Serie Berlin 2021

So wenig Sonderregelungen für Flüchtlinge wie möglich

Im achten Teil der Morgenpost-Serie erzählt Professor Thomas Bauer, wie die Integration von Flüchtlingen in Berlin gelingen kann.

Die Sprache ist der wichtigste Faktor bei der Integration von Geflüchteten

Die Sprache ist der wichtigste Faktor bei der Integration von Geflüchteten

Foto: Picture Alliance/AAPimages/Ulrike Panckow; Montage: BM

Berlin 2021 - die Serie. Es geht um die Zukunft der Stadt. Was sind die Lösungen für die drängendsten Probleme? Die Morgenpost hat Experten um ihre Meinung gebeten. Professor Thomas Bauer plädiert für Geduld bei der Integration von Flüchtlingen.

Die wichtigste Voraussetzung für die Integration ist nach wie vor die Sprache. Ausreichend viele Sprachkurse zur Verfügung zu stellen, damit Flüchtlinge möglichst schnell Deutsch lernen und kommunizieren können, ist der erste, ganz wichtige Schritt. Dafür ist vor allem der Bund zuständig, da die meisten Sprachkurse vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) oder von den Arbeitsagenturen angeboten werden. Die Länder können dieses Angebot aber insbesondere für Schüler ergänzen.

Darüber hinaus ist für erwachsene Flüchtlinge deren schnelle Vermittlung in den Arbeitsmarkt von hoher Bedeutung. Hier werden sicherlich zusätzliche Weiterbildungsmaßnahmen und andere bewährte Instrumente der aktiven Arbeitsmarktpolitik nötig sein. Generell würde ich der Berliner Landes­regierung zur Vorsicht raten, Spezialprogramme für die Flüchtlingsintegration aufzulegen.

Vertrauen in Jobcenter und Arbeitsagenturen

Man sollte durchaus Vertrauen in die Jobcenter und die Arbeitsagenturen haben. Die wissen, was zu tun ist und haben die nötigen Mittel zur Verfügung. Darüber hinaus braucht es Geduld: Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt gelingt sicherlich nicht von heute auf morgen, da werden einige Jahre ins Land gehen. Wir werden bei vergleichsweise hoch qualifizierten Flüchtlingen schnelle Fortschritte sehen, bei den niedriger oder gar nicht qualifizierten wird es dauern. Schnelle Erfolge zu erwarten, wäre naiv.

Für eine erfolgreiche Integrationspolitik ist es auch wichtig, die schon länger hier lebenden Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren, die nicht so erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden konnten. Wir haben immer noch viele Langzeitarbeitslose, auch aus der zweiten Zuwanderergeneration, vor allem in Berlin. Sicherlich ist es ein großer Fortschritt, dass sich Deutschland nun für eine möglichst frühe Integration der Flüchtlinge entschieden hat.

Anerkannte Asylbewerber werden im Rahmen des Integrationsgesetzes allen anderen mit einem geregelten Aufenthaltsstatus in Deutschland vollkommen gleichgestellt, wenn es um Ansprüche aus dem Sozialgesetzbuch aber auch um Sanktionen bei Fehlverhalten geht. Das ist aus Sicht des Stiftungsrates der richtige Weg.

Lehrreich könnten die Erfahrungen aus der Flüchtlingsintegration sein, wenn durch sie allgemeine Integrationsbarrieren etwa im Bildungssystem offensichtlich werden. Wenn sich beispielsweise herausstellen sollte, dass man jenseits der klassischen Dreijahresausbildung eine entschlackte Ausbildung benötigt, von der Flüchtlinge, aber auch Langzeitarbeitslose profitieren können, dann liegt hier eine große Chance. Wir müssen alle Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit hin evaluieren und auf Basis der Erkenntnisse auf neue Ideen und Konzepte setzen, diese aber für alle öffnen.

Ein sozialer Arbeitsmarkt für Flüchtlinge ist dagegen eine zweischneidige Sache. Wir wissen aus der Evaluation von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aus den Jahren kurz nach der Wiedervereinigung, dass solche Maßnahmen den Teilnehmern durchaus schaden können. Zudem kostet so ein sozialer Arbeitsmarkt viel Geld, und es besteht die Gefahr, dass damit reguläre Beschäftigung verdrängt wird. Mein Rat ist damit klar: Gute Ideen und Maßnahmen für alle entsprechenden Gruppen öffnen, so wenig Sonderregelungen wie möglich.

Kinder sollten so schnell wie möglich in die Schule

Zu den integrationspolitischen Maßnahmen, für die die Bundesländer zuständig sind, gehört insbesondere die Bildung der Kinder. Über die Faktoren einer erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt haben wir durchaus gesicherte Erkenntnisse. Bei früheren Zuwanderungswellen haben wir jedoch versäumt wissenschaftlich zu analysieren, was den Kindern am besten hilft, um die Integration in die Schule – oder auch die Kita – zu gewährleisten.

Ist es eine Willkommensklasse? Oder die Mischung der einheimischen mit den Flüchtlingskindern in einer Gruppe von Anfang an? Soll man sie getrennt unterrichten – und wenn ja, wie lange? Es ist ein Muss, die Flüchtlingskinder so schnell wie möglich zu beschulen. Aber was der beste Weg ist, darüber wissen wir wissenschaftlich leider wenig.

Gerade in Berlin leben noch viele Flüchtlinge in Massenunterkünften wie den Hangars im Flughafengebäude von Tempelhof. Es werden Containerdörfer errichtet, wo mehrere Hundert Flüchtlinge auch längerfristig zusammenleben sollen. Es ist jedoch wenig hilfreich, wenn sie dort recht isoliert leben und kaum mit der Bevölkerung in Berührung kommen. Gerade dieser Kontakt ist wichtig, um Deutsch zu lernen und um Netzwerke aufzubauen, die Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern herstellen können.

