Sexueller Missbrauch

Krankenkassen sollen Therapien für Pädophile bezahlen

Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ an der Charité ist langfristig gesichert. 117 Männer haben bereits eine Therapie abgeschlossen.

Das international renommierte Projekt „Dunkelfeld“ zur Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs und das damit verbundene Netzwerk „Kein Täter werden“ sind offenbar langfristig finanziell gesichert. Die Große Koalition plane eine Gesetzesänderung, um vorbeugende Therapien für Männer mit pädophilen Neigungen für fünf Jahre als Modellvorhaben über die Krankenkassen zu finanzieren. Das berichtete Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, am Dienstag vor Journalisten. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung werde beauftragt, dafür Geld zur Verfügung zu stellen. Bis Jahresende solle der Antrag in Bundestag und Bundesrat diskutiert werden. Werde er beschlossen, könne das geänderte Gesetz schon zum 1. Januar 2017 in Kraft treten, so Stroppe.

Wie Pädophile ihre Krankheit empfinden

Nach seinen Angaben sollen pro Jahr fünf Millionen Euro für Diagnostik, Therapien und wissenschaftliche Begleitung an „Kein Täter werden“ fließen. In dieser Zeit solle das Projekt weiter erprobt und seine Wirksamkeit begutachtet werden. Ziel sei, die Leistungen nach den fünf Jahren in das Regelangebot der gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen. Bislang standen dem Präventionsprojekt rund 1,4 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung.

Das Präventionsprojekt „Dunkelfeld“ wurde 2005 am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité ins Leben gerufen. Es bietet ein kostenloses Behandlungsangebot für Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und verhindern wollen, dass sie ihre pädophilen Fantasien in die Tat umsetzen. Dazu zählen sexueller Kindesmissbrauch ebenso wie die Nutzung von Missbrauchsabbildungen („Kinderpornographie“). Deshalb nehmen sie freiwillig das Angebot therapeutischer Hilfe an. Die Betroffenen sind fast ausschließlich Männer.

Netzwerk arbeitet nach einheitlichen Qualitätsstandards

2011 wurde dann das Netzwerk „Kein Täter werden“ gegründet, das vom Charité-Institut koordiniert wird. Inzwischen gehören elf Standorte in elf Bundesländern zum Netzwerk, die nach einheitlichen Qualitätsstandards arbeiten. So müssen die Therapeuten über spezielle Kenntnisse in der Diagnostik und Therapie sexueller Störungen verfügen, die Therapieangebote sind einheitlich.

In den elf Jahren seines Bestehens hätten sich rund 2500 Männer bei „Dunkelfeld“ an der Charité gemeldet, berichtete Professor Klaus Beier, Leiter des Instituts für Sexualmedizin am Universitätsklinikum. Für etwa 1000 sei eine Diagnostik vorgenommen worden, 500 Männern habe ein Therapieangebot gemacht werden können. 239 Betroffene hätten eine Therapie begonnen und 117 bereits abgeschlossen.

„Der beste Opferschutz, den man sich vorstellen kann“

Nach Angaben von „Kein Täter werden“ haben sich bundesweit seit 2011 mehr als 7000 Menschen hilfesuchend an das Netzwerk gewendet. Mehr als 1200 waren für ein Therapieangebot geeignet, gut die Hälfte hat seitdem eine Therapie begonnen. 251 Teilnehmer haben die Therapie erfolgreich abgeschlossen, weitere 265 befinden sich aktuell in Behandlung. 140 Teilnehmer brachen die Therapie ab. Pädophilie ist nicht heil- aber behandelbar. Im Präventionsprojekt lernen die Teilnehmer, über Verhaltenstherapie ihre Impulse zu kontrollieren. Das wird in der Regel durch Medikamente unterstützt.

Wie Professor Beier sagte, hätten nur 15 Prozent der Teilnehmer an den Therapien zuvor weder einen sexuellen Missbrauch begangen noch entsprechende Abbildungen angeschaut. 30 Prozent dagegen hätten beides getan. Bei einer Kontrolluntersuchung ein Jahr nach Abschluss der Therapie hätten von 53 Befragten fünf einen Rückfall eingeräumt. Nach fünf Jahren wurde bei 23 Befragten kein einziger registriert. „Es ist der beste Opferschutz, den man sich vorstellen kann“, sagte am Montag Christiane Wirtz, Staatssekretärin im Bundesjustizministerium.