Serie Berlin 2021

„Grüne Chemie bietet eine Riesenchance für Berlin“

Berlin steht vor Herausforderungen. Was muss sich ändern? TU-Professor Matthias Drieß sieht in der Chemie-Industrie riesiges Potential.

TU-Professor Matthias Drieß plädiert für den Aufbau eines neuen produzierenden Gewerbes in Berlin

TU-Professor Matthias Drieß plädiert für den Aufbau eines neuen produzierenden Gewerbes in Berlin

Foto: Montage BM. p.a. / Maurizio Gambarini, p.a. / Schoening, Reto Klar / x

Berlin 2021 - die Serie. Es geht um die Zukunft der Stadt. Was sind die Lösungen für die drängendsten Probleme? Die Morgenpost hat Experten um ihre Meinung gebeten. TU-Professor Matthias Drieß plädiert für den Aufbau eines neuen produzierenden Gewerbes.

Berlins Wirtschaft entwickelt sich positiv. In der IT geht bereits ganz viel. Es geht darum, das bestehende Wissen, das an ganz vielen Stellen deponiert ist, zu validieren, zu verknüpfen und so besser nutzbar zu machen.

Über die Entwicklung von einfachen webbasierten Lösungen müssen wir uns derzeit keine Sorgen machen. Aber wie ist es mit den greifbaren Inhalten? Am Ende des Tages funktioniert unser Leben nicht ohne real existierende „Dinge“, die wir kaufen müssen – und sei es das Smartphone in der Hand. Medikamente, Displays, Materialien für die Wasserreinigung, künstliche Treibstoffe und andere „Hardware“ sind Produkte des intellektuellen Handwerks, die Natur- und Ingenieurwissenschaften hervorbringen.

Die Märkte reagieren immer dann, wenn durch neue Erfindungen etablierte Bereiche plötzlich zu Fall gebracht werden. Das nennt man disruptive Innovation. Es bleibt die Frage: Was wird wie produziert und wo ist die Innovation?

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Wir haben das Gründerpotenzial

Hier bietet die Chemie als enorm breit angelegtes intellektuelles Handwerk eine Riesenchance, die bisher kaum in den Blick genommen wurde. 60 Prozent der Start-ups in der Bundesrepublik, die in der Chemie das Zeug zu disruptiven Innovationen haben, sitzen in Berlin. Wir haben das Gründerpotenzial, um vor allem in der Entwicklung neuer Materialien und einer effizienteren Nutzung von Rohstoffen weiterzukommen. Die Energietechnik braucht neue robuste Materialien als Hardware zur effizienten Umwandlung von Sonnenenergie in chemische Energie, wenn man künftig Treibstoffe ohne Erdöl herstellen muss. Umwelt- und Klimaschutz können ohne innovative nachhaltige („grüne“) Chemie nicht verwirklicht werden; sie zeigt neue Wege, wie abfallvermeidend und CO2-neutral hergestellte Schlüsselsubstanzen vom Klebstoff bis zur Babywindel hergestellt werden können.

In Berlin gibt es dazu ein Riesenpotenzial. Während im IT-Bereich viele Aktivitäten existieren und praktisch alle Programmierer in der Stadt in Lohn und Brot sind, offeriert die Stadt für seine Chemikerinnen und Chemiker nur wenige adäquate Jobs. Die Möglichkeit zu gründen, haben sie auch nur selten, denn gerade für die entscheidende Phase existiert bisher keine Infrastruktur, um aus einzigartigen Forschungsergebnissen reale Produkte zu entwickeln.

Berlin müsste einen Teil seiner Fördermittel in diesen Bereich lenken, der bisher künstlich limitiert ist. Es ist an der Zeit, denn die Karten werden vor allem im Bereich der „grünen Chemie“ jetzt gemischt. Wir haben eine hervorragend breit gefächerte naturwissenschaftlich-mathematische Ausbildung an den Berliner Hochschulen. Was viele nicht wissen: Chemische Produktion ist auch immer eng mit dem Einsatz von Katalysatoren verbunden, da diese zum Beispiel die Produktqualitäten extrem erhöhen. In unserer Region ist mit UniCat der einzige Exzellenzcluster für Katalyseforschung in der Bundesrepublik beheimatet. Seit fast zehn Jahren verknüpfen wir hier Chemie, Physik und Biologie miteinander. Die Absolventen jedoch exportieren wir. Viele gehen mit ihren Talenten ins Ausland oder nach Ludwigshafen oder Leverkusen. So geht das enorme Innovationspotenzial verloren.

