Open-Air-Konzert

In Mitte klingt wieder das Glockenspiel der Parochialkirche

Das Glockenspiel der Parochialkirche erklingt wieder an der Klosterstraße - erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg.

Zahlreiche Menschen lauschen, wie die Glocken läuten - zum ersten Mal seit 72 Jahren

Zahlreiche Menschen lauschen, wie die Glocken läuten - zum ersten Mal seit 72 Jahren

Foto: Krauthoefer

Nach 72 Jahren erklangen am Sonntag erstmals wieder die Glocken der Parochialkirche in Berlin-Mitte. Die Einweihung des neuen Glockenspiels mit über 50 Glocken sowie der neuen Turmspitze wurden bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel gefeiert. Mehrere Tausend Menschen waren zu diesem Anlass erschienen. Die Kirche an der Klosterstraße hinter dem Roten Rathaus wurde 1944 durch einen Bombentreffer zerstört. Der Wiederaufbau wurde größtenteils durch Spenden finanziert, unter anderem von dem Berliner Unternehmer Hans Wall.

Bis zur Zerstörung des Kirchturms gehörte das Glockenspiel zum Alltag in der Stadt. "Singuhr" nannten es die Berliner. Anfang der 30er-Jahre wurde es bei Konzerten auch im Rundfunk übertragen. Als eine Brandbombe die Kirche am 24. Mai 1944 traf, stürzten die Glocken in die Tiefe und schmolzen, bis auf zwei Stück.

Zur alten "Singuhr" gehörten 37 Glocken. Die neue Anlage besteht aus 52 großen und kleinen Exemplaren, die in mehr als 30 Metern Höhe hängen. "Damit können wir ein modernes Programm spielen", sagt Architekt Jochen Langeheinecke, der die Rekonstruktion der Parochialkirche seit 1991 betreut. "Die ganze Breite der Musik ist möglich." Alle Glocken zusammen wiegen rund neun Tonnen. Sie sind wie früher im Glockengeschoss angeordnet, kleine und große im Wechsel.

Das Spielkabinett in der Mitte sei ein kleiner achteckiger Raum, sagt Langeheinecke. Wilhelm Ritter muss am Sonntag 178 Stufen hinaufsteigen, um das Geschoss zu erreichen. Er betätigt die Spielstöcke, die über Drähte mit den neuen Bronzeglocken verbunden sind. Die Glocken können stark oder schwach angeschlagen werden, hoher körperlicher Einsatz ist nötig. Als Schutz vor der großen Lautstärke ist der Raum doppelt verglast. "Außerdem haben wir Sprossenfenster davor installiert", sagt Jochen Langeheinecke. "Die haben wir auf alten Fotos gesehen."

"Es gibt auch eine Automatik, mit der die Glocken gleichmäßig angeschlagen werden", so Langeheinecke. Sie sorgt dafür, dass künftig zu festen Tageszeiten Strophen von Kirchenliedern erklingen. Nicht zum Musizieren, sondern zum Läuten dienen die beiden alten Glocken, die die Brandnacht während des Krieges überstanden.

Eine holländische Firma hat die Glocken hergestellt

Die neuen Glocken hat die traditionsreiche, holländische Firma Petit & Fritsen aus Bronze hergestellt. Sie haben die gleiche Form wie die alten Glocken, die 1716 in der Parochialkirche aufgehängt wurden. Es sei sein größter Triumph, sagt der Architekt Langeheinecke, "dass wir so dicht am alten Vorbild sind." Der Klang sei "wunderbar".

Die Parochialkirche wurde im Juli 1703 eingeweiht. Das ursprüngliche Glockenspiel wurde 1715 zum ersten Mal gespielt. Doch der Klang war nicht sauber, die Glocken konnten nicht gestimmt werden. "Dann hat man sehr schnell eine neues Glockenspiel bauen lassen", sagt Langeheinecke. Der holländische Uhrmachermeister Johann Albert de Grave wurde beauftragt. Die Glocken wurden damals in Fässern auf dem Schiffsweg von Holland nach Berlin transportiert. Rund 100 Jahre später haben Lkw das dritte Glockenspiel ins Klosterviertel in Mitte gebracht.

Die zerstörte Turmspitze der Parochialkirche ist dank der Initiative des Vereins Denk mal an Berlin wieder aufgebaut. Richtfest war im Juli 2016. Die Baukosten liegen bei 3,53 Millionen Euro. Rund 2,9 Millionen Euro stellt die Stiftung Deutsche Klassenlotterie zur Verfügung. Die Kosten für das Glockenspiel, 420.000 Euro, spendete der Berliner Unternehmer Hans Wall, der Vorsitzende des Vereins Denk mal an Berlin. Ganz fertig ist die Turmspitze nicht. "Was jetzt noch fehlt, sind die Kapitelle", sagt Architekt Langeheinecke. "Sie müssen noch an den Säulen im Glockengeschoss angebracht werden."

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