Berliner Parlament

Die jüngste Berliner Abgeordnete ist erst 19 Jahre alt

June Tomiak zieht ins Berliner Parlament ein. Die 69-jährige SPD-Politikerin Bruni Wildenhein-Lauterbach ist dagegen Alterspräsidentin.

Erst 19 Jahre und schon im Abgeordnetenhaus: June Tomiak

Erst 19 Jahre und schon im Abgeordnetenhaus: June Tomiak

Foto: Amin Akhtar

Etwas ungewohnt ist es schon, dass sie nun nicht mehr das volle Programm bei der Sicherheitskontrolle im Abgeordnetenhaus durchlaufen muss. June Tomiak, seit diesem Monat Abgeordnete bei den Grünen, kann mit einem freundlichen Hallo einfach durchlaufen. Die Dame hinterm Tresen durchleuchtet sie nicht, sondern grüßt und beglückwünscht. Man kennt Tomiak hier jetzt. Und zwar auch aus der Zeitung.

Momentan kommen viele Journalisten zu ihr ins Büro für Interviews. „Es ist komisch, dass fremde Menschen Dinge über mich erfahren wollen“, sagt Tomiak. Die mediale Präsenz ist ihr in Teilen unangenehm, auch weil sie genau überlegen muss, wie sie Fragen, wie die zu ihrer „Regenbogen-Patchwork-Familie“, wie sie selbst sagt, freundlich aber bestimmt ausweichen kann.

Dass so viel Aufmerksamkeit auf der ungeschminkten Frau mit Turnschuhen, Zipperjacke und Beutel liegt, hat vor allem mit ihrem Alter zu tun. Mit 19 Jahren ist sie die jüngste Abgeordnete im Haus. Und das ist tatsächlich ungewöhnlich. Ihren neuen Job, den sie ab Herbst neben ihrem Studium in Kultur und Technik an der Technischen Universität machen wird, sieht sie als verantwortungsvolle Aufgabe. „Ich bin jetzt eine der wenigen Stimmen, die Entscheidungen mittrifft, die 3,8 Millionen Berliner affektieren können“, sagt sie.

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Klassensprecherin, Schülervertretung, Jugendparlament

Das klingt erwachsen – immerhin wird sie auch bis zu drei Mitarbeiter haben, Chefin sein. Tomiak will trotzdem mit Witz rangehen: „In meinem Bürgerbüro, das ich gestellt bekomme, soll es um Bildung gehen, ein ernstes Thema – ich möchte die Räumlichkeiten aber auch mit einer Einzugsparty einweihen.“ Darf sie manchmal noch jugendlich sein? Zu viel trinken? Einen Kater haben? „Natürlich“, sagt sie und lacht.

Tomiak ist in Wedding aufgewachsen, hat 2015 Abitur gemacht. Schon früh hat sie sich für Politik interessiert. Geradlinig war ihr Weg: Klassensprecherin, Schülervertretung, Jugendparlament. Fast fünf Jahre war sie bei der Grünen Jugend, besetzte dort aber nie einen Posten. Der Entschluss, der Partei beizutreten, kam erst viel später. Sie wollte endlich mitbestimmen.

So wie sie ist auch die SPD-Politikerin Bruni Wildenhein-Lauterbach in Wedding groß geworden. Zwei Frauen mit ähnlichen Wurzeln und beide in der Politik. Aber da ist nicht nur der Unterschied der Parteien, sondern auch das Alter. Während Tomiak die Jüngste im Haus ist, ist Wildenhein-Lauterbach die Älteste. 50 Jahre trennen die beiden voneinander. Als Wildenhein-Lauterbach, die in dieser Legislatur Alterspräsidentin ist, 1988 in die SPD eintrat, war Tomiak noch lange nicht auf der Welt – erst neun Jahre später dann. Wil­denhein-Lauterbach ist ein Urgestein der Berliner Politik. Sie wurde in einer Zeit politisch, als die Stadt, eigentlich die ganze Welt, im Umbruch war.