Anders sieht es aus, wenn Flüchtlinge an die bestehenden Einwanderergemeinschaften „andocken“. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Migrationsnetzwerke wie etwa in der arabischen Community in Neukölln für die Integration hilfreich sein können, sofern die schon bestehende Zuwanderungsbevölkerung die Zuzügler annimmt und nicht als Konkurrenz empfindet.

Kontakte auch außerhalb der Community

Wenn jedoch in diesen Communitys keinerlei Kontakte mehr zur Mehrheitsgesellschaft geknüpft werden, kann ein solcher Anschluss auch schädlich sein. Dann gibt es keine Notwendigkeit mehr, Deutsch zu lernen und die Menschen sind wieder abhängig von einem Arbeitgeber, der ihre Sprache spricht.

Sorge um den eigenen Arbeitsplatz müssen sich Einheimische kaum machen. Es gibt so gut wie keine messbaren Beschäftigungseffekte infolge von Zuwanderung. Wenn es Konkurrenzen um Arbeitsplätze geben sollte, dann vor allem mit den bereits hier lebenden Zuwanderern.

Notwendige Voraussetzung für Integration ist auch eine gewisse Toleranz der einheimischen Bevölkerung. Wenn Flüchtlinge mit einer Wohnsitzauflage gezwungen werden, an einem Ort zu leben, an dem sie ganz offen abgelehnt werden, werden sie dort nicht bleiben und sich auch nicht integrieren.

Wenn eine Stadt hingegen zeigt, dass sie die Menschen wirklich integrieren will, dann gibt das den Zugezogenen Anlass, sich zu integrieren und in die Gesellschaft einzubringen. Berlin gehört hier mit seiner jetzt schon bestehenden Vielfalt zu den Städten, denen das gut gelingen kann. Langfristig bringt Integration dann auch große Erträge für eine Stadt wie Berlin: Eine bereicherte Kultur, mehr Menschen, die etwas leisten wollen.

Zur Person: Thomas K. Bauer

Biografie Professor Thomas K. Bauer ist Vorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Er ist Professor für Empirische Wirtschaftsforschung an der Ruhr-Universität Bochum und Vizepräsident des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

Fokus Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte liegen auf der ökonomischen Migrationsforschung sowie der empirischen Bevölkerungs- und Arbeitsmarktökonomik.

Stiftung Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration bietet politischen Entscheidern handlungsorientierte Empfehlungen und kritische Politikbegleitung in den Themenfeldern Integration und Migration. Er analysiert aktuelle Entwicklungen und Pro­blemstellungen und bewertet sie politisch neutral. Der Sachverständigenrat legt jährlich ein Gutachten zu Integration und Migration vor und bezieht Stellung zu gegenwärtigen Debatten, aktuell zur Religionsvielfalt in Deutschland.

Was Praktiker fordern

Die Schulexpertin: Die Flüchtlingskinder brauchen Normalität

Elisabetta Bonfanti ist Lehrerin an der Herman-Nohl-Grundschule in Neukölln. Sie unterrichtet dort auch Flüchtlingskinder, die in Willkommensklassen Deutsch lernen sollen. Ihrer Meinung nach wäre es allerdings sinnvoller, diese Kinder von Anfang an in Regelklassen lernen zu lassen, mit zusätzlichem Sprachunterricht. „Sie brauchen möglichst viel Normalität“, sagt Bonfanti.

Im Zusammensein mit den anderen Kindern würden sie auch viel besser verstehen, warum sie Deutsch lernen sollen. Nötig sei es zudem, die Zahl der Schulpsychologen zu erhöhen, so Bonfanti. „Es kommen auch traumatisierte Kinder zu uns, die professionelle Hilfe brauchen.“ Die Lehrer allein könnten das nicht leisten.

Der Betreuer: Massenunterkünfte verhindern Integration der Flüchtlinge

Keine Massenunterkünfte, stattdessen Unterkünfte, die eine wirkliche Integration und Teilhabe der Flüchtlinge an der Gesellschaft ermöglichen: Das ist die wichtigste Forderung, die Philipp Bertram an den künftigen Senat formuliert. Bertram ist stellvertretender Heimleiter der Notunterkunft im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf und unser „Berliner des Jahres 2015“.

Zudem müssten Lösungen für alle Gruppen gefunden werden, die sich Wohnraum nicht leisten könnten, diese sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Schließlich fordert Bertram mehr Klarheit gegenüber den Flüchtlingen statt falscher Hoffnungen. Ihnen sollte gesagt werden, wie lange sie in Notunterkünften bleiben müssen.

Der Flüchtling: Die Sprache und Pünktlichkeit sind wichtig

Waleed Asif ist 20 Jahre alt und floh vor 18 Monaten aus Faisalabad in Pakistan nach Deutschland. Am 1. September hat er einen Ausbildungsplatz bei den Berliner Wasserbetrieben zum Anlagenmechaniker begonnen. „Das Wichtigste ist, die Sprache zu lernen“, sagt Asif. Deswegen hat er, sobald das möglich war, seinen ersten Sprachkurs belegt, dem weitere folgten.

„Außerdem ist Pünktlichkeit wichtig“, sagt Asif. „Und dass man den Kontakt zur Agentur für Arbeit hält.“ Die Arbeitsagentur hat ihn Anfang dieses Jahres dann zu einem Kurs zur Einstiegsqualifizierung an die Wasserbetriebe vermittelt. Nach neun Monaten hat er nun seine reguläre Ausbildung begonnen. „Die Ausbildung macht Spaß“, sagt Asif, der bei einer Familie in Kreuzberg lebt.

Weitere Teile der Serie:

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