Serie Berlin 2021

Berlin sollte sich das Gymnasium als Schulart erhalten

Bildungsforscher Dieter Lenzen spricht sich für eine vielfältige Schullandschaft aus. Der elfte Teil unserer Serie.

Kinder in einer Schulklasse

Kinder in einer Schulklasse

Foto: Westend61 / Getty Images

In Berlin laufen Koalitionsverhandlungen. Die Stadt steht vor großen Herausforderungen. Was muss sich ändern? Experten stellen in der Berliner Morgenpost ihre Konzepte für Berlin 2021 vor: von der Verwaltung über die innere Sicherheit, die Wirtschaft bis zur Bildung. Diesmal: Bildungsforscher Dieter Lenzen über die Berliner Schullandschaft.

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Die Berliner Schulen sind sanierungsbedürftig, es fehlt an ausreichend Fachkräften. An den Hochschulen der Hauptstadt sieht es kaum anders aus. Dabei sind die Herausforderungen groß: Die Schülerzahlen wachsen stärker als angenommen, hinzu kommen viele Flüchtlingskinder. Regina Köhler sprach mit Professor Dieter Lenzen, Bildungsforscher und Präsident der Universität Hamburg, über die Aufgaben, denen der künftige Berliner Senat im Bildungsbereich gegenübersteht.

Herr Professor Lenzen, gibt es eine zentrale Aufgabe im Bildungsbereich?

Dieter Lenzen: Das ist auf jeden Fall die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingen in das Bildungssystem. Die Kinder und Jugendlichen dürfen nicht in eine Parallelgesellschaft abdriften, deshalb ist es wichtig, dass sie so schnell wie möglich einen Schul- oder Ausbildungsplatz bekommen.

Berlin hat bereits mehr als 1000 Willkommensklassen eingerichtet, in denen Flüchtlingskinder Deutsch lernen sollen. Ist das der richtige Weg?

Auch wenn es schwer ist, genügend Sprachlehrer zu finden, dieser Weg ist alternativlos. Integration erfolgt vor allem über die Sprache und über die Einbeziehung der Flüchtlinge in unsere Alltagskultur, wozu beispielsweise das gemeinsame Essen in der Schule gehört. Eine besondere Heraus­forderung sind die vielen unbegleiteten jungen Männer, die nach Berlin gekommen sind. Sie sind oft noch schulpflichtig. Diese Jugend­lichen sollten nicht an bestimmten Orten konzentriert, sondern auf möglichst viele Schulen verteilt werden.

Studien wie Pisa zeigen allerdings immer wieder, dass es nicht gelingt, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Familien entsprechend ihren Kompetenzen unabhängig von ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft zu fördern. Was ist zu tun?

Wir haben hierzulande nach wie vor das Problem, dass ein hoher Prozentsatz an Schülern im internationalen Vergleich sehr niedrige Leistungen erzielt. Den Schülern fehlt es an den Grundkompetenzen in Lesen, Mathematik oder Naturwissenschaften. Das wirkt sich negativ auf ihre Chancen für die Zukunft aus, da sie den Anforderungen einer Wissensgesellschaft kaum gerecht werden können. Um das zu ändern, muss in der Kita angefangen werden. Kitas müssen Bildungseinrichtungen sein und die Eltern ein Recht darauf haben, einen Kitaplatz in Wohnortnähe zu bekommen. Für Flüchtlingskinder sollte es sogar eine Kita-Pflicht geben.

Liegt Berlin bundesweit betrachtet da nicht schon ziemlich weit vorn? Von den Drei- bis Sechsjährigen besuchen fast 90 Prozent eine Kita.

Berlin ist auf einem guten Weg. Wichtig ist aber, dass die Kinder nicht nur betreut werden, sondern mit der Kita auch eine Art Vorschule besuchen. In Berlin gibt es mit dem Kita-Bildungsprogramm einen verbindlichen, wissenschaftlich begründeten und fachlich erprobten Orientierungsrahmen für die Erzieher. Das ist eine gute Grundlage für die Bildung der Kinder. Die Politiker müssen nun vor allem dafür sorgen, dass es genügend gut ausgebildete Erzieher gibt, damit das Bildungsprogramm auch in allen Kitas umgesetzt werden kann. Nach dem Besuch der Kita muss für einen reibungslosen Übergang an die Grundschule gesorgt werden.

Welche Aufgabe hat die Grundschule?

Auch die Grundschule hat als Bildungsinstitution die Aufgabe, zum Gelingen von Integration beizutragen und jedes Kind so früh wie möglich zu fördern und sicherzustellen, dass Bildungsbenachteiligungen weitestgehend abgebaut werden. Von größter Bedeutung ist insbesondere eine frühe, systematische Sprachförderung, um Bildungsungleichheiten und Leistungsunterschiede weiter abzubauen.

In Berlin fehlen ausgerechnet an den Grundschulen ausgebildete Fachkräfte. Was ist die Lösung?

Aus dieser Notlage kommen wir nur raus, wenn mehr Studienplätze im Bereich Lehrerbildung geschaffen werden und dafür gesorgt wird, dass die Studierenden nach den neusten Standards ausgebildet werden.

Ein anderes großes Problem in Berlin ist der Sanierungsstau im Schul- und Hochschulbereich.

Schulen, insbesondere Grundschulen, an denen die Kinder den überwiegenden Teil des Tages verbringen, müssen mindestens die Qualität der häuslichen Umgebung haben. Kinder, die an einer Ganztagsschule lernen, brauchen ausreichend Raum fürs Lernen und für verschiedene Freizeitaktivitäten, die Lehrer benötigen Arbeits- und Rückzugsräume.

Sie fordern seit Langem, den morgendlichen Schulbeginn zu verändern. Warum?