Erst mit Anfang 40 ist Wildenhein-Lauterbach in die Politik gegangen. Erst, als ihre beiden Kinder einigermaßen selbstständig waren. Genau da sieht sie das Problem, wieso es verhältnismäßig wenig Frauen in dem Berufsfeld gibt. Diese Mangelverteilung liege auch zu einem großen Teil daran, dass Männer früher vernetzt seien. „Frauen steigen wegen Familienplanung oft erst später in die Politik ein.“ Und wohl auch früher wieder aus: Nach 1945 ist sie wieder die erste Alterspräsidentin, nur mal so.

Die Jugend soll eine wichtige Rolle spielen

Deshalb findet sie es besonders gut, dass Tomiak diesen Schritt nun so früh geht. „Sie soll was daraus machen – wir brauchen eine ausgewogene Mischung: Männer und Frauen, Jung und Alt“, appelliert Wildenhein-Lauterbach. Tomiak­ will genau das, Einfluss nehmen. Bei ihr, sagt sie selbst, schwingen da natürlich auch eigennützige Gedanken mit. Die Motivation, als Kandidatin anzutreten, war da nur noch der logische Schluss, der für sie nun einen neuen Anfang bedeutet. Auf ihrem Posten soll es vor allem um Jugendbeteiligung gehen, sagt sie. „Schon die Ansprüche an einen Park zum Beispiel unterscheiden sich zwischen jungen und alten Menschen.“ Wichtig findet sie auch das Empowerment für Frauen, die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Damit geht auch das Thema Sexismus einher, das seit dem Brief der 26-jährigen CDU-Kommunalpolitikerin Jenna Behrends vor einigen Wochen wieder Thema ist. Die CDU-Politikerin hatte schwere Sexismus-Vorwürfe innerhalb ihrer Partei erhoben und damit für viele junge Frauen gesprochen, wie sie sagte.

Eine Debatte, die Tomiak wichtig findet. „Die sollte man in jedem Berufsfeld führen, in der Politik muss das allerdings eine Aufgabe der Partei und nicht von Einzelnen sein“, fordert sie. Frauen sollten sich sicher fühlen können, dort, wo sie arbeiten und leben. „Die Grünen – und das war auch ein Grund, wieso ich zu denen bin – sind da die Progressivsten“, sagt Tomiak. Dabei ist sie sich sicher, dass es auch in den eigenen Reihen vorkommt.

Gleichgültigkeit oder Ignoranz waren nie eine Lösung

„Sexismus passiert auf allen Ebenen“, bestätigt Wildenhein-Lauterbach. Umso wichtiger sei es, dass Frauen noch mehr zusammenhalten. „Wenn ich etwas verändern will, muss ich es gemeinsam mit den Menschen tun, die es auch betrifft.“ Politik sei nur leider so strategisch, dass sie häufig unfrei mache. „Aber man darf sich nicht fürchten vor der eigenen Meinung oder Position, sondern authentisch bleiben“, sagt sie. Natürlich könne sie den Fall um Jenna Behrends nicht beurteilen, findet es aber schlimm, dass nun vermutlich auf ihr herumgetreten wird, weil sie mit diesem heiklen Thema an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Wildenhein-Lauterbach appelliert weiterhin am respektvollen, höflichen und diplomatischen Umgang. Das bezieht sich aufs Politische und gleichermaßen aufs Menschliche. Sie hofft, dass Diversität irgendwann normal wird. Denn sowohl Generationen als auch Geschlechter haben verschiedene Sichtweisen auf die Dinge, verschiedene Herangehensweisen und sie unterscheiden sich genauso in ihren emotionalen Fähigkeiten. Der Austausch mit anders- denkenden Menschen sei wichtig. Deshalb möchte sie sich auch in der kommenden Zeit gezielt, vor allem in ihrem Kiez, mit AfD-Wählern beschäftigen. Die Überzeugung: Gleichgültigkeit oder Ignoranz waren nie eine Lösung.

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