Serie Berlin 2021

Berlin sollte in Wissenschaft und Forschung investieren

Die Stadt kann Vorreiter bei der Digitalisierung werden, sagt Arbeitsmarkt-Experte Ulrich Walwei. Der zehnte Teil unserer Serie.

Serie BM 2021 : Straßenbau Picture Alliance/Jörg Carstensen 80304019 Montage: BM

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Foto: Picture Alliance/Jörg Carstensen; Montage: BM

Berlin 2021 - Die Serie. In Berlin laufen Koalitionsverhandlungen. Die Stadt steht vor großen Herausforderungen. Was muss sich ändern? Experten stellen in der Berliner Morgenpost ihre Vorstellungen vom Berlin 2021 vor: von der Verwaltung über die innere Sicherheit, die Wirtschaft bis zur Bildung. Diesmal: Arbeitsmarkt-Experte Ulrich Walwei.

Der Arbeitsmarkt in Berlin ist durch große Heterogenität geprägt. Es gibt stabile Formen der Beschäftigung, aber auch viele Bereiche mit hoher Fluktuation, gerade bei den Dienstleistungen. Auch bei der Lohnstruktur zeigen sich dementsprechend große Unterschiede. In der jüngeren Vergangenheit war zudem eine starke Entwicklung im Bereich der Selbstständigen zu beobachten. Es entstanden zahlreiche Start-ups, wobei viele davon Ein-Personen-Unternehmen sind oder zunächst mit wenigen Mitarbeitern starten.

Berlin 2021 - alle Teile der Morgenpost-Serie

In dieser Häufung ist das eine bundesweite Besonderheit. Eine weitere Besonderheit ist die hohe Konzentration von Niedriglohnbeschäftigten in bestimmten Kiezen. Soziale Brennpunkte gibt es auch in anderen Großstädten. Berlin unterscheidet sich aber in diesem Punkt von Städten wie etwa München, wo eine breitere Verteilung der Geringverdiener in der Stadt zu beobachten ist.

Wie kann nun angesichts dieser Ausgangslage die Berliner Arbeitsmarktpolitik agieren? Große Städte werden immer stärker durch die zunehmende Digitalisierung geprägt und entwickeln sich mehr und mehr zu Smart Citys. Es kommt für die Städte darauf an, die Chancen dieser Entwicklung zu nutzen. Berlin hat das Potenzial, hier Vorreiter zu sein.

Digitalisierung geht aber einher mit starken Strukturveränderungen, darauf müssen Betriebe und Menschen vorbereitet werden. Die Arbeitsmarktpolitik muss diese Prozesse flankieren. Im Vordergrund steht dabei, dass Menschen digitale Kompetenzen erhalten – in der Erstausbildung und in der Weiterbildung. Digitalisierung muss kein Risiko für eine Volkswirtschaft sein.

Das wird sie jedoch dann, wenn Menschen, Betriebe und Institutionen nicht hinreichend darauf vorbereitet sind. Auf dem Weg, eine Smart City der Zukunft zu werden, helfen Berlin auch die Start-ups, die Szene weckt Hoffnungen. Bei der öffentlichen Infra­struktur ist in dieser Hinsicht hingegen noch Luft nach oben.

Die Politik muss aber auch die Bereiche fokussieren, in denen es weniger auf digitalisierbare Kompetenzen ankommt, beispielsweise Gesundheitsberufe, in denen es um personengebundene Dienstleistungen geht. Auch da hat Berlin durchaus große Chancen, weil es als interessante, lebendige Großstadt Menschen anzieht.

Eine wichtige Rolle bei der Arbeitsmarktpolitik spielen Wissenschaft und Forschung. Berlin hat mit seinen großen Universitäten und Forschungseinrichtungen einen großen und nachhaltigen Standortvorteil. Das hat eine Strahlkraft für die Wirtschaft. Berlin sollte hier systematisch in seine Zukunft investieren. Theoretisches Wissen alleine genügt aber nicht, der Nutzen für die Praxis ist auch ein zentraler Aspekt. Das kann die Politik bei der Förderung berücksichtigen.