Das ist ebenfalls Teil einer modernen Pädagogik. Unterricht sollte erst um neun Uhr und nicht früher beginnen. Berlin ist eine Weltstadt und sollte es so machen wie andere Welt­städte. Natürlich muss eine Betreuung bereits ab sieben Uhr möglich sein, der Unterricht aber sollte später beginnen. Großstädte wie Berlin haben wachsende Transportprobleme. Es kann nicht sein, dass Familien immer früher aufstehen müssen, damit die Kinder pünktlich zur Schule kommen. Das widerspricht dem Biorhythmus vieler Kinder und Jugendlichen.

Die Linkspartei in Berlin will die Gemeinschaftsschule, an der Kinder bis zum Schulabschluss gemeinsam lernen, zur gängigen Schulform machen und das Probejahr am Gymnasium abschaffen. Schulpolitiker anderer Parteien fürchten um die Zukunft des Gymnasiums. Wie ist Ihre Meinung?

Was die Schulorganisation betrifft, sollte es ausreichend Vielfalt geben, damit wir noch stärker auf die individuellen Bedürfnisse jedes Kindes eingehen können. Wir müssen die Wege offenhalten, Durchlässigkeit zwischen den Angeboten ist wichtig. Es geht um das Finden von Begabungen und Benachteiligungen. Ob das nun am Gymnasium, an der Sekundarschule oder an einer Gemeinschaftsschule geschieht, ist zunächst zweitrangig. Ich warne allerdings davor, das Gymnasium infrage zu stellen. Diese Schulform ist ein Erfolgsmodell, das es zu stärken gilt. Machen wir das nicht, wandern bildungsnahe Familien an Privatschulen ab. Gleiches gilt für die Ausstattung der Sekundarschulen. Diese sollten alle eine eigene Oberstufe bekommen. Sonst gibt es wieder Restschulen, die von den Eltern abgewählt werden.

Was ist im Hochschulbereich zu tun?

Berlin ist neben München der wichtigste Hochschulstandort geworden. Dieses Potenzial muss die Stadt ausbauen und noch mehr investieren. Es ist ihr wichtigstes Pfund. Sehr viele Gebäude müssen saniert werden.

Zur Person: Dieter Lenzen

Werdegang Dieter Lenzen, geboren 1947, studierte Erziehungswissenschaft, Philosophie sowie Deutsche, Englische und Niederländische Philologie in Münster. Er promovierte 1973 und arbeitete von 1973 bis 1975 für das Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Ab 1977 war er Professor für Philosophie der Erziehung an der Freien Universität Berlin.

Gastprofessur Zwischen 1986 und 1994 nahm er Gastprofessuren an den Universitäten Stanford, Columbia, Tokyo, Hiroshima und Nagoya wahr.

Präsident Lenzen war von 2003 bis 2010 Präsident der Freien Universität Berlin. Seit 2005 ist er Vorsitzender des Aktionsrates Bildung, von 2007 bis 2016 war er zudem Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz. Seit dem 1. März 2010 ist Lenzen Präsident der Universität Hamburg.

Die Praktiker

Der Schulleiter: Schulen brauchen dringend mehr Fachpersonal

Michael Wüstenberg, Schulleiter des Lessing-Gymnasiums in Wedding, fordert mehr qualifiziertes Personal für die Berliner Schulen. „Wir können den zunehmenden Bedarf nicht permanent mit Quereinsteigern decken“, sagt er. Das überfordere nicht zuletzt die Kollegen, die sich um sie kümmern müssen. Ein zweites wichtiges Thema ist für Wüstenberg die Integration der Flücht­lings­kinder. Auch dafür brauchten die Schulen genügend Personal. Wichtig sei zudem die Stärkung der Integrierten Sekundarschulen ohne eigene Oberstufe. „Die Schulen brauchen gute Kooperationen mit Oberstufenzentren oder Gymnasien, sonst würden sie von den Eltern nicht angenommen und wieder zu Restschulen werden.“

Der Schülervertreter: "Wir brauchen das Schulfach Politik"

Roman Danilov, Vorstandsvorsitzender des Landesschülerausschusses, bezeichnet den großen Sanierungsstau bei den Berliner Schulgebäuden als eines der drängendsten Probleme. „Wir werden den Regierenden Bürgermeister Michael Müller beim Wort nehmen, der versprochen hat, dieses Problem in den kommenden zehn Jahren zu lösen“, sagt er. Um Jugendliche stärker für ein politisches Engagement zu begeistern und sie dabei zu unterstützen, sich rechtzeitig eine eigene Meinung zu bilden, fordern die Schülervertreter, das Schulfach Politik einzuführen. „Die Schüler müssen die Chance haben, über aktuelle Politik und Themen wie TTIP, Migration oder Kriegseinsätze im Nahen Osten zu diskutieren.“

Der Elternvertreter: Moderne Schulen müssen Lernhäuser sein

Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, zählt Schulsanierung und Schulneubau zu den wichtigsten Themen auf der Bildungsagenda der kommenden Jahre. Neubau sowie Sanierung müssten so realisiert werden, dass eine moderne Pädagogik möglich ist, fordert er. „Wir müssen weg von der klassischen Schule mit langen Fluren und einzelnen Klassenzimmern, hin zu sogenannten Lernhäusern, wie es sie bereits in Hamburg oder München gibt.“ Nur in solchen Gebäuden sei ein moderner Unterricht möglich – individuell, projektbezogen, mit Räumen, die flexibel sind und vielfältig genutzt werden können. Zudem würden mehr hoch motivierte Fachkräfte gebraucht. „Dazu müssen in Berlin die Ausbildungskapazitäten erweitert werden.“

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