Berlin muss sich positionieren

Wir haben in Berlin die Pflicht, uns in diesem Marktwandel zu positionieren und zwar dort, wo sich noch nicht so viele Leute gegenseitig auf den Füßen herumstehen. Ich plädiere dafür, stärker zu bewerten, welches Potenzial wir haben. Wir müssen mutiger sein und in den „harten“ Naturwissenschaften schauen, welche Start-up-Projekte es bereits gibt und wie wir sie besser unterstützen können. Wir müssen dafür sorgen, dass sich auch solche „molekularen“ Gründer in Berlin wohlfühlen und ihren Erfindergeist hier ausleben.

Dafür brauchen wir vor allem Räume und Labore. Die IHK Berlin hat das wirtschaftliche Potenzial sowie den Bedarf erkannt und der Chemie an der TU Berlin aus ihren überschüssigen Mitgliedsbeiträgen für die nächsten drei Jahre eine Anschubfinanzierung gegeben. Damit stellen wir hier auf dem Campus drei Laborcontainer auf. Ein besonderes Plus: Die jungen Gründungsprojekte haben kurze Wege und finden Expertise aus verschiedenen Fachrichtungen und Zugang zu Hochleistungsanalytik. Wir hatten für die drei Labore ein Vielfaches an Bewerbern. Jetzt ist die Politik der Wirtschaftsförderung gefordert, das Ganze auf einen soliden Boden zu stellen.

Ich würde es sehr begrüßen, wenn unser Exzellenzcluster UniCat in der nächsten Antragsphase die Möglichkeit bekäme, in den Themen grüner Chemie, nachhaltiger Chemie weiter mit unseren Ausgründungen zusammenzuarbeiten und natürlich neue zu initiieren. Dann würden auch andere Start-up-Projekte zu uns stoßen können, denen wir jetzt noch nichts anbieten können. Zudem wird sich auch mehr produzierende Industrie bei uns ansiedeln, um von diesen Innovationen zu profitieren, ebenso wie das die Konzerne in der IT bereits tun.

Wir brauchen eine politische Entscheidung

Wir könnten zeigen, wie so etwas für wissenschaftlich-produzierende Bereiche in der Chemie funktioniert. Dafür gibt es in Deutschland und Europa bisher kein Beispiel. Wie ersetzt man hochwertige und seltene Materialien, die man für die Herstellung von Bildschirmen braucht? So etwas wird heute erforscht.

Die Chemie arbeitet an Polymeren, die verschiedene Funktionen integrieren, wie ein Küchengerät. Es geht immer ums Gleiche: Wir wollen mit weniger Abfall nachhaltigere Produkte haben. Diese Chemie entsteht gerade. Wir haben in Berlin einen intellektuellen Vorsprung und brauchen eine politische Entscheidung, welche kreativen Köpfe wir hier halten und anziehen wollen. Es muss einen klaren Fokus zur Reindustrialisierung Berlins geben. Denn nur so lassen sich harte Wettbewerbsvorteile generieren und das verfügbare Einkommen im Vergleich zum restlichen Bundesgebiet endlich wieder steigern.

Für die Chemie-Offensive brauchen wir ein Zentrum mit Laborräumen für Vorgründungsprojekte. Das würde keine zehn Millionen Euro kosten, der Return wäre enorm, schließlich reden wir über Marktpotenziale von vielen Milliarden Euro. Wir dürfen nicht vergessen: Deutschland ist die drittgrößte Chemienation der Erde und es liegt in unserer Hand ihren Grundstein hier in Berlin neu zu legen. Grüne Chemie hat den Vorteil, dass man sie auch in der Stadt oder in urbanen Regionen produzieren könnte, ohne das Risiko eines Chemieunfalls wie unlängst in Ludwigshafen.