In jüngerer Vergangenheit ist in Berlin wie auch in anderen Großstädten ein hoher Fachkräftebedarf bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit festzustellen. Das ist ein Ausdruck des heterogenen Arbeitsmarktes. Bei der Arbeitslosigkeit ist aber nicht allein die Höhe ein Problem, sondern insbesondere die Verfestigung, also die Langzeitarbeitslosigkeit. Für Unternehmen wird es zunehmend schwerer, geeignetes Personal zu rekrutieren, gleichzeitig wird die Inte­gration von Arbeitslosen schwieriger.

Anforderungen auf der betrieblichen Seite steigen und werden komplexer, andererseits erfüllt ein Teil der Arbeitslosen, vor allem gering qualifizierte oder gesundheitlich eingeschränkte, diese Anforderungen nicht mehr. Wenn sich diese Entwicklung verstärkt, bekommt ein Standort ernsthafte Probleme.

Möglichst viele Kinder sollten eine Kita besuchen

Dagegen müssen die politisch Verantwortlichen vor allem auf Prävention setzen. Die sollte schon in der Kita beginnen. Das beste Mittel gegen spätere Arbeitslosigkeit sind die frühe Förderung und der frühe Bildungserwerb. Es sollten also möglichst viele Kinder, auch aus Migrantenfamilien, eine Kita besuchen. Bei der Förderung geht es nicht um einen Bildungsdrill. In Kitas und Schulen sollten Kinder aber schon auch in einer guten Art und Weise auf eine Ausbildung oder ein Studium vorbereitet werden. Dabei müssen wir darauf achten, möglichst kein Kind, keinen Jugendlichen auf diesem Weg zu verlieren. Langzeitarbeitslosigkeit verhindert man am besten, indem man ihr den „Nachschub“ entzieht.

Die Menschen, die bereits seit langer Zeit arbeitslos sind, haben von den Investitionen in Kitaplätze und Schulen natürlich nichts mehr. Bei der Hilfe für die Langzeitarbeitslosen müssen sich Politik und Verwaltung darüber im Klaren sein, dass es sich um sehr unterschiedliche Gruppen handelt. Bei vielen sind Qualifizierungen möglich, wie sie die klassischen Instru­mente der Arbeitsmarktförderung vorsehen. Manche Arbeitslose haben aber auch komplexe Probleme, sind etwa wohnungslos, haben Schulden, eine seelische oder eine Suchterkrankung. Die Arbeitsmarktpolitik kann Menschen aber nicht dazu zwingen, zum Arzt oder zum Schuldner­berater zu gehen.

Da sind Ansätze nötig, die Betroffenen zu gewinnen. Das ist mit einer professionellen Beratung in vielen Fällen durchaus möglich. Entscheidend ist, dass ausreichend Unterstützung in den Jobcentern und den kommunalen Beratungsstellen geboten wird. Nur so kann es gelingen, dass die Betroffenen die notwendigen Schritte gehen, die sie dazu befähigen, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Niemand sollte sich hier Illusionen machen: Das ist nicht leicht und geht nicht schnell. Aber die entsprechenden Unterstützungsangebote sind wichtige und lohnende Investitionen in die Zukunft einer Stadt.

Wichtig bei der Betreuung von Langzeitarbeitslosen kann zudem sein, sie nicht einfach in ein Praktikum, eine Qualifizierung oder eine Tätigkeit zu schicken und dann sich selbst zu überlassen. Oft ist es sinnvoll, sie durch Coaches, Mentoren oder Lotsen weiter zu begleiten. Prävention und Mentoren- oder Lotsenprogramme sind auch von zentraler Bedeutung beim Abbau der Jugendarbeitslosigkeit. Es gibt zudem viele Hinweise darauf, dass Jugendberufsagenturen, wie sie Berlin eingerichtet hat, hilfreich sind. Dort bringt man die relevanten Akteure an einen Tisch und bündelt die Aktivitäten.

Wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit den Schulen, der Informationsaustausch zwischen den Akteuren muss stimmen. Die Jugendberufsagenturen können nur dann helfen, wenn sie die Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf in ihrem Gebiet kennen. Diese müssen beraten und dazu motiviert werden, eine Ausbildung zu beginnen. In dieser Struktur kann Berlin als Stadtstaat vorbildhaft wirken.

Wie eingangs erwähnt, haben die Heterogenität und die starke Dienstleistungsorientierung auf dem Berliner Arbeitsmarkt zwar ihre Schattenseiten, sie bieten aber auch Chancen – nicht zuletzt für Flüchtlinge. Wenn ausreichende Sprachkenntnisse vorhanden sind, bietet gerade der Dienstleistungsbereich viele Einstiegsmöglichkeiten. Ähnlich wie bei Langzeitarbeitslosen ist es auch bei Flüchtlingen sinnvoll, sie mit der ersten Integration in eine Berufstätigkeit berufsbegleitend zu unterstützen. Es gilt, ihnen deutlich zu machen: Ohne Ausbildung drohen dauerhaft hohe Beschäftigungsrisiken.

Zur Person: Ulrich Walwei

Lehre und Forschung Ulrich Walwei ist Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit. Zudem ist er Lehrbeauftragter an der Universität Regensburg. Experte für den Arbeitsmarkt Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre promovierte Walwei zu rechtsökonomischen Fragen an der Universität-Gesamthochschule Paderborn. Zu seinen wichtigsten Forschungsfeldern gehört die Analyse längerfristiger Trends am Arbeitsmarkt und die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes.

Was Praktiker fordern

Ausbildungshelfer: Mehr Ressourcen für die Integration von Migranten

Klaus Kohlmeyer ist Geschäftsführer des Vereins BQN Berlin. Dort haben sich Mitarbeiter aus Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Justiz und Medien zusammengeschlossen, die sich für die berufliche Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund stark- machen. Kohlmeyer fordert vom künftigen Senat, „mehr Ressourcen und Power“ in die Ausbildung im öffentlichen Dienst zu geben. Gerade die Bezirke seien im Zuge des jahrelangen Sparkurses als Ausbilder weggebrochen. Außerdem müssten die Schulen mit vielen Kindern aus Migrantenfamilien und von Hartz-IV-Beziehern eine höhere Finanzzuweisung bekommen. Damit solle dort eine Berufsorientierung installiert werden, die die Familien nicht leisten.

Quartiersmanagerin: Beschäftigungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose schaffen

Aus Sicht von Ines Müller vom Quartiersmanagement High-Deck-Siedlung an der Sonnenallee in Neukölln ist wichtig, neue Beschäftigungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose mit geringer Qualifizierung zu schaffen. „Das würde uns im Quartiersmanagement sehr helfen“, sagt Müller. „Für Menschen, die kaum alphabetisiert sind und eine fremde Sprache lernen, ist eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt schwer möglich.“ Dennoch müssten sie sinnvoll beschäftigt und am besten auch qualifiziert werden, um ihre Chancen zu erhöhen. Entsprechende Angebote wurden vom scheidenden Senat heruntergefahren und stattdessen ein Schwerpunkt auf die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt gelegt.

Helfer der Obdachlosen: Ein Herz für Wohnungen für die Schwächsten

Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission im Bahnhof Zoo, freut sich auf den neuen Senat, „auf etliche Player mit guten Kompetenzen im Bereich Soziales, vornehmlich auch in der Obdachlosenarbeit“. Berlin sei sexy, aber nicht mehr arm. Das sollte sich „zum Segen für obdachlose Menschen“ im Koalitionsvertrag von SPD, Linke und Grünen widerspiegeln, sagt Puhl. Er hofft, dass der Senat Herz zeigt und nicht Kalkül. Rot-Rot-Grün solle für obdachlose Menschen das umsetzen, was die Partner seit Jahren fordern, zum Beispiel Angebote in der Wohnungslosenhilfe für Frauen und Familien mit Kindern, den Ausbau des ambulanten Betreuungsangebots, mehr sozialpädagogische Fachberatung und mehr Wohnungen bei landeseigenen Unternehmen.

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