Festival

Sinnlichkeit und Genuss beim Berliner Burlesque-Festival

Das vierte internationale Burlesque-Festival startet in Berlin. Dabei geht es um mehr als die Kunst des verführerischen Ausziehens.

Rund 50 internationale Künstler performen von frivol bis avantgardistisch, in Beauty Salons darf sich ausgiebig der Schönheit gewidmet werden und Workshops lassen die Teilnehmer den Esprit der Burlesque selbst erleben: Das „Berlin Burlesque Festival“ ist eine feste Größe in der Szene. Wir sprachen mit Veranstalterin und „Germany’s Queen of Burlesque“, Marlene von Steenvag (36), über die Kunst des verführerischen Ausziehens, riesige Champagnergläser und die Liebe zu sich selbst.

Frau von Steenvag, wie erklären Sie jemandem, der keine Ahnung von dieser Darstellungsform hat, was Burlesque ist?

Marlene von Steenvag: Burlesque ist eine Vintage-Form des Striptease. Ursprünglich kommt die Burlesque aus dem italienischen Theater. Das verlor immer mehr an Publikum und beschloss deshalb, dass die Darstellerinnen sich während des Stückes entkleiden sollten. Es geht also um Entertainment, Striptease ist nur eine Folie dafür.

Die Vorstellung von Burlesque ist oft klischeebeladen. Haben Sie ein Champagnerglas zu Hause stehen, in dem Sie sich bewegen können?

In der Tat, ich habe viele große Requisiten daheim, zum Beispiel einen Pavillon, der 2,80 Meter hoch ist. Einiges lagert im Keller, aber manche der Teile sind so schön, dass ich mich ständig damit umgebe, wie meine Vintage-Ottomane.

Hat das Festival eine bestimmte Zielgruppe?

Wir haben nie groß Werbung für die Veranstaltungen gemacht und drauf geachtet, dass wir in den richtigen Medien, will sagen, in seriösen Medien erscheinen. Die Menschen, die Karten für das Festival kaufen, sind 18 bis 80 Jahre alt. 60 Prozent der Käuferinnen sind Frauen. Alle Schichten sind vertreten, vom Studenten bis zum Millionär. Sie alle verbindet die Liebe zur Kunst.

Warum wird diese Liebe gerade in Berlin gefeiert?

Berlin hat eine lange Varieté-Kultur, gerade wenn man an die 20er-Jahre zurückdenkt. Die Stadt ist ein Schmelztiegel für jegliche Kunstformen. Die Menschen hier sind einfach offen, aber auch sehr anspruchsvoll. Mittlerweile reißen sich internationale Top-Performer darum, bei uns in Berlin dabei zu sein.

Gibt es auch abseits des Festivals gute Adressen in Berlin, um Burlesque zu erleben?

Ja, zum Beispiel die Veranstaltungsreihe „La Fête Fatale“, den „Bassy Cowboy Club“ und die Bar „Zum Starken August“ in Prenzlauer Berg oder das „Prinzipal“ in Kreuzberg.

Beim Festival gibt es Champagner, Cup- cakes und andere Leckereien. Sind Burlesque-Fans Genussmenschen?

Ja, Burlesque-Menschen sind Connaisseure! Sie haben einen Sinn für das Schöne, Eigene. Es sind Menschen, die sich mit ihren Sinnen auseinandersetzen. Die Location wird auch mit ätherischen Ölen beduftet. Das passt unheimlich gut. Es geht um den Genuss, von dem man sich berauschen lässt.

Sie selbst sind eine der versiertesten Burlesque-Künstlerinnen Deutschlands. Ist Ihnen dennoch auf der Bühne mal ein Missgeschick passiert?

In Nizza bin ich mal fast von der Bühne gesegelt, weil der Boden so verdammt rutschig war. Aber ein richtiger Unfall blieb zum Glück bisher aus.

Eine weitere bekannte Vertreterin Ihrer Szene ist Dita Von Teese. Was halten Sie von Ihrer Kollegin?

Ich finde es super, dass sie die breite Öffentlichkeit mit dieser Kunstform in Berührung gebracht hat. Sie macht tolle Shows, auch wenn ich manchmal ein wenig das Storytelling bei ihr vermisse, also die Geschichte hinter einer Performance.

Ist Dita Von Teese so etwas wie ein Vorbild für Sie?

Nein, dass kann man nicht sagen. In der Burlesque sollte man am besten man selbst, beziehungsweise sein Alter-Ego sein. Eine zweite Dita oder etwa eine Marilyn Monroe braucht niemand. Man sollte seine eigene Nummer 1 sein.

Was bringt Menschen dazu, sich dem Hobby kunstvollen Ausziehen zu verschreiben?

Ich denke, Menschen an sich mögen Applaus, wollen gesehen werden. Gerade Frauen nehmen sich heutzutage viel zu selten die Aufmerksamkeit, die sie sich nehmen dürfen, und die gut tut. In den Burlesque-Kursen darf man so sein, wie man ist. Sich in seiner Haut wohlzufühlen und sich nicht ständig zu kritisieren, das wird zelebriert. Das feiert auch unser Festival-Publikum. Jeder gibt sich viel Mühe mit seiner Kleidung, mit dem Make-up, das ist einfach etwas ganz Besonderes.

Gibt es eigentlich auch Männer, die sich dem Burlesque verschrieben haben?

Ja, allerdings! Das nennt sich dann Boylesque. Auf unserem Festival zum Beispiel treten zwei tolle Kollegen auf. Einer davon ist Ire, der sich während der Performance den Irokesen anzündet! Die Männer lassen sich immer tolle Dinge einfallen.

Welche Tipps würden Sie jemanden geben, der mit Burlesque anfangen möchte?

Man muss sehen, welcher Teil von einem sich dafür interessiert. Welche Düfte, Stoffe, Songs inspirieren einen? Bei der Burlesque wird alles extremer, Haare, Make-up, Bewegungen. Man muss genau in sich hineinfühlen, um zu entdecken, was man größer machen möchte.

Was gehört zur Grundausstattung?

Zur klassischen Grundausstattung zählen in jedem Fall halterlose Strümpfe, hohe Schuhe, die verändern den Gang, und eine tolle Frisur.

Muss so etwas teuer sein?

Ein schönes Set Wäsche gibt es schon ab 100 Euro. Ein richtiges Kostüm von mir kann aber mehrere Tausend Euro kosten. Aber: Ein billiges Kostüm bedeutet nicht gleich, dass die Show schlecht sein muss. Alles Selbstgemachte ist schön, wenn man den Gedanken und die Persönlichkeit im Look entdecken kann.

Berlin Burlesque Festival 2016, 20.–23. Oktober, im „Wintergarten“, „Heimathafen Neukölln“ und „Café Hundertwasser“, berlin-burlesque-festival.com