Zur Person: Matthias Drieß

Leben: Matthias Drieß wurde 1961 in Eisenach, Thüringen, geboren. Er erhielt 1985 sein Chemie-Diplom und wurde 1988 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg promoviert. Zusätzlich studierte er Philosophie in Heidelberg und legte mit der Arbeit „Über den logischen Empirismus von Rudolf Carnap und die Einheit der Wissenschaften“ ein Examen ab.

Forschung: Es folgten Lehr- und Forschungsjahre in Madison, Wisconsin, USA, und Heidelberg, bevor er einen Lehrstuhl an der Ruhr-Universität Bochum erhielt.

Exzellenz: 2004 wechselte er an die Technische Universität Berlin, wo er eine Professur für Anorganische Chemie innehat. Seit 2007 ist Matthias Drieß Sprecher des Exzellenzclusters UniCat, das sich mit Katalysatoren beschäftigt. 2012 wurde er in die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina aufgenommen. Seit 2014 ist er Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Drieß erhielt zahlreiche Wissenschaftspreise.

Was Praktiker fordern

Die Firmengründerin: Förderprogramme passen nicht für Naturwissenschaftler

Mit ihrem Chemie-Start-up Dexlechem, das Katalysatoren auf Erdölbasis durch solche aus Wasser ersetzt, hat Sonja Jost alle Schwierigkeiten für naturwissenschaftliche Gründer in Berlin erlebt. Bei der Entwicklung ihrer Firma stößt sie auf Förderregularien, die für sie kaum geeignet sind. Während es in der Frühphase wirksame Programme gibt, wird es später noch schwieriger. Die Logik der auf IT-Firmen mit ihrem schnellen Wachstum ausgerichteten Start-up-Finanzierungen passe nicht auf die längeren Zyklen der Naturwissenschaftler, die manchmal drei Jahre brauchen, bis die ersten Umsätze eingehen. Sie selbst hat damit zu kämpfen, dass Ausgaben von unter 150 Euro nicht erstattet werden.

Der Wirtschaftsförderer: Neue Firmen brauchen Flächen und Zuzügler gute Schulen

Aus Sicht von Roland Sillmann entwickelt sich die Berliner Wirtschaft zwar ganz gut. Dennoch weist der Chef der landeseigenen Gesellschaft Wista, die Berlins größten Technologiepark in Adlershof betreibt, auf einige Punkte für die Zukunft hin. So stelle er fest, dass immer mehr Talente aus dem Ausland, die nach Berlin ziehen wollen, nach guten, englischsprachigen Schulen für ihre Kinder fragen. Vom Senat erwartet der Wista-Chef auch, dass ausreichend Flächen für Gewerbe frei gehalten werden müssen. Beim Ausbau der „Smart City“ sei es geboten, von hiesigen Firmen entwickelte Lösungen auch in Berlin beispielhaft anzuwenden. Dafür müsste die Politik stärker ressortübergreifend handeln.

Der Betriebsrat: Die klassische Industrie ist ins Abseits geraten

Olaf Bolduan ist Betriebsratsvorsitzender der Siemens-Dynamowerke und Sprecher der Siemens-Betriebsräte in Berlin. Er vertritt somit mehr als 10.000 Beschäftigte. Die Wirtschaftspolitik habe sich zuletzt eher auf Start-ups und die Hochtechnologie und Kreativwirtschaft fokussiert, sagt er. Die klassische Industrie sei ins Abseits geraten. Die landeseigene Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Berlin Partner“ sei in den großen Unternehmen zu wenig präsent. Dabei seien auch deren Standorte hoch innovativ. „Die klassische Industrie und die neuen Hochtechnologiefirmen könnten wie zwei Pole einer Batterie sein“, sagt Bolduan. „Wenn man sie zusammenbringt, funkt es. Davon könnten alle profitieren.“ Die Politik müsse dafür der Katalysator sein.

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