60 weitere Studienplätze einrichten. Das könnte frühestens 2018 der Fall sein – sofern sich der Senat entscheidet, sie zu finanzieren. Andere Bundesländer sind deutlich weiter und engagieren sich bereits aktiv für eine bessere Ausbildung der Gesundheitsprofessionen – nicht allein der Medizin.

Berlin investiert viel in die bio­medizinische Hochleistungsforschung. Das soll helfen, Krankheiten künftig besser zu heilen. Aber die Politik muss mehr leisten und auch anderes fördern. Sie muss die Bürger unterstützen, selbst mehr für sich und ihre Gesundheit zu tun. Oft fehlt es ihnen aber an der dafür erforderlichen Gesundheitskompetenz. Das beginnt bereits beim Lesen der Angaben auf einem Frucht­joghurt. Gesundheitskompetenz wird aber auch gebraucht, um Informationen auf dem Beipackzettel von Medikamenten zu verstehen.

Jeder zweite Bürger über 65 Jahren hat Schwierigkeiten damit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen und für sich zu nutzen. Eine Expertengruppe auf Bundesebene will das ändern und entwickelt derzeit einen Nationalen Aktionsplan. Das Vorhaben wird von der Bundesregierung unterstützt. Es bleibt abzuwarten, ob Berlin dies ebenfalls tun wird.

Auch in der Infrastruktur muss sich etwas tun

Es reicht nicht aus, Berlin als Standort der Gesundheitswirtschaft zu vermarkten. Das Thema Gesundheit muss in alle Politikbereiche eindringen. Bereits bei der Infrastrukturplanung müssen alte Menschen und solche mit Gesundheitsproblemen mitgedacht werden. Es geht zum Beispiel um die Frage, wie alten- und krankengerecht unsere Wohnungen, unsere Kieze und unser Verkehrssystem sind. Denken wir nur an die vielen defekten Aufzüge auf S- und U-Bahnhöfen. Wir leiden alle darunter, dass das Alltägliche in unserer Stadt oft nicht funktioniert. Umso mehr gilt das für alte, kranke und behinderte Menschen. Noch wird in Berlin zu wenig kreativ gedacht. Politik darf nicht nur verwalten, sie muss überkommene Strukturen aufbrechen. Es braucht Visionen und gute Konzepte für eine gesunde Stadt von morgen.

Das alles muss nicht mehr kosten. Die Mittel müssen nur vernünftiger eingesetzt werden. Und wir müssen die Vernetzung der verschiedenen Initiativen im Gesundheitswesen verbessern. Als Patient ist man ja heute schon froh, wenn Röntgenbilder zwischen Ärzten ausgetauscht werden. Ich bin es leid, von einer Praxis zur anderen zu rennen und selbst dafür zu sorgen, dass Informationen weitergeleitet werden. Ein lokales Gesundheitszentrum mit einem multiprofessionellen Team in meinem Kiez: Das ist eine gute Zukunftsvision.

(aufgezeichnet von Andreas Abel)

Zur Person: Prof. Michael Ewers

Tätigkeit Prof. Dr. Michael Ewers leitet seit 2012 das Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Charité.

Werdegang Der 52-Jährige studierte unter anderem Religionspädagogik und Philosophie, von 1994 bis 1996 dann Gesundheitswissenschaften/Public Health an der TU Berlin. Ewers war zunächst bei der Aids-Hilfe tätig, 2009 wurde er Universitätsprofessor für Gesundheitswissenschaften an der Charité.

Die Praktiker

Facharzt: „Vom neuen Senator erwarte ich Augenmaß und Respekt“

Klaus Thierse ist Orthopäde in Frohnau. Er erhofft sich vom neuen Senator oder der neuen Senatorin für Gesundheit, dass er oder sie den Ärzten mit Augenmaß und Respekt gegenübertritt. Thierse fordert eine neue Entgeltordnung für niedergelassene Ärzte, dafür solle Berlin sich auf Bundesebene einsetzen. Ein weiterer Punkt sei die Rechtsaufsicht. Der künftige Senat müsse besser auf Fehlentwicklungen reagieren, etwa wenn Krankenkassen oder deren medizinischer Dienst Patienten Leistungen vorenthalten, die ihnen nach dem Gesetz zustehen. Zudem müsse die flächendeckende ambulante Versorgung gesichert werden. Das Durchschnittsalter der niedergelassenen Ärzte liege in Berlin bei 56 Jahren.

Die Klinikkonzern-Chefin: Senat muss Geld für Sanierungen bereitstellen

„Um die hohe Qualität der Versorgung auch in Zukunft gewährleisten zu können, müssen die Krankenhäuser auskömmlich finanziert werden“, sagt An­drea Grebe, Chefin des Klinikkonzerns Vivantes. Dazu seien aufgrund des erheblichen Investitionsstaus in Berlin neben der bereits erhöhten Investitionspauschale zusätzliche Mittel für Einzelprojekte wie die Sanierung des Klinikums Neukölln vom Land dringend erforderlich. Für die Sanierung des Maximalversorgers würden für die erste Bauphase 150 Millionen Euro benötigt. „Vivantes ist einer der wichtigsten Anbieter von kardiologischer Versorgung der Stadt. Diese Leistungen müssen bei der Neuordnung der Herzmedizin in Berlin angemessen berücksichtigt werden“, fordert Grebe ebenfalls.

Der Krankenpfleger: Mehr Personal für die Berliner Krankenhäuser

Als erstes müsse der künftige Senat dafür sorgen, dass die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in den Berliner Gesundheitseinrichtungen verbessert werden können, sagte Carsten Becker, Krankenpfleger und Verdi-Betriebsgruppensprecher an der Charité. Dazu gehörten Ausbildungsqualität, Weiterbildungsmaßnahmen sowie die Personalbesetzung. Zudem solle die Landesregierung ein Konzept für eine sinnvolle Infrastruktur von stationärer und ambulanter Patientenversorgung erarbeiten. Immerhin lägen mehr als 50 Prozent der stationären Krankenversorgung in Berlin in den Händen der Stadt, erklärte Becker. Und schließlich sollten alle Ausgründungen und Bildung von Tochtergesellschaften an Vivantes und Charité rückabgewickelt werden.

Weitere Teile der Serie:

Alle Teile der Serie finden Sie